Katars Stadien nach der Fußball-WM

Die weißen Elefanten

06:06 Minuten
Fußballanhänger vor dem Al-Thumama Stadion in Dohar, Katar.
Was wird aus dem Al-Thumama Stadion in Dohar, hier mit Fans vor dem Viertelfinale Marokko gegen Portugal? © Getty Images / Maja Hitij
Von Stefan Osterhaus · 18.12.2022
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Auch nach dieser Fußball-WM stellt sich wieder die Frage: Was wird eigentlich aus den Sportstätten? Es darf bezweifelt werden, dass Katar alle Stadien noch brauchen wird. Architekt Volkwin Marg erklärt die Rolle der Architektur bei den Sportstätten.
Kein Preis scheint dem Gastgeber Katar zu hoch, um die Weltmeisterschaft zu veranstalten. Denn es geht nicht nur um Sport. Es geht um Symbolik, um Perspektiven. Um die Demonstration von Leistungsfähigkeit. Diese drücke sich stets in Architektur aus, sagt der Hamburger Architekt Volkwin Marg. Denn Architektur sei "natürlich" niemals unpolitisch:

Sie spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse, spiegelt die gesellschaftlichen Bedürfnisse. Sie spiegelt die Machtbedürfnisse – und sie spiegelt die jeweilige Darstellung der realen Machtverhältnisse.

Volkwin Marg

"Ganz simples Beispiel: Wenn sie die Skyline von Dallas oder Houston angucken oder von New York, der sehen Sie da das Abbild einer kapitalistischen Spekulationsgesellschaft. Wenn Sie jetzt Las Vegas angucken, ist klar, dann ist es eben der Spieltrieb des Überflusses.
Es ist ja keine moderne Erfindung, das gab es schon in der Antike, und wenn Sie jetzt eben die Sportpaläste, die Stadien oder auch andere Sportpaläste angucken, dann ist das die körperliche Form des Zeitvertreibs.“

Einen Nutzen nach der WM nicht für jedes Stadion

Volkwin Marg gründete gemeinsam mit seinem kürzlich verstorbenen Partner Meinhard von Gerkan das Hamburger Architekturbüro gmp. Es genießt Weltruf. Zahlreiche Stadien tragen die Handschrift der Architekten aus Hamburg.
Porträt des Architekten Volkwin Marg.
Architekt Volkwin Marg war mit dem Büro gmp für viele Stadionbauten verantwortlich.© dpa / picture alliance / Daniel Reinhardt
In Madrid bauen sie gegenwärtig das Bernabeu-Stadion um. Tätig waren sie aber auch an ungewöhnlichen Orten. Etwa in Manaus im brasilianischen Regenwald für die WM 2014. Einen Nutzen, der über die Veranstaltung hinausweist, gibt es aber bei Stadien längst nicht in jedem Fall.
„Der Staat investiert, und die Veranstalter profitieren dann davon. Dabei werden dann Stadionbauten erzwungen, die man dann auch aus politischen oder anderen Gründen im Land verteilen will, die später gar nicht weiter nutzbar sind. Die dann tatsächlich als weiße Elefanten dastehen, da sie keine Umnutzung kriegen können und das auch sehr schwer ist.“

Woher der Begriff "weißer Elefant" kommt

Der weiße Elefant, den Volkwin Marg erwähnt: Er ist eine Metapher, wenn es um teure Projekte geht.
Der Leipziger Historiker Dirk van Laak erklärt die Geschichte des Begriffs, der sich einem nicht sofort erschließt. Er stammt aus dem alten Siam. Dort sei es der Legende nach nicht unüblich gewesen, dass Könige in Ungnade gefallenen Günstlingen einen weißen Elefanten schenkten.
Und weil das so ein seltenes Tier war, musste man dieses Tier aufwendig unterhalten. Man konnte es nicht abschlagen und war dadurch unfehlbar ruiniert. Also war es gewissermaßen ein Danaergeschenk oder etwas, was man ja lieber nicht geschenkt bekam.
Längst wird der Begriff auch für Sportstätten verwendet. Dass gerade Stadien so verlockend sind, hat damit zu tun, dass die Bauten mit Symbolik nur so aufgeladen sind. Und mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Warum sonst ließen sich Südafrika, Brasilien und nun eben Katar eine Sportveranstaltung solche Summen kosten:
„Das ist überhaupt ein wichtiges Kriterium, die Vorstellung, dass man irgendwie hinten dran ist in der Geschichte, dass man hinterherläuft, dass man also durch so ein gewaltiges Projekt einen beherzten Sprung in die Moderne tut, in die Gegenwart und vielleicht sogar in die Zukunft. Und das macht die Verführungskraft dieser Projekte aus.“

Erfahrungen mit dem WM-Stadion in Durban

Besonders eindrücklich hat Volkwin Marg dies in Durban in Südafrika erlebt. Die Metropole am Indischen Ozean wünschte sich für die WM 2010 ein Mehrzweckstadion, um ganz große Ereignisse auszurichten. Olympische Spiele, Commonwealthspiele:
„Und dieses Stadion wurde dann gebaut mit der Reserve, es noch zu erweitern für die Commonwealthspiele inklusive der Leichtathletik-Laufbahn, die aber natürlich zunächst einmal zurückgestellt wurde. Es war ein richtiges politisches Ziel der Stadt Durban, innerhalb Südafrikas global in Erscheinung zu treten, eben auch inklusive Commonwealthspiele.“

Ein Stadion als Risiko-Objekt

So kann ein Stadion auch ein Risiko-Objekt werden. In Durban haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Der Sound der Vuvuzelas, der nicht wenigen Fans im Sommer 2010 den Nerv raubte, ist längst verstummt, da es keine großen Spiele dort mehr gab.
Eindrucksvoll: das Dach des Moses-Mabhida-Stadions in Durban, Südafrika.
Im Moses-Mabhida-Stadion in Durban gab es seit der WM 2010 keine großen Spiele mehr.© Getty Images
Mittlerweile gehört auch das Gerede von Nachhaltigkeit zu jeder Großveranstaltung dazu. Stadien für den einmaligen Gebrauch bei einer Großveranstaltung, auch jene in Katar, sollen im Idealfall rückbaubar sein, eventuell sollen Sportstätten sogar an andere Stellen transportiert werden können.

Wie solche Bauten historisch zu bewerten sind

Nachhaltig sei das aber nicht, sagt Volkwin Marg:

Nein, zunächst mal hat dies alles mit Nachhaltigkeit nichts zu tun. Dieses ist ein triebhaftes Vergnügen, das wirtschaftlich eigentlich primär zu Mehrverbrauch in jeder Beziehung angelegt ist und zur Faszination auch. Und die Bauten auch –  das hat mit Energieeinsparung, all diesen Dingen, überhaupt gar nichts zu tun.

Architekt Volkwin Marg

Bisher sind die Versprechen, die mit solchen Bauten einhergingen, kaum eingelöst worden. Der Historiker Dirk van Laak verweist aber darauf, dass man solche Investitionen über eine längere Zeitspanne anschauen müsse. Nicht immer steht allein die wirtschaftliche Bilanz dabei im Mittelpunkt:
„Das sind Ereignisse, die Gesellschaften oder Orte mobilisieren, die Ressourcen freisetzen, nicht nur ökonomische, sondern auch kulturelle und bevölkerungspolitische. Und insofern kann man nicht mit reinen ökonomischen Kriterien an die Sache rangehen und sagen: ‚Es hat sich unter dem Strich nicht gerechnet‘. Das ist schnell gesagt und festgestellt, aber historisch müsste man komplexer drangehen.“

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