Wohnen

Wieviel Platz wir wirklich brauchen

Eine Frau liegt entspannt auf einem grauen Sofa in einem hellen Wohnzimmer. Neben dem Sofa sitzt eine schwarze Katze auf einem Teppich. Links steht eine große grüne Pflanze auf einem Hocker, der Boden ist aus hellem Holz.
Eine große Wohnung ist ein Statussymbol - macht aber nicht zwingend glücklich. © picture alliance / Zoonar / Dmitrii Marchenko
Viele Menschen träumen von größeren Wohnungen. Andere können sich nicht vorstellen, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Dabei ist es gar nicht die Quadratmeterzahl, die glücklich oder unglücklich macht.
Eine viel zu kleine Stadtwohnung kann krank machen. Ein geräumiges Haus mit Garten auf dem Land erfüllt Menschen aber auch nicht zwingend mit Glück. Im Durchschnitt stehen jeder Person in Deutschland mittlerweile knapp 50 Quadratmeter Wohnraum zu Verfügung. Dennoch erleben viele Menschen ihren Alltag als beengt. Warum ist das so und was brauchen Menschen wirklich, um sich in ihrem Zuhause wohlzufühlen?

Wieviel Platz haben wir?

Einerseits suchen viele Familien in den Städten händeringend größere Wohnungen, teilweise jahrelang. Andererseits hat die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Deutschland in den vergangen 30 Jahren um mehr als 14 Quadratmeter zugenommen. Was wie ein Widerspruch klingt, ist damit zu erklären, dass viele Eigenheime und große Wohnungen oft nur von wenigen Menschen oder einer einzigen Person bewohnt werden. Das treibt den Durchschnittswert in die Höhe. 
Durchschnittwerte spiegeln die tatsächliche Situation daher nur bedingt wider. Dennoch geben sie einen groben Überblick: Sie zeigen, dass den Menschen in Westdeutschland (mit durchschnittlich knapp 49 Quadratmetern) mehr Wohnfläche zur Verfügung steht, als den Menschen in Ostdeutschland (45,5 Quadratmeter). Und dass Menschen in Ost und West in Städten beengter wohnen als auf dem Land. 
Im europäischen Wohnraumvergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. In den Benelux-Ländern und auf Malta und Zypern haben die Menschen deutlich mehr Platz zum Wohnen. Dort beansprucht eine Person durchschnittlich mindestens zwei Zimmer für sich. In Deutschland sind es gut eineinhalb Zimmer. Mit weniger Platz müssen die Menschen in vielen osteuropäischen Ländern auskommen.

Wieviel Platz brauchen wir?

Manche fühlen sich im Tiny House wohl, anderen bereitet der Gedanke an die Enge Unbehagen. Wieviel Platz Menschen zum Leben brauchen, hängt von individuellen Bedürfnissen ab. Entscheidend sei nicht eine feste Quadratmeterzahl, sondern Raum für sich selbst, sagt die Soziologin Hannah Wolf. Man müsse sich seinen eigenen Raum einrichten können. „Wir brauchen genug Platz, einmal für Privatheit, für Zurückgezogenheit, auch für Identitätsausdruck und Entwicklung.“
Menschen benötigten außerdem ausreichend Platz für gemeinschaftliche Aktivitäten, zum Beispiel um Freunde zum Essen einzuladen. Zu wenig Platz könne zu psychischen Leiden und „existenzieller Verunsicherung“ führen, sagt Hannah Wolf. „Diese Verunsicherung kann umschlagen in große Angst, in Existenz- und Zukunftsangst und bis hin zu einer gefühlten Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit reichen.“
Wichtiger als die Größe des Wohnraums, seien das Wohnumfeld und der Grundriss der Wohnung, sagt die Wohnpsychologin Melanie Fritze. Doch viele Menschen meinten, sie müssten groß wohnen. Dahinter stecke oft das Bedürfnis, andere zu beeindrucken. Eine große Wohnung sei zu einem Statussymbol geworden, sagt auch die Architektur- und Wohnraumsoziologin Christine Hannemann.
Hinzu kommt, dass Menschen nicht gerne umziehen. Veränderung koste immer Kraft, sagt Melanie Fritze. „Wir alle haben in irgendeiner Weise in unsere Wohnung investiert, also ob nun wirklich finanziell oder vielleicht auch nur emotional. Die Wohnung wird einfach ein Teil von uns.“ Weil die Wohnung für ihrer Bewohner einen hohen Wert habe und ihnen Sicherheit vermittele, falle es Menschen oft schwer, loszulassen und in eine kleinere Wohnung zu ziehen.
Dabei kann wenig Raum glücklich machen. „Es gibt einige Untersuchungen, die wirklich auch nachweisen, dass das Gefühl von Zufriedenheit und Wohlbefinden in Tiny Häusern gesteigert wird“, sagt Melanie Fritze. Wer ins Tiny House einzieht, muss dem Überfluss entsagen – denn der Platz ist beschränkt. Das aber fördere einen „einfachen Lebensstil“, führe zu „weniger Stress“ und erlaube seinen Bewohnern, „sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“. 

Wie schaffen wir mehr Platz auf engem Raum?

In kleinen Wohnungen sollte vor allem der Stauraum gut optimiert werden, sagt die Wohnpsychologin Melanie Fritze. Multifunktionale Möbel und Räume können dabei helfen. 
Eine reizarme Umgebung verstärke das Gefühl, mehr Platz zu haben, sagt die Wohnpsychologin Barbara Perfahl. Das gelinge mit einem einheitlichen Farbkonzept. Auch geschlossene Möbel eigneten sich besser als offene Regale. Außerdem sei es in kleinen Räumen besonders wichtig, Ordnung zu halten. Jedes Ding benötige einen eigenen Platz. Zudem empfiehlt sie, Blickachsen zwischen den Räumen zu schaffen und Spiegel aufzustellen. Dies lasse die Räume größer wirken.

Online-Text: Kristina Reymann-Schneider
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