Schicksalsbeschreibung eines zeitweise Vergessenen

Trotz früherer Erfolge schrieb Wolfgang Hegewald jahrelang nur für die Schublade. © Stock.XCHNG / Christy Thompson
Wolfgang Hegewald im Gespräch mit Joachim Scholl · 21.08.2009
Wolfgang Hegewald versteht seinen Roman "Fegefeuernachmittag" nicht primär als Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Der einst gefeierte Autor, der erstmals nach zwölf Jahren wieder ein Buch veröffentlicht, schreibt darin über die vergebliche Verlagssuche und sein Abrutschen in die Vergessenheit.
Joachim Scholl: Der Schriftsteller Wolfgang Hegewald, Jahrgang 1952, stammt aus Dresden. In der DDR durfte er nichts veröffentlichen. 1983 ließ man ihn in die Bundesrepublik ausreisen, dort wurden seine Bücher von der Literaturkritik gefeiert. Er gewann beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, erhielt Preise und Stipendien, doch plötzlich, nach acht Büchern, wollte niemand mehr etwas von ihm wissen. Kein Verlag interessierte sich mehr für ihn, Lektoren, frühere Freunde aus der Branche wandten sich von ihm ab. Wolfgang Hegewald verschwand – buchstäblich – als Schriftsteller, seine Bücher wurden verramscht. Jetzt, zwölf Jahre nach seinem letzten Roman, ist Wolfgang Hegewald wieder da mit einem Buch, das dieses Autorenschicksal beschreibt und dabei auch Ross und Reiter nennt. "Fegefeuernachmittag" heißt der Roman, der heute erscheint. Wolfgang Hegewald ist jetzt im Studio, guten Tag!

Wolfgang Hegewald: Guten Tag!

Scholl: "Fegefeuernachmittag", Herr Hegewald, unter diesem Titel steht im Buch "Mein Leben. Von ihm [selbst] erzählt. Kolportageroman". Und noch deutlicher liest man auf der allerersten Seite, dass der Held und Erzähler, der Schriftsteller Nathan Niedlich, dieses Buch unter dem Pseudonym Wolfgang Hegewald veröffentlicht. Man darf und soll ja nie den Autor mit dem Romanhelden in eins setzen eigentlich, Grundkurs Literatur Regel eins. Sie setzen diese Regel offensiv außer Kraft. Haben Sie sich gesagt, keine Spielchen, er ist ich und ich ist er, dass das gleich mal klar ist?

Hegewald: Da möchte ich doch behutsam widersprechen. Ich glaube nicht, dass ich aus dem wirklichen literarischen Spiel ausschere. Er ist er und ich bin ich. Ich lege natürlich gewisse Köder aus, also ganz früh schon das identische Geburtsdatum, aber dennoch, wenn man genauer hinschaut, schon die biografischen Umstände unterscheiden sich oft sehr. Mein Held studiert in Karl-Marx-Stadt, dort bin ich nie gewesen, und dergleichen mehr. Also es ist ein Spiel von Nähe und Ferne, aber es ist deutlich ein literarisches Spiel und kein Spiel mit der Identität alleine. Übrigens, schon der ironische Umstand, dass am Anfang im Vorwort mein Protagonist Nathan Niedlich erzählt, seine Anwälte hätten ihm geraten, unter dem Pseudonym Wolfgang Hegewald es doch noch mal zu versuchen, ist ja sozusagen an Ironie schwer zu überbieten. Er müsste sofort seine Anwälte wechseln.

Scholl: Auf diese Ironie, da kommen wir noch, Herr Hegewald. Seit 1983 haben Sie acht Bücher veröffentlicht, stets in renommierten Verlagen – bei S. Fischer, bei Claassen, im Gustav Kiepenheuer Verlag, dort erschien 1997 Ihr letzter Roman, "Ein obskures Nest", und dann war mit einem Mal Schluss. Zwölf Jahre schreiben für die Schublade sozusagen, wie ich weiß, lagern dort etliche Manuskripte, die alle abgelehnt wurden. War dieser "Fegefeuernachmittag" also eine Art Verzweiflungstat und Schlussstrich?

Hegewald: Nun denn, Verzweiflungstat, das klingt ja erst mal nach Amok- oder Kurzschlusshandlung, das ist dieses Buch gewiss nicht. Das Buch ist ein Roman, also ein ästhetisch wohl kalkuliertes Artefakt. Nichtsdestotrotz spielt natürlich Verzweiflung eine Rolle, denn es wird erzählt von einem Trauma, von einer Beschädigung sozusagen im Mark der Seele meines Protagonisten. Insofern ist Verzweiflung im Spiel, aber natürlich im Spiel eines Romans.

Scholl: Sie kommen aus der DDR, Wolfgang Hegewald, und haben in Ihren Büchern oft deutsch-deutsche Geschichten erzählt, über Grenzerfahrungen im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Es waren Romane, die in den 1980er-Jahren in der Bundesrepublik viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Es war eine eigenwillige, ganz unverwechselbare Prosa, man hat vom magischen Realismus des Wolfgang Hegewald gesprochen. Weniger vornehm ausgedrückt: Waren Sie ein beliebter literarischer Vorzeige-Ossi, den man nach der Wende einfach nicht mehr brauchte?

Hegewald: Ich weiß es nicht so recht. Ich bin ja relativ unspektakulär in die Bundesrepublik gelangt 1983 mit einem Ausreiseantrag, ich hatte überhaupt keine dissidentische Aura, wollte diese auch so nie haben, sondern – und das könnte noch ein Ausfluss ostzonaler Torheit gewesen sein – ich habe mich einfach versucht auf meine Texte zu verlassen. Also ich habe den Rat von Joseph Conrad früh zu beherzigen versucht: Der Autor soll sich nicht zeigen. In Sachen Aufmerksamkeitsökonomie war ich sicher lange naiv, das könnte ich mir vielleicht vorwerfen. Aber weniger eigentlich den Vorzeige-Ossi, ich glaube, das ist nicht das Etikett, was für mich jetzt genau trifft.

Scholl: Was haben Ihnen denn Verleger, Lektoren konkret gesagt, wenn Sie ein Manuskript nach dem anderen abgelehnt haben, was haben Sie zu hören bekommen?

Hegewald: Das ist eine sehr schöne Frage. Da halte ich mich an einen Rat von John Cage und möchte sie nicht mit einer Antwort beschädigen.

Scholl: Da sind Sie aber jetzt sehr vornehm, Herr Hegewald.

Hegewald: Es gibt natürlich so zwei Muster, die ich kennengelernt habe. Das eine Muster ist das Muster des Ökonomischen, wo also literarische Sympathie mir durchaus zugetragen wird, aber gleich der ökonomische Vorbehalt mit formuliert wird: Also unser Verlag druckt erst, wenn das Buch 8000-mal verkauft zu werden verspricht. Oder aber es ist wirklich das Einheitsformular, das einfach davon spricht, man passe nicht in ein Programm oder dergleichen. Also, um es prononciert zu sagen, ein literarisches Argument ist mir in diesen zwölf Jahren kaum untergekommen.

Scholl: "Fegefeuernachmittag", nach zwölf Jahren erscheint erstmal wieder ein Roman von Wolfgang Hegewald. Er ist hier bei uns im Deutschlandradio Kultur im Gespräch. Zu Beginn Ihres Buches schreiben Sie ganz im Stile des Kolportage- und Schlüsselromans – Sie haben es schon erwähnt – von möglichen Gerichtsklagen, die Sie riskieren. Und tatsächlich tauchen ja im Roman dann eine ganze Reihe von Verlegern, Lektoren, Literaturkritikern, Zeitungsleuten und auch Schriftstellerkollegen auf, die zwar andere Namen tragen, aber doch recht eindeutig identifizierbar sind. Und zusammen bilden sie, könnte man sagen, so ein Kabinett von Karikaturen eines durch und durch verrotteten Betriebs. Wenn man diese Szenen liest, denkt man unwillkürlich: Oh, oh, da rechnet einer ab. War das Ihre Absicht?

Hegewald: Allenfalls eine Nebenabsicht. Also ich muss sagen, die Abrechnung lohnt eigentlich allein die Mühe der literarischen Arbeit nicht, das wäre mir zu wenig Motivation. Es ist eine gewisse Oberflächenschicht, die natürlich auch Spaß macht. Also es gibt polemische Passagen, wo ich ganz im Sinne der Polemik mir meinen Gegenstand zärtlich zurüste wie der Kannibale den Säugling, das mag sein. Aber ich glaube, dieser Roman spielt doch auf viel tieferen, existenzielleren Schichten auch, also dieser Roman spielt auch auf ganz anderen Schichten der Existenz, er ist eben ein Buch einer traumatischen Verletzung, er ist die Geschichte eines Schreibens, das in der Kindheit beginnt und dann durchaus ja auch erfolgreich zu werden verspricht, bis zu dieser Unterbrechung, die eigentlich aus der Binnenperspektive der Biografie kaum zu erklären ist. Ich spiele mit der Form des Kolportageromans, da ist der Herkunftsgedanke ja auch ganz interessant: Porter à col, daher leitet sich das Wort Kolportage ab, heißt "auf den Schultern tragen". Das heißt, der Kolportageroman war der Roman, der den Weg in den Sortimentsbuchhandel nie gefunden hat und von Hausierern von Tür zu Tür getragen wurde. Dieser Kolportageroman hat dann schnell Muster des Trivialen entwickelt. All das sind Spielelemente in diesem Buch. Es gibt übrigens auch die Schicht des Campus-Romans, mein Protagonist Nathan Niedlich ist akademischer Oberrat in Lüneburg – übrigens auch das unterscheidet ihn von mir. Also ich kann jetzt nur andeuten, ich glaube, es ist tatsächlich ein komplexeres Spiel als nur die grelle groteske Abrechnung.

Scholl: Dennoch, diese Schichten wird die Literaturkritik, glaube ich, sorgsam herauspräparieren, aber erst mal ist eine doch ja prominente Schicht von einflussreichen Leuten einfach im Spiel, eben auch im Spiel, aber sie sind nun mal da. Haben Sie keine Angst, dass die sich für solch eine Darstellung revanchieren, vulgo rächen? Welche Reaktionen erwarten Sie eigentlich?

Hegewald: Also ich bin für meinen Text verantwortlich, die anderen sind für die Reaktionen verantwortlich. Ich verbiete mir da jetzt eigentlich mal große spekulative Anteile. Ich bin neugierig, ich bin gespannt, ich halte das für ein wirklich gearbeitetes, elaboriertes Buch. Und jetzt bin ich sehr neugierig, wie man darauf reagiert. Ich glaube ja auch nicht, dass in meinem Text sozusagen wirklich Häme, und so diese Form der Attacke ist, sondern ich glaube, mein Protagonist bleibt doch sehr wach für alle Stimmen in seinem Leben. Und er reagiert, er geht darauf ein und beschäftigt sich damit.

Scholl: Eine Person werden auch viele Leser wiedererkennen, die keine Insider im Literaturbetrieb sind, da ist der junge Schriftsteller David Wellenstein, der mit einem drolligen Wissenschaftsroman einen Welterfolg landet, das ist natürlich Daniel Kehlmann. Sie sind seit Längerem miteinander befreundet, Herr Hegewald – wie hat sich denn dieses Verhältnis gestaltet, zwischen dem über Nacht weltberühmten und ja dem doch so lange völlig Glück- und Erfolglosen?

Hegewald: Das ist die schöne Geschichte eines Verbündet- und Verbundenseins. Ich zögere bei dem Begriff Freundschaft, das kommt mir beinahe zu anbiedernd vor, nicht nur wegen des Gefälles unserer derzeitigen Situation an den verschiedenen Polen des Literaturbetriebs, sondern auch wegen der Altersdifferenz von 23 Jahren. Und wenn man dann einem Weltberühmten sozusagen öffentlich seine Freundschaft erklärt, ist das für mich leicht anrüchig. Dennoch, es ist eine schöne Verbundenheit, wie ich’s gesagt habe, also wir sind, glaub ich, beide auf unsere Weise so souverän, dass wir mit den Texten, mit unseren Texten gegenseitig umgehen können, ohne dass sozusagen ein Schatten vom Ruhm oder Erfolg sofort darauf fällt und etwas einfärbt. Ich kann übrigens auch daran erinnern, als ich zum ersten Mal mit Daniel Kehlmann zusammen war – übrigens in einer öffentlichen Veranstaltung des NDR –, da saßen im Publikum ungefähr sieben Leute, also auch er kennt ja durchaus Wechselfälle.

Scholl: Der renommierte Berliner Matthes & Seitz Verlag springt jetzt endlich die Presche, Wolfgang Hegewald ist wieder da. Werden wir denn in Zukunft mehr von Ihnen lesen können?

Hegewald: Ja. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich zu diesem Verlag gekommen bin. Andreas Rötzer, der Verleger, ist einer, der diesen Namen Verleger wirklich noch verdient, ein hingerissener, besessener Leser. Und wir haben als Nächstes geplant, einen Band mit Aufzeichnungen, und zwar Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000, also jenem Jahr, das doch sehr aufgeladen war durch diese magischen Nullen. Dieses Bändchen soll den Titel tragen "Die eigene Geschichte" und wird sozusagen zehn Jahre Millennium erinnern nach 20 Jahren Mauerfall.

Scholl: "Fegefeuernachmittag", der neue Roman von Wolfgang Hegewald erscheint heute im Verlag Matthes & Seitz. 256 Seiten zum Preis von 19,80 Euro. Am 11. September wird das Buch übrigens in Hamburg präsentiert, und zwar von Daniel Kehlmann an der Freien Akademie der Künste um 19:30 Uhr. Wie man hört, hat der Run auf Eintrittskarten bereits eingesetzt. Es werden bestimmt mehr als sieben Personen sein. Wolfgang Hegewald, Ihnen und dem Buch alles Gute, herzlichen Dank für Ihren Besuch und das Gespräch!

Hegewald: Ich danke auch!