Taiwans Energiewende

    Streit um den Strommix

    28:09 Minuten
    Luftaufnahme vom Kernkraftwerk mit der Umgebung in Gongliao, 70km entfernt von Taipei/Taiwan.
    Atomkraftwerk Nummer vier an Taiwans Nordküste war nach 15-jähriger Bauzeit nie in Betrieb genommen worden. Das wollen Atomkraftbefürworter ändern. © Getty Images / Lam Yik Fei
    Von Carina Rother  · 20.12.2021
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    Bis 2025 soll in Taiwan der letzte Atommeiler abgeschaltet werden. Doch dagegen regt sich Widerstand: Eine Gruppe namens "Klima-Avantgarde" kämpft dafür, dass die Kernkraft bleibt. Doch auch die Gegenseite mobilisiert.
    Ein kühler Wintermorgen im ländlichen Osttaiwan. Auf einer Bergstraße fährt ein Shuttlebus durch den nebelverhangenen Dschungel. Darin eine Gruppe Studierender auf dem Weg zu Taiwans erstem Erdwärmekraftwerk, das heute eröffnet wird.
    „Wir sind mit unserem Professor hier. Er forscht zu Geothermie“, sagt eine Masterstudentin. Sie weiß, dass es noch viele dieser Kraftwerke braucht, wenn Taiwan sein erklärtes Ziel erreichen will, in vier Jahren 20 Prozent Strom aus Erneuerbaren zu beziehen. Aktuell sind es knapp sechs Prozent. Das neue Kraftwerk wird 10.000 Haushalte mit Strom versorgen.
    „Es ist ein guter Anfang. Mehr grüne Energie ist notwendig.“

    Für Geothermie prädestiniert

    Auf dem Gelände angekommen schauen sich die Studierenden mit ihrem Professor das Erdwärmekraftwerk genauer an. Ein dichtes Geflecht aus dünnen und dicken Rohren, das meterhoch aus dem Boden ragt. Es zischt und dampft. Als pazifische Insel sei Taiwan prädestiniert für die Stromgewinnung aus Geothermie, sagt der Professor:
    „Aktuell gibt es 23 solche Projekte, größtenteils von privaten Investoren.”
    Eine Gruppe Menschen posiert für ein Foto vor einem Erdwärmekraftwerk.
    Professor Lee Chao-shing (Mitte) forscht seit Langem zu Erdwärme.© Deutschlandradio / Carina Rother
    Lee Chao-shing ist Vorsitzender von Taiwans Geothermie-Verband. Der emeritierte Geologieprofessor erklärt, dass die Technologie in Taiwan schon seit fast 40 Jahren existiert:
    „Damals hatte Taiwan noch keinen so hohen Strombedarf und die Industrie war noch nicht so weit entwickelt. Geothermie gab es schon, aber die wurde nicht weiterentwickelt. Man wollte Atomenergie, um eine Atombombe zu bauen und damit gegen China zurückschlagen zu können. Das war die Einstellung vor 30 Jahren. Aber daraus wurde später nichts.”

    Anti-Atombewegung als Treiber der Demokratie

    In den 90er-Jahren demokratisierte sich Taiwan und setzt seither auf Deeskalation statt auf Konfrontation mit China. Die Anti-Atombewegung war als erste nationale Protestbewegung sogar ein Treiber der Demokratisierung.
    Inzwischen ist der Anteil der Kernkraft im Strommix auf elf Prozent gesunken. Die Atom-Brennstäbe muss die Insel aber nach wie vor importieren, genauso wie fossile Energieträger. Erneuerbare Energien böten die Chance für mehr Selbstversorgung, sagt Professor Lee:
    „99,9 Prozent der Brennstoffe importiert Taiwan aus dem Ausland. Für Öl, Gas und Kohle geben wir jährlich 32 Milliarden Euro aus. Mit nur zehn Prozent Strom aus Geothermie, Sonne und Windkraft könnten wir schon drei Milliarden sparen.”
    63 Millionen Tonnen Kohle hat Taiwan laut Statistischem Jahrbuch 2020 importiert. Strom wird zu 45 Prozent aus Kohle gewonnen. Insgesamt machen fossile Brennstoffe sogar 80 Prozent des Energiemixes aus. Das soll sich nun radikal ändern. Der Plan für 2025: 20 Prozent Erneuerbare, 30 Prozent Kohle, 50 Prozent Erdgas, und null Prozent Atomstrom. Der Atomausstieg ist eigentlich beschlossene Sache. Die Genehmigung für die letzten aktiven Meiler läuft bis 2025 ab. Dass das so bleibt, dafür kämpft May Chiang:
    „Als Fukushima gerade erst passiert war, waren viele erschüttert. Aber als die Berichte weniger wurden, ist das Bewusstsein für die Gefahr wieder verschwunden. Im Vergleich zu Atomkraftwerken ist die Schädlichkeit von fossilen Kraftwerken offensichtlicher: Man sieht und riecht es. Da besteht ein größerer gesellschaftlicher Konsens.”

    Die Angst vor einem Atomunglück ist groß

    Die pensionierte Lehrerin ist zwischen zwei Atomkraftwerken an Taiwans Nordküste aufgewachsen. Bei einer musikalischen Lesung in einem kleinen Studio in Taipei warnt sie vor der Gefahr von Atomkraft:
    „Den Atommüll zu entsorgen, ist für Taiwan noch schwieriger als für andere Länder. Außerdem würde Taiwan ein Atomunglück nicht überstehen - egal ob in Nord- oder Südtaiwan. Taiwan ist nicht sehr groß.”
    Die Insel hat etwa die Fläche von Baden-Württemberg. 23 Millionen Menschen wohnen in dichtbesiedelten Ballungszentren. Dem Land fehlt ein Plan für die Endlagerung – Atommüll wird bis auf Weiteres in den Kraftwerken gelagert. Deswegen ärgert es die Aktivistin, dass eine Gruppe den Atomausstieg jetzt per Referendum stoppen will:
    „Sie nutzen jede Gelegenheit, sei es ein Stromausfall oder ein Problem mit den Leitungen, um die Angst vor Strommangel zu schüren.”

    "Klima-Avantgarde": Atomstrom für den Übergang

    Die Gruppe nennt sich „Klima-Avantgarde“ und hatte 2018 bereits ein Pro-Atom-Referendum auf den Weg gebracht. Die Forderung damals: "Yi he yang lü", mit Atomstrom die Erneuerbaren heranreifen lassen. Sie gewannen mit 59 Prozent der Stimmen. Den Kurs raus aus der Kernkraft änderte die Regierung nicht, nur die Deadline wurde aufgeweicht. Das neue Referendum: Atomkraftwerk Nummer vier soll aktiviert werden. Der Meiler an Taiwans Nordküste war nach 15-jähriger Bauzeit nie in Betrieb genommen worden.
    Eine Unterstützerin des Referendums ist im Taxi unterwegs zur nächsten Aktion. Der „Klima-Avantgarde“ hat sie sich kurz nach dem letzten Atom-Referendum angeschlossen:
    „Das Referendum hatte doch eine Mehrheit! Warum wird dann noch immer nicht auf Atom gesetzt? Warum wurden die Kosten von neuneinhalb Milliarden Euro für Atomkraftwerk Nummer vier einfach so verschwendet?”
    Die Frau Anfang Fünfzig hält taiwanische Atomkraft für sicher. Ihren Namen will sie nicht nennen. Zu unbeliebt sei die Bewegung in Taiwan:
    „Unsere Regierung ist gegen Atomkraft. Sie wollen nicht, dass die Leute zu viel über die Vorteile erfahren. Pro-Atom-Stimmen werden in den Medien unterdrückt.”

    Taiwan ist abhängig von Kohleimporten

    An einer vielbefahrenen Straße trifft sie sich mit drei weiteren selbsternannten Klima-Avantgardisten. Heute wollen sie zwei Briefe überreichen, an den Direktor des staatlichen Stromkonzerns Taipower und an den Direktor des Wirtschaftsministeriums. Darin die Aufforderung zu einer Foto-Challenge: Auf einem Bein stehen als Metapher für eine Energiepolitik ohne Atomenergie.
    Zwei Männer mit Mund-Nasenschutz stehen sich in einem Foyer gegenüber. Einer hält eine Mappe mit einem Brief in der Hand.
    Mit öffentlichen Aktionen und Referenden kämpfen Pro-Atom-Aktivisten für den Erhalt der Kernkraft.© Deutschlandradio / Carina Rother
    Die Aktion verläuft unspektakulär. Die Aktivisten geben ihre Briefe in Vorzimmern ab und posten darüber auf Facebook. Beim Kaffee danach erklärt einer der Initiatoren, Lee Min, seine Sicht:
    „Taiwan ist weltweit auf Platz Eins der Pro-Kopf-Kohleimporte. Wenn man sich die anderen Länder mit hohen Kohleimporten ansieht - Südkorea, Indien, und Japan - dann nutzen alle Atomenergie. Nur Taiwan will nicht.“
    Lee Min ist Dekan am Lehrstuhl für Nuklearwissenschaft an Taiwans Eliteuniversität Tsing Hua. Für ihn ist Atomkraft eine stabile, saubere Stromquelle, die grüne Energien ergänzen könnte. Das Problem der Endlagerung werde die Wissenschaft in Zukunft lösen.
    „Was ist die größte Krise, der die Menschheit heutzutage gegenübersteht? Der Klimawandel. Wir müssen viel Kraft aufbringen, um diese Krise zu überwinden. Und dafür müssen wir eines opfern, und zwar die Wertvorstellungen einzelner Leute.”

    Es fehlt an großen Umwelt-Dachverbänden

    Die Anti-Atombewegung hingegen rechnet vor, es würde 1,5 Milliarden Euro kosten und bis zu 15 Jahre dauern, das Kraftwerk Nummer vier zu aktivieren. Auch Taiwans Regierung macht Stimmung gegen das Atom-Referendum. Bei dem Abstimmungstermin am 18. Dezember geht es nämlich noch um ein zweites Referendum, das ihre Energiepolitik infrage stellt: Es betrifft ein geplantes Erdgasterminal an der taiwanischen Westküste.
    Einige Naturschützer mobilisieren gegen den Bau, weil er in einem ökologisch wertvollen Algenriff stehen soll. Andere Umweltgruppen sind für das Terminal: Mehr Gas bedeutet weniger Kohle und bessere Luft. Egal, wie die Taiwanerinnen und Taiwaner stimmen - rechtlich bindend sind beide Referenden nicht. Einen Gesichtsverlust hat die Regierung aber sehr wohl zu befürchten. Alle Seiten veranstalten Demos, Pressekonferenzen und TV-Debatten. Nur über den schleppenden Ausbau der Erneuerbaren redet kaum jemand.
    „Es gibt viele NGOs, aber in Taiwan ist immer die Herausforderung: Die NGOs sind unglaublich zersplittert. Es gibt keine großen Dachverbände wie BUND", sagt Raoul Kubitschek. "Von daher macht jeder so für sich, und dann macht wieder jemand eine neue NGO auf oder einen neuen Industrieverband. Allein in Offshore-Wind zählen wir jetzt fünfzehn Verbände.“
    Raoul Kubitschek leitet die Taiwan-Niederlassung des Grünen Energieberatungsunternehmens Niras. In seinem Büro in Taipeis Businessviertel berät der Sinologe und Volkswirt ausländische Energieunternehmen, die in Taiwan bauen wollen. Besonders für Investoren in Windenergie sei die Insel sehr interessant, sagt der Firmenberater. Weil Taiwan auf Betreiben von China von internationalen Klimaabkommen ausgeschlossen ist, müsse der Druck für mehr grüne Energie über die Lieferketten kommen. Auch wenn es in Taiwan keine große Klimalobby gibt, sagt der Energieexperte, nehme die Energiewende langsam Fahrt auf:
    “Ich glaube, es ist Bewusstsein da, weil die große Herausforderung, die die Regierung hat, ist, dass taiwanische Unternehmen grünen Strom brauchen. Und zwar nicht, weil die taiwanische Regierung das sagt, sondern weil europäische Unternehmen das wollen, oder amerikanische Unternehmen. Zum Beispiel Apple sagt, ihre Zulieferer müssen alle irgendwann Richtung 100 Prozent Erneuerbare gehen. Von daher sind eigentlich alle ziemlich hinterher.”

    "Jammern auf hohem Niveau"

    Trotzdem hinkt der Ausbau von Wind-, Solar- und Erdwärmeenergie den gesteckten Zielen hinterher. Wachsender Strombedarf durch die boomende Halbleiterindustrie, ein zu niedriger Strompreis und schlecht gedämmte, stark klimatisierte Wohnungen erschwerten die Trendwende zusätzlich, sagt Raoul Kubitschek. Er sieht Taiwans Energiewende im Vergleich zu Ländern wie Japan dennoch optimistisch:
     „Es ist sozusagen Jammern auf hohem Niveau. Andere haben noch nicht mal gebaut.“
    Was den Klimawandel betrifft, sieht Anti-Atomaktivistin May Chiang die Mächtigen in der Pflicht:
    „Das reichste Prozent der Weltbevölkerung verursacht so viele CO-Emissionen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Deswegen ist der Klimawandel ein Problem des Kapitals. Und egal, welche Partei Taiwan regiert, sie folgen alle den Kapitalisten.”
    Eine Demonstration mit wenigen Dutzend Teilnehmern zieht durch eine breite Straße in Taiwan. In der ersten Reihe Demonstrierende mit einem großen weißen Transparent.
    Allzu viele Menschen treibt das Thema Atomkraft in Taiwan nicht auf die Straße - wie hier bei einer Anti-Atomdemo in Taipeh.© Deutschlandradio / Carolin Rother
    Sie zieht Ende November mit einer 100-köpfigen Anti-Atomdemo durch Taipeis Straßen. Eine Gruppe SeniorInnen ist dabei, Veteranen der 40 Jahre alten Bewegung. Dazu 21 junge Aktivistinnen und Aktivisten, die aus Protest vom Atomkraftwerk Nummer vier bis vor das Präsidialamt nach Taipei marschieren - 70 Kilometer, zwei Tage und eine Nacht. Eine von ihnen ist die 20-jährige Etta Lee:
    „Mein Körper ist erschöpft, meine Füße tun weh. Aber der körperliche Schmerz ist harmlos, und zwei Tage sind nichts im Vergleich zu 30, 40 Jahren Anti-Atombewegung.”

    Erneuerbare Energien nicht überall gern gesehen

    Als Sozialwissenschaftsstudentin erforscht Etta Lee die Geschichte von Enteignung und Widerstand beim Bau von Atomkraftwerken während der Diktaturzeit. Sie wünscht sich Aufarbeitung. Und einen gesellschaftlichen Dialog über Energiepolitik, der alle erreicht. Die Studentin spricht sich für eine faire statt einer schnellen Energiewende aus:
     „Warum ist der Ausbau der Erneuerbaren noch recht begrenzt? Es gibt aktuell viele Beschwerden, zum Beispiel, wenn Solarpaneele auf indigenem Gebiet gebaut werden. Oder die großen Windanlagen im Meer. Gegen die protestieren viele. Ich finde es sehr schwierig. Die NGOs wissen nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Es ist komplizierter, als zu sagen 'Wir sind dagegen'. Es sind grüne Energien, aber vielleicht ist der Ausbau nicht immer gerecht.“

    Ein Referendum mit geringer Beteiligung

    Der Tag der Abstimmung ist gekommen. Gespanntes Warten, während die Wahlhelfer die Stimmen für das Referendum auszählen. Dann ist das Ergebnis bekannt: 52,8 Prozent haben gegen Atomkraftwerk Nummer vier gestimmt, 400.000 mehr als dafür. Die Erdgaszapfstation befürworten 51,6 Prozent. Aber: Die Ergebnisse sind nicht gültig. Die Wahlbeteiligung von 41 Prozent war zu niedrig. In Taiwan muss mindestens ein Viertel aller Wahlberechtigten für eine Seite stimmen, damit das Ergebnis zählt. Präsidentin Tsai Ing-wen sieht sich trotzdem in ihrer Politik bestätigt:
    „Das Referendum macht klar: Die Taiwaner befürworten die Energiewende. Sie wollen eine stabile Stromversorgung und eine Wirtschaft mit Wachstumspotenzial. Das Referendum beweist noch einmal, dass wir in einem demokratischen System verschiedene Meinungen austauschen und uns gegenseitig überzeugen können.“
    Ein Referendum mit ungültigem Ergebnis und geringer Wahlbeteiligung – ein Signal für Desinteresse an der Energiepolitik? Vielleicht. Aber auch eine demokratische Übung für die junge Zivilgesellschaft Taiwans.

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