Wenn der Großvater sich als Nazi entpuppt

    "Meine erste Reaktion war riesige Scham"

    35:10 Minuten
    Eine Frau hat einen kleinen Jungen auf dem Schoß der aus einem Glas trinkt. Sie lacht. Daneben ein Mann, der ebenfalls lacht und das Glas hält.
    Günter Puchner mit seinen Eltern. Die Vergangenheit seines Vaters Karl Puchner war ein lang gehütetes Familiengeheimnis. © Martin Puchner
    Jan Pfaff im Gespräch mit Caro Korneli · 10.09.2021
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    In den Tiefen der Harvard-Bibliothek macht der Student Martin Puchner eine schockierende Entdeckung: Er stößt auf antisemitische Schriften seines Großvaters aus dem Jahr 1934. Puchner will seine Familie konfrontieren. Doch so einfach ist es nicht.
    Martin Puchner wächst in den Siebzigerjahren in Nürnberg auf. Mit seiner Familie ist er damals oft zu Besuch bei seinem Onkel Günter in München. Der hat sich ganz der Aufgabe verschrieben, die fast vergessene Geheimsprache Rotwelsch zu bewahren. Wenn sein Neffe zu Besuch ist, bringt er ihm einzelne Wörter bei und erklärt ihm, welche Wörter das Deutsche aus dem Rotwelsch übernommen hat.
    Später studiert Martin Puchner Literatur und bekommt einen Promotionsplatz an der renommierten Harvard-Universität. Er verbringt dort viel Zeit in der riesigen Bibliothek. Eines Abends entschließt er sich, nach Texten seines Großvaters zu suchen – und macht einen schockierenden Fund: In einem Aufsatz aus dem Jahr 1934 hatte der Großvater in einer Zeitschrift für Namenforschung gegen Juden gehetzt – und gegen Rotwelsch, das sein Enkel so liebt.
    "Meine erste Reaktion war riesige Scham. Keiner darf davon wissen. Ich war wütend auf meinen Großvater, dass er mir das antut. Und Ärger, nicht nur auf meinen Großvater: Warum hat mir niemand davon erzählt? Warum wurde das in der Familie totgeschwiegen? Wer ist Schuld daran, dass ich diese Entdeckung machen musste und plötzlich damit konfrontiert bin?"
    Martin Puchner will weiterforschen. Er will Licht in die dunkle Familiengeschichte bringen. Seine Recherchen führen ihn in Archive in München, Berlin und New York. Doch der Auseinandersetzung mit seinen Verwandten weicht er aus.
    In dieser Folge von Plus Eins erzählt Jan Pfaff die Geschichte des Harvard-Literaturprofessors Martin Puchner, der das Schweigen in seiner Familie brechen will – und lernen muss, dass die Bemühungen um Aufklärung ihren Preis haben.
    Martin Puchner hat über seine Recherche ein Buch geschrieben: "Die Sprache der Vagabunden. Eine Geschichte des Rotwelsch und das Geheimnis meiner Familie". Es erscheint Anfang Oktober im Siedler-Verlag.
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