Wolfgang Hegewald: "Tagessätze. Roman eines Jahres"

    Wahrnehmungspartikel zu 2020

    11:28 Minuten
    Wolfgang Hegewald hat lockige Haare, trägt eine Brille und einen Bart. Auf dem Schwarzweiß-Bild sind im Hintergrund dichte Baumkronen zu sehen.
    Wolfgang Hegewald durfte in der DDR nicht veröffentlichen. Im Westen wurde er von der Kritik gefeiert. © Roman Pawlowski
    Wolfgang Hegewald im Gespräch mit Joachim Scholl · 24.09.2021
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    Wolfgang Hegewald hat sich dank eines lange gefassten Vorsatzes intensiv literarisch mit dem Jahr 2020 beschäftigt. Der Schriftsteller spricht von Hybridprosa, die beim Blick auf die Welt entsteht. Zum Beispiel in "Tagessonaten".
    Wolfgang Hegewald hat für das Jahr 2020 "Tagessätze" veröffentlicht und damit ein angesichts der Coronakrise sehr besonderes Jahr erwischt: "Ich habe wirklich am 1. Januar mit den Aufzeichnungen begonnen, nicht ahnend, was für ein Jahr mir da zufallen würde", sagt der 1952 in Dresden geborene Schriftsteller.

    Selbstverpflichtung für die Jahr mit Null am Ende

    Das Buch sei einer Selbstverpflichtung entsprungen, erklärt er. Er habe zum ersten Mal im Jahr 2000 eine solche Jahresmitschrift gemacht, angesichts des Millenniumsgetöses. "Es machte mir einen Riesenspaß, mehr, als ich vorgesehen hatte und dann ging ich die Selbstverpflichtung ein, dass ich das, bei Leben, hinreichender Gesundheit und auch hinlänglicher poetischer Vernunft, so lange tun will, wie ich lebe, mit allen Jahren, die auf eine Null enden."
    Die Aufzeichnungen zum Jahr 2000 sind erschienen, die zu 2010 lägen noch in der Schublade, und nun gebe es auch die zum Jahr 2020.
    "Es sind Aufzeichnungen", sagt Hegewald zur Form des aktuellen Buches. "Ich setze mich dezidiert vom Tagebuch ab. Also keine kalendarische Introspektion, keine porentiefe Autofiktion. Ich spreche gerne von in Sprache modellierten Weltzeiten: Blicke nach außen, die Welt interessiert mich."

    Hybridprosa und Tagessonaten

    Diese Art von Aufzeichnungen – "ich spreche auch gelegentlich von Hybridprosa" – biete die wunderbare Möglichkeit, mit allen Formen und Facetten, die die Prosa bietet, zu arbeiten. "Da finden sich Mikro-Essays, Kurzerzählungen, Denkbilder, aber auch Reflexion, Träume, Polemiken, natürlich Wahrnehmungspartikel, politische Beobachtung." Dann gelte es, die Kunst der Komposition zu leisten, "all das in einem Prosa-Mobile zu verbinden", schildert Hegewald seinen Anspruch.
    Es solle kein politisches Übergewicht geben, sondern es soll wirklich ein Roman werden. "Es wird eine Form", so der Autor. Ein ganz besonderes Prinzip in dem Buch sind die "Tagessonaten":
    "Musst du da wirklich hinfliegen?"
    "Man möchte echt nicht nerven mit solchen Fragen."
    "Jetzt habe ich zwei Schafe, zwei Hunde, zwei Kinder."
    "Eine Tagessonate ist eine Komposition, eine Collage aus drei von mir nicht angetasteten Sätzen einer Tageszeitung", erklärt Hegewald. "Meine Autorenschaft, die sieht man an den Nähten, das heißt, es ist auch ein sanfter Unsinn, der da ins Buch hineinweht, es sind groteske Zusammenhänge."

    Das "Gängelband der Sprachkonventionalität" kappen

    Die Menschen seien auf Bedeutung dressiert und von klein auf an ein "Gängelband der Sprachkonventionalität" gebunden, erklärt Hegewald: "Das ein wenig zu kappen, Jean Paul hat mal gesagt, der Sprache die Zunge zu lösen, das versuche ich mit solchen kleinen Sonaten, Sprachkammermusik, die als eine Art Basso continuo durch das ganze Buch durchlaufen."
    "Ich habe beim Schreiben gedacht, das ist der riskanteste Part in dem ganzen Unternehmen", aber die Rückmeldungen der Testleser seien positiv gewesen: "Ich dachte, es ist nicht ohne Risiko, ob man wirklich dieses Aroma des sanften Unsinns und des Nonsens durch das ganze Buch wird ertragen können, aber es scheint geglückt zu sein."

    Politische Vergesslichkeit

    Die Besonderheit des Jahres mit der Corona-Pandemie, mit Einschränkungen des Alltagslebens und Diskussionen um Masken und Impfungen schlägt sich auch in den Tagessätzen nieder.
    Hegewald formuliert mehrfach Reflektionen aus seiner Zeit in der DDR im Hinblick auf Corona-Leugner, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, die von Diktatur schreien: "Cluster des Schwachsinns und der Niedertracht", heißt es dann einmal, oder: "Meine Güte, was wisst ihr von Diktatur?"
    Hegewald durfte in der DDR nichts veröffentlichen, Anfang der 80er-Jahre ließ man ihn in die Bundesrepublik ausreisen, wo seine Bücher von der Literaturkritik gefeiert wurden. Er will nicht von Erbitterung angesichts der Phänomene sprechen, aber: "Es hat mich beschäftigt und umgetrieben, diese Art der politischen Vergesslichkeit."
    (mfu)

    Wolfgang Hegewald: "Tagessätze. Roman eines Jahres"
    Wallstein, Göttingen 2021
    285 Seiten, 24 Euro

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