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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.08.2020

Wladimir Kaminer über die Proteste in Belarus"Die Einheit der Belarussen ist beneidenswert"

Moderation: Frank Meyer

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Wladimir Wiktorowitsch Kaminer, russisch-deutscher Schriftsteller und Kolumnist. (laif / Johannes Arlt)
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer sieht nur einen Weg für den belarussischen Staat: Dialog mit seinen Bürgern. (laif / Johannes Arlt)

Seit Wochen protestieren die Belarussen gegen das Regime von Alexander Lukaschenko. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer sieht als einzige Lösung Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition - und spricht über einen Freund, der derzeit in Minsk im Gefängnis sitzt.

In der Folge der Präsidentschaftswahlen in Belarus bringen die Menschen dort mit Massendemonstrationen ihren Protest gegen das Regime von Alexander Lukaschenko zum Ausdruck. Der hat Russland um Hilfe gebeten. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wurde in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Sein Geburtsland beschäftigt ihn immer wieder - eines seiner Bücher heißt "Goodbye, Moskau. Betrachtungen über Russland".

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Jetzt sitzt einer seiner Freunde in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk: der Politologe und DJ Vitali Shkliarov. Dieser sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, berichtet Kaminer: "Er wollte sein Kind zu den Großeltern bringen und hat nicht gedacht, dass die Geschichte mit der Präsidentenwahl so ausufert."

Shkliarov sei derzeit mit 27 anderen Menschen in einer Zelle eingesperrt, die nur für sieben Gefangene gedacht sei. Kaminer hat nach eigenen Angaben versucht, von Deutschland aus Druck auszuüben: Aber es sei sehr schwierig, einen einzelnen Menschen da rauszuholen, wo doch inzwischen tausende einsäßen, sagt er.

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Die einzige Lösung für das Regime und auch für Lukaschenko selbst sei der Dialog mit der Opposition, meint der Schriftsteller: "Früher oder später wird es dazu kommen."

Unmut in allen Teilen der Bevölkerung

Er und viele seiner Landsleute schauten neidisch auf die Menschen in Belarus, wo es Demonstrationen mit 100.000 bis 200.000 Teilnehmenden gab, so Kaminer: "Eine derart große Demonstration gab es in Russland das letzte Mal 1991, als sie gegen die damaligen Putschisten auf die Straße gingen. Eine solche Einheit, wie die Belarussen sie zeigen, ist beneidenswert." Es gebe eigentlich in Belarus keine Opposition, weil alle gegen das Regime seien. Der Unmut gehe durch alle Schichten der Bevölkerung: Arbeiter, Studenten, Alleinerziehende, Rentner.

Frauen halten Blumen als Protest in die Luft bei einer Demonstration in der belarussischen Hauptstadt Minsk, am 22. August 2020. (imago / TASS / Natalia Fedosenko)Blumen gegen Gewalt bei einer Demonstration in der belarussischen Hauptstadt Minsk am 22. August 2020. (imago / TASS / Natalia Fedosenko)

Die belarussische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist in Belarus von der Polizei einbestellt worden. Sie ist Mitglied im oppositionellen Koordinationsrat, dazu soll sie wohl befragt werden. Er sei sicher, dass Alexijewitsch nicht verhaftet werde, sagt Kaminer. "Alexijewitsch hat keine tragende Rolle im Koordinationsrat. Ich glaube, sie ist mehr eine moralische Größe."

Nobelpreisträgerin als mögliche Mediatorin

Vielleicht sei diese Einladung sogar der Beginn eines Dialogs mit dem Koordinationsrat. Er verstehe, wie schwierig es für Lukaschenko sei, sich auf ein Gespräch mit seinen Bürgern einzulassen, sagt Kaminer. Nach 26 Jahren Alleinherrschaft sei das natürlich nicht leicht. Aber er müsse früher oder später damit anfangen. Es gebe keine Alternative. "Und vielleicht wäre Swetlana Alexijewitsch als eine weltoffene Person, die über die Grenzen von Belarus hinaus bekannt ist, genau der richtige Mediator für ein solches Gespräch."

(abr)

"Sie versuchen, mich zu brechen." So schreibt der Politologe Vitali Shkliarov in einem Brief, den sein Anwalt aus dem Gefängnis mitnehmen durfte. Shkliarov sitzt seit Wochen in einem Untersuchungsgefängnis in der Hauptstadt Minsk ein. In diesem Beitrag kommt neben dem Schriftsteller Wladimir Kaminer auch der Anwalt Shkliarovs zu Wort: 

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