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Weltzeit | Beitrag vom 26.06.2019

Westsahara-Konflikt"Die Waffenruhe war ein Fehler"

Von Paul Hildebrandt

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Soldat mit Gewehr in der Wüste (Frieder Heitmann)
Der Soldat Ahmed Bashir: "Der Waffenstillstand hat nichts genutzt. Wir sind immer noch hier und die Situation ändert sich einfach nicht.“ (Frieder Heitmann)

Unter der Führung der Vereinten Nationen wird wieder über den Konflikt um Westsahara verhandelt, die Marokko seit 1976 besetzt. Die Sahrauis kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Den seit 1991 herrschenden Waffenstillstand halten sie für falsch.

Die Luft ist noch kalt und klar am frühen Morgen. Auf dem Hof einer Grundschule hissen zwei Schüler eine Flagge. Um sie herum stehen etwa vierzig Kinder und rufen auf Arabisch Parolen wie: Schneidet dem Eroberer den Kopf ab. Und: Wir sind bereit für die Revolution.

Die Flagge hat die Farben schwarz-weiß-grün. In der Mitte prangt ein roter Halbmond, der einen Stern umschließt. Es ist die Flagge der Demokratischen Arabischen Republik Sahara – einem Staat, der nur aus sechs Flüchtlingslagern im Süden Algeriens besteht.

Zwei Kinder hissen eine Flagge (Frieder Heitmann)Bereit für die Revolution: Fahnenappell auf dem Schulhof. (Frieder Heitmann)

Die Kinder sollen lernen: Ihre wahre Heimat ist nicht Algerien, sondern die so genannte Westsahara. Und ihr Feind heißt Marokko. Sie sollen sich darauf vorbereiten, in den Krieg zu ziehen.

Wem gehört die Westsahara?

Die Westsahara ist eine Region an der Atlantikküste in Nordafrika, eingezwängt, zwischen Marokko und Mauretanien. Und um dieses Gebiet tobt ein jahrzehntelanger Streit. Auf der einen Seite des Konflikts steht das Königreich Marokko, auf der anderen Seite die Sahrauis, ein indigenes Nomadenvolk. Beide beanspruchen die Westsahara für sich. Über diesen Konflikt wird nun in Genf wieder verhandelt. Unter Leitung der UNO soll endgültig geklärt werden: Wem gehört die Westsahara?

Ich reise in den algerischen Teil der Sahara etwa achtzig Kilometer von der Grenze zur Westsahara entfernt. Dunkle Teerstraßen schlängeln sich durch die Sandhügel, Kamele ziehen durch die karge Landschaft. Dazwischen erheben sich sechs Camps aus dem Staub: Kleine Städte aus Lehmhütten, in denen rund 170.000 Menschen leben. Sie sind  Flüchtlinge, die vor mehr als 40 Jahren aus der Westsahara vertrieben wurden.

Hunderte von Lehmhütten in der Wüste (Frieder Heitmann)Kleine Städte aus Lehmhütten: Die Camps der Sahrauis in der algerischen Wüste (Frieder Heitmann)

Nur wenige Meter von der Grundschule entfernt, treffe ich eine Frau, die im Bürgerkrieg aus der Westsahara geflohen ist. Sie heißt Fatimatu, 61 Jahre alt, und wartet in einem großen Zelt auf mich. Sie sitzt auf einem weichen Teppich und bereitet süßen, grünen Tee vor. Mit gekonnten Bewegungen gießt sie die heiße Flüssigkeit von einem Glas ins nächste.

"Ich bin zusammen mit hunderten Frauen zu Fuß nach Algerien gelaufen, ohne Kleidung, ohne Besitz. Nur mit meiner Mutter und der Mutter meines Mannes. Zwölf Tage lang haben wir uns vor den marokkanischen Bombern versteckt, dann haben wir die Camps erreicht."

Marokko annektierte die Westsahara

Im Februar 1976 zog sich Spanien aus seiner letzte Kolonie zurück, der Westsahara. Zeitgleich annektierte das Königreich Marokko große Teile des Gebiets. Daraufhin begann ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Marokko und den Polisario, einer Guerilla-Armee der Sahrauis.

Fatimatu lebt seit mehr als vierzig Jahren in den Camps. Sie besitzt mehrere Lehmhäuser, einen Fernseher, ein Smartphone. Ihr großes Zelt ist mit schweren Teppichen ausgelegt. Sie sagt, die Erinnerungen an die Flucht aus der Westsahara seien noch immer präsent

"Wir wurden immer weiter getrieben, von einem Ort zum nächsten. Heimatlos, rechtlos. Viele von uns wurden ermordet, die Frauen misshandelt. Es war eine lange Zeit voller Schrecken."

Mehr als 15 Jahre dauerte der Bürgerkrieg. Erst im Jahr 1991 handelten die Gegner unter Leitung der UN einen Waffenstillstand aus. Er hält bis heute.

Mittlerweile sind die Flüchtlingscamps zu kleinen Städten herangewachsen mit Schulen, Krankenhäusern und Geschäften. Auf dem großen Markt im Camp Al-Ayyoun reihen sich kleine Läden entlang einer staubigen Straße. Es riecht nach Tee und gebratenem Fleisch.

Junge Sahrauis sind frustriert

Jama ist 29 Jahre alt. Er schleppt Stoffe, Parfums und Haushaltswaren in großen Kisten über die Straße. Er sagt, das meiste Geld wird für Handys und Hochzeitsartikel ausgegeben. Für junge Leute gebe es kaum etwas zu tun       

"Niemand hat hier einen festen Job, manchmal gibt es ein wenig Arbeit, manchmal verdient man mehr, manchmal weniger. Das macht es so schwierig."

Alles dreht sich um die Rückkehr in die Westsahara. Viele der jungen Sahrauis sind deshalb frustriert. So wie Nih, auch er ist 29, auch er findet keinen richtigen Job. Er arbeitet als Freiwilliger im lokalen Radiosender und jobbt als Parkwächter.

"Die Jugendlichen sehen im Fernsehen, wie die jungen Leute in Europa leben. Jeder dort hat Arbeit und kann durch die ganze Welt reisen. Hier studierst du und wenn du fertig bist, kehrst du zurück und findest keine Arbeit. Es gibt hier keine Fabriken, keine Firmen. Du musst eine schlecht bezahlte, harte Arbeit suchen und kannst deine Familie nicht unterstützen."

Viele von Nihs Freunden haben sich bereits auf den Weg nach Norden gemacht, einige von ihnen leben mittlerweile in Spanien. Nih sagt, er würde gerne bei seiner Familie bleiben, aber in den Camps könne er seine Träume nicht verwirklichen.

"Ich habe den festen Plan, bald nach Europa auszuwandern, nach Spanien vielleicht. Zuerst werde ich hart arbeiten und Geld verdienen, dann will ich mir Kameras kaufen und eine eigene Youtube-Show machen. Ich will den Jugendlichen dort zeigen, dass es Menschen an anderen Orten der Welt gibt, die ein härteres Leben haben als sie."

Die Menschen in den Camps führen ein Leben im Wartemodus. Denn beim Waffenstillstand 1991 wurde beschlossen: Ein Referendum soll über die Zukunft der Westsahara bestimmen. Doch bis heute wurde es nicht durchgeführt. Der Grund: Marokko und die Frente Polisario konnten sich nicht einigen, wer mit abstimmen darf: Nur die Bewohner von 1974, als Spanien noch das Gebiet beherrschte – oder auch die mittlerweile neu zugezogenen Marokkaner?

Eine der längsten Mauern der Welt

Ahmed Bashir, 52 Jahre alt, Soldat. Er ist Sahraui, in Marokko geboren und von dort geflohen. Ich begleite ihn zur Patrouille in die Wüste. In einem Jeep fahren wir über eine Staubpiste aus den Lagern raus zu der Mauer, die Marokko einmal quer durch die Sahara gezogen hat. Sie zieht sich als gelber Streifen bis zum Horizont. 2.500 Kilometer lang durchschneidet sie die Wüste. Es ist eine der längsten Mauern der Welt und Bashir beobachtet sie Tag für Tag.

"Ich glaube, die Waffenruhe war ein Fehler. Die ganze Welt ist hergekommen und hat zugeschaut, sogar im UN-Sicherheitsrat haben sie verhandelt, doch es hat alles nichts genutzt. Wir sind immer noch hier und die Situation ändert sich einfach nicht."

Bashir glaubt, die Sahrauis sollten zurück in den Krieg ziehen. Nur so lasse sich etwas an der Situation ändern. Doch die Kräfteverhältnisse haben sich seit den 80er Jahren gewandelt. Hinter der marokkanischen Mauer wartet eine moderne Armee mit über einhunderttausend Soldaten und einem Jahresbudget von rund vier Milliarden Dollar. Der Boden vor der Mauer ist durchsiebt mit unzähligen Landminen. Würde es zu einem Krieg kommen, es wäre ein ungleicher Kampf.

Warten, dass es wieder losgeht

Gemeinsam mit Bashir fahre ich an das Ende eines trockenen Wadis. Dort warten seine Soldaten mit Tee und Ziegenfleisch. Viele von ihnen sind noch sehr jung, ihnen sprießt gerade der erste Flaum im Gesicht.

Sein Leben lang ist Bashir Soldat gewesen. Seit dem Waffenstillstand wartet er darauf, dass es wieder losgeht. Um mir das zu beweisen, zeigt er auf seinem Handy ein Video aus dem Bürgerkrieg. Zu sehen sind marokkanische Soldaten, die auf dem Wüstenboden sitzen. Als sie gefragt werden, warum sie gefangen worden sind, antworten sie: Der Gegner war uns überlegen.

Für Bashir ist das der Beweis, dass seine Armee auch in Zukunft gegen Marokko bestehen könnte.

Der Konflikt schien von der Weltpolitik vergessen zu sein. Dann, im Dezember 2018, trafen sich Vertreter beider Parteien zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in Genf, um zu verhandeln. Nach einem zweiten Treffen im Frühling beschlossen sie, sich am Ende des Sommers ein drittes Mal zusammen zu setzen.

Es geht um viel Geld

In dem Konflikt geht es um viel Geld: In der Westsahara liegen gewaltige Mengen an Phosphat, das weltweit als Düngemittel benutzt wird. Auch deutsche Firmen interessieren sich längst für die Bodenschätze. Doch so lange die völkerrechtliche Frage nicht geklärt ist, dürfen EU-Mitglieder dort nicht investieren.

Aminetu Haidar ist die bekannteste Aktivistin für eine von Marokko unabhängige Westsahara. (dpa / picture alliance / Jorge Zapata)Aminetu Haidar ist die bekannteste Aktivistin für eine von Marokko unabhängige Westsahara. (dpa / picture alliance / Jorge Zapata)

Noch immer leben in der Westsahara hunderttausende Sahrauis unter Marokkanischer Herrschaft. Sie sagen, sie werden von Marokko unterdrückt. Aktivisten stellen Videos von Demonstrationen online und berichten von gewaltsamen Übergriffen der Polizei. Nachprüfen lässt sich das nur schwer, denn Journalisten dürfen nicht in die Westsahara reisen. Deshalb spreche ich am Telefon mit einer Aktivistin

"Es ist immer noch so, dass Marokko Demonstrationen verbietet. Sie nehmen Menschenrechts-Aktivisten fest und lassen sie verschwinden. Sahrauis werden auf der Straße und bei den Demonstrationen angegriffen. Wenn sie im Gefängnis landen, leiden sie unter der schlechten Behandlung der marokkanischen Behörden."

Aminatou Haidar ist 52 Jahre alt, sie wurde weltberühmt durch ihren friedlichen Protest gegen Marokko und hat dafür zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Für Marokko existiert kein Westsahara

Das Königreich Marokko streitet Haidars Vorwürfe ab. Für Marokko existiert weder ein Land Westsahara noch die Sahrauis. Es handle sich bei der Polisario um eine radikale marokkanische Minderheit. Meine Fragen will die marokkanische Botschaft nur schriftlich beantworten:

"In den südlichen Provinzen gibt es keine systematische Verletzung der Menschenrechte. Die Behauptungen und Anschuldigungen von Amnesty International basieren oft auf unbegründeten falschen Aussagen."

In Algerien verabrede ich ein Interview mit dem Präsidenten der Polisario. Er heißt Brahim Ghalil, ein großer Mann mit grauem Schnauzbart. Bei den Sahrauis gilt er als Kriegsheld im Kampf gegen Marokko. Heute regiert er einen Scheinstaat: In seinem Palast bröckelt der Putz von den Wänden, flackernde Neonröhren beleuchten die Flure.

Ghalil empfängt mich in einem großen Saal mit schweren Möbeln, auf denen der Wüstenstaub liegt.

"Die Sahrauis sind friedlich. Sie sind keine aggressiven Menschen, sie haben niemals einen Angriffskrieg geführt. Jeder Krieg, den wir geführt haben, war zu unserer Verteidigung. Deshalb glauben wir an eine friedliche Lösung. Die Sahrauis müssen selbst über ihre Zukunft bestimmen dürfen."

Westsahara, die "letzte Kolonie Afrikas"

Viele afrikanische Staaten wie Südafrika, Äthiopien und Botswana haben sich politisch an die Seite der Sahrauis gestellt. Sie sehen Marokko als Handlanger Europas und bezeichnen die Westsahara als "letzte Kolonie Afrikas".

Ein Mann aus dem Volk der Sahrauis hält eine Flagge der Widerstandsorganisation Polisario hoch, im Hintergrund sichern marokkanische Soldaten die Grenzmauer zum von Marokko kontrollierten Teil der Westsahara (AFP)Ein Sahraui hält eine Flagge der Widerstandsorganisation Polisario hoch, im Hintergrund sichern marokkanische Soldaten eine Grenzmauer. (AFP)

"Marokko verletzt seit Jahren die Vorgaben des Sicherheitsrats und des Völkerrechts. Wir erwarten, dass Marokko mit der internationalen Gemeinschaft und auch mit uns zusammenarbeitet. Nur so können wir gemeinsam eine nachhaltige Lösung für den Konflikt finden und den Sahrauis ihr Recht auf Selbstbestimmung verschaffen."

Doch es gibt auch unter den Sahrauis Kritik an der Führungsriege um Brahim Ghalil. Seit einigen Jahren berichtet die Online-Zeitung "Futuro Sahraui" aus den Camps. Die Autoren schreiben über Korruption von Polisario-Funktionären und kritisieren die schleichenden Verhandlungen mit Marokko. Said Zawal Mohamad ist einer der Gründer von "Futuro Sahraui". Der 36-Jährige lebt mittlerweile in Schweden und leitet von dort die Zeitung. Er sagt, in den Camps fehle es an Meinungsfreiheit.

Befreiungsbewegung Polisario in der Kritik

"Wir kritisieren die Vorgehensweise der Frente Polisario und wie sie an viele Themen herangehen, zum Beispiel die Verhandlungen nach dem Waffenstillstand. Deshalb ist die Zeitung Futuro Sahrauo so wichtig für die Bevölkerung: Es ist eine Möglichkeit, Fehler zu kritisieren, ohne Angst vor Repressionen durch die Polisario haben zu müssen"

Im Camp treffe ich Salko Mohamad. Er ist 32 Jahre alt und führt den größten Handyladen im Camp Al-Ayyoun. Lange Glasvitrinen führen vom Eingang bis zur Theke, darin reihen sich Hunderte Handys aneinander.

Mohamad klappt seinen Laptop hoch und bedient die Kunden. Er trägt seine dunklen Locken akkurat gescheitelt. Fast zehn Jahre lang hatte er in Europa gelebt. Dann entschied er sich dafür, in die Camps zurückzukehren. Heute fährt er einen grünen Mercedes und trägt neue Nike-Turnschuhe.

Junger Mann steht vor seinem Mercedes in der Wüste (Frieder Heitmann)Salko Mohamad hat sich mit einem Leben in den Camps abgefunden. (Frieder Heitmann)

"Ich habe mit wenig angefangen, aber schon nach einem Jahr konnte ich mir einen eigenen Laden bauen. Ich habe viel gearbeitet, oft bis um zwei Uhr in der Nacht. Aber gut, es hat alles geklappt. Klar gibt es hier Menschen mit wenig Geld, aber es gibt viele Jugendliche, die einfach nicht arbeiten wollen. Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit."

Das Leben in den Camps hat sich für viele Bewohner längst normalisiert. Seit einigen Jahren erhalten die Camps Strom aus Algerien, es gibt eine Filmschule und Computerkurse für Frauen.

Und Mohamad Salko träumt nicht vom Krieg, er träumt vom Fußball

"Ich möchte ein Spiel von Manchester United sehen und das werde ich im kommenden Jahr auch machen, so Gott will. Ich habe keine großen Träume, aber die, die ich habe – die setze ich auch um."

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