Wenn Politiker Bücher schreiben

    Manchmal ein Fan-, oft ein Gähnartikel

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    Annalena Baerbock hält bei der Vorstellung ihres Buches "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" ein Exemplar in den Händen
    Ob Annalena Baerbock sich mit ihrem Buch so kurz vor den Bundestagswahlen einen Gefallen getan hat? Es gibt viel Kritik. © picture alliance / dpa / Christoph Soeder
    Von Michael Schikowski · 24.07.2021
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    "Ich habe kein Sachbuch geschrieben!", verteidigte sich Annalena Baerbock gegen Vorwürfe, unsauber gearbeitet zu haben. Was aber ist die Schrift einer Politikerin dann, wenn kein Sachbuch? Ein Versuch, Licht ins Dunkel einer Genre-Verwirrung zu bringen.
    Bei Lyrik sind uns verschiedene Formen wie Sonett oder Haiku geläufig. Wir können auch Herbstgedichte oder Barocklyrik gut erkennen. Im Bereich der Sachtexte dagegen sind wir rasch hilflos. Populäre Übereinkünfte wurden kaum gesichert und sichere Regeln nie populär.
    Hinzu kommt noch gelegentliches Naserümpfen über Zweck- und Gebrauchsschriften, die sich mit den Niederungen des Alltags befassen und darum als niedere Gattungen gelten. Hugo von Hofmannsthal meinte ganz in diesem Sinne, dass geradezu alles, was man im wahllosesten Sinne Literatur nenne, alle Texte also, zum Stammbaum der Literatur gehöre. Auch die, wie er sagt, "Mischungen bis zum Grotesken" stammten in direkter Linie von der Weltliteratur ab.

    Politik ist Rede und Gegenrede

    Es mag viele Beispiele der "Mischungen bis zum Grotesken" geben. Wir sind beim Genre des Politikerbuchs: Manche halten diese Art Bücher für unziemlich. Das ist ein Irrtum, denn Politik ist nichts als Rede und Gegenrede. Das Handeln der Politik ist die Rede, und man versteht die Textsorte des Politikerbuchs vielleicht besser, wenn man die Leserinnen und Leser in den Blick nimmt, an die sich solche Bücher richten.
    Da sind zunächst natürlich die Parteigänger. Das Buch bietet ihnen im Straßenwahlkampf wertvolle Formulierungshilfen. Auch dient es der Binnenstärkung der politischen Gemeinde. Ein wenig ist es daher Fanartikel. Es wirkt persönlich und verleiht der Kandidatin oder dem Kandidaten klare Kontur, eine etwas künstliche Gradlinigkeit. Denn die entscheidende Währung der Politik ist Vertrauen.
    Die Inhalte richten sich an die, die den Text eigentlich schon kennen. Ist das Politikerbuch darum überflüssig? Nein, denn überflüssig scheinen auch Gesäßtaschen – allerdings immer nur dann, wenn man sitzt. Im Straßenwahlkampf stecken dort die glatten Werbeflyer, die man rasch zückt, während man aus dem Gedächtnis die brauchbarsten Sätze aus dem Politikerbuch zitiert. So hat im Wahlkampf alles Kopf und Hintern.

    Säurebad der klinischen Reinigung

    Das Buch richtet sich also an die, die innerlich schon gewählt haben. Zugleich aber – und damit beginnen die Probleme –, richtet sich das Politikerbuch auch an die, die noch vor der Wahl stehen. Diesen Interessierten dient das Buch als Informationsschrift. Dazu ist der Text durch ein Säurebad der klinischen Reinigung gegangen.
    Alle Kennzeichen der öffentlichen Rede, die es möglich machen, Rednerinnen und Redner bei der Entwicklung ihrer Gedanken zu beobachten, sind getilgt. Alle Ironie, alle Zweideutigkeit, jedes Augenzwinkern, jeder "Ihr-wisst-schon-was-ich-meine"-Gestus, ist ausgebürstet. Diese Bücher sind – wenn man will: aus Sicherheitsgründen – stilistisch geglättet und unergiebig.
    Diese von zwei verschiedenen Seiten ausgehende Rezeption des Politikerbuchs, der Parteigänger einerseits und der bloß Interessierten andererseits, lastet schwer auf dem Text. Vom konturierten Fan- zum gebügelten Gähnartikel ist es nicht weit. Die politische Gemeinde braucht viel politisches Verständnis und Nachsicht.

    Romane und Sachbücher trennt die Autorenrolle

    Das Politikerbuch ist also weder Roman noch dröges Parteiprogramm. Es ist ein Sachbuch. Was aber ist ein Roman? Was ein Sachbuch? Die Rollenprosa macht den Unterschied.
    So spricht beispielsweise Dostojewski in den "Dämonen" mit der Stimme des unglücklichen Liberalen Werchowenski und zugleich mit der Stimme der herrlich resoluten Julia Michailowna. Im Sachbuch lesen wir nur die Autorin und den Autor. Auch das ist eine Rolle – das wissen wir –, aber eine, bei der wir uns fragen, wie authentisch sie ist. Jedenfalls lautet so die gemeinsame Verabredung.
    Wenn eine Autorin eines Politikerinnenbuches zu ihrem Buch sagt: "Ich habe kein Sachbuch geschrieben", dann ist das sicher falsch.

    Im richtigen Moment schweigen

    Allerdings zählen Kenntnisse in Gattungen der Sachprosa nicht zu den Voraussetzungen bei der Vergabe politischer Ämter. Im richtigen Augenblick zu schweigen oder sich in Trauerreden nicht von Scherzen ablenken zu lassen, gehört schon eher dazu.
    Um die Sachlage nun vollends zu verwirren, gibt es noch eine dritte Leserschaft: erbarmungslose Leute, der politische Gegner. Fehlende Anführungszeichen machen aus einem gelehrten Zitat oder Beleg der Informiertheit ein schnödes Plagiat. Unter Umständen stellt der politische Gegner unzulässige Übernahmen fest – ja, er sucht sie geradezu! Warum? Sind wir nun alle so akademisch geworden?
    Nein, es geht um Vertrauen. Vertrauenswürdigkeit ist eine umfassende Charaktereigenschaft, die für den ganzen Menschen in allen Lebenslagen gilt – und das auch für Politikerinnen und Politiker. Darum sind weder Abrechnungen beim Finanzamt noch Fragen des geistigen Eigentums Nebensächlichkeiten – nebensächlich sind Fragen der literarischen Gattung.

    Wie den missglückten Erstling tilgen?

    Und wenn man nach einem missglückten Erstling ein zweites Politikbuch hinterherschöbe? In der Belletristik macht das jede Autorin, jeder Autor ständig aufs Neue. Und ja, das klappt auch! Das einzige großartige Buch macht dann alle schwachen vorher und nachher vergessen. Aber genau diese Macht hat in der Politik nicht das Buch, sondern die herausragende Rede, die zum Ereignis wird.
    Wie es Hofmannsthal nahelegt, stehen heutige Politikerbücher durchaus in einer direkten Linie mit den Selbstdarstellungen der Griechen und Römer. Caesars "Gallischer Krieg" war auch keine Prosaarbeit, mit der er sich in den Kampfpausen die Zeit vertrieb, sondern eine gezielte innenpolitische Zweckschrift.
    Ein leichtes Unbehagen dem Genre gegenüber bleibt dennoch, denn wer die Geige spielt, sollte nicht auch noch dazu tanzen wollen. Selbstkontrolle ist auch ein politisches Kapital. Es gibt Vorbilder für professionelle Distanz.
    Es gibt sogar ein großes Vorbild.
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