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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.11.2016

Webseite gegen Gewalt und ExtremismusVom prügelnden Stiefvater zum Hakenkreuz auf dem Bauch

Von Teresa Sickert

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Eine verschwommene Hand verstellt den Blick zum Fenster, aufgenommen in Köln am 16.04.2011. (picture-alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
Gewalt wird oft weitergegeben und pflanzt sich durch Generationen fort (picture-alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

Die Aufklärungs-Webseite extremedialogue.org zeigt uns Menschen, die schwer gewalttätig waren und dann den Ausstieg schafften. Die beeindruckenden Porträts verdeutlichen die Gründe für Hass und Brutalität. Besser, als es jede Statistik vermag.

"Oooh, I remember that, Pookie, my Teddybears name was Pookie ..."  

Daniel Gallant - ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren und Dreitagebart, Ende 30, schaut Fotos aus seinen Kindertagen mit Teddy Pookie an. Mit feuchten Augen lacht er in die Kamera - bis zum nächsten Foto. 

"And that’s right after we left my first stepdad who had beaten my mom right infront of me. When I grew up I was told: to get people’s respect they had to fear you - my stepdad told me that. First beating I got from him: He threw me down a set of stairs, lifted me up by my throat and pin me up against the wall."

Gewalt verschafft Respekt, sagte er

Gewalt verschafft dir Respekt, zumindest erzählte ihm das sein Stiefvater. Er war es dann auch, der Daniel Gallant das erste Mal zusammenschlug und an Kehle die Wand hochdrückte. Irgendwann schlug der Kanadier selbst zu, oft und brutal, mit 19 Jahren wurde er Anhänger der "White Supremacy" - einer Gruppe von Rassisten, die davon ausgeht, dass weiße Menschen anderen überlegen sind.

"Being able to direct everything at a specific group of people, gave me an outlook to blame for everything I hated in this world - I was able now to blame on the Jews."

Alles auf andere schieben, auf die Schwarzen oder die Juden, das allein schon habe ihn motiviert, erzählt Daniel Gallant weiter. Über ein Jahr lang verübte der damals 19jährige jeden Tag mindestens eine Gewalttat, prügelte Menschen bewußtlos, bedrohte sie mit Messern, Pistolen, Schlagringen - und geriet dabei selbst oft in Lebensgefahr.

"Ich will mir gar nicht vorstellen, was sein Stiefvater ihm noch alles angetan hat, dass er halt so darauf reagiert hat, sich so abreagiert hat. Oh Mann …"

Carlotta Driemel ist sprachlos, als wir gemeinsam den Dokumentarfilm über Daniel Gallant auf extremedialogue.org anschauen - einer Aufklärungs-Initiative über Radikalisierungsprozesse, die durch das kanadische Ministerium für öffentliche Sicherheit und das EU-Programm zur Kriminalitätsprävention finanziert und gefördert wurde.

Gallants Geschichte wühlt die 19-Jährige auf, macht sie aber auch nachdenklich:

"Wenn man wirklich so was erlebt hat, immer und immer wieder, wenn man nichts anderes kennt als Gewalt, damit jemand gehorcht oder was auch immer, und man dann keine Hilfe von jemandem bekommt, dass man sich dann irgendwie abreagieren muss, dass das auch ein Stück weit menschlich ist, auch wenn es nicht wirklich danach klingt."

Aus dem Hakenkreuz wurde ein Vogel

Der Film über Daniel Gallant und seine Radikalisierung ist düster, aufwühlend und hochwertig produziert: Klare, ästhetische Porträtschüsse des Extremismus-Aussteigers reihen sich an Zeitlupen-Aufnahmen, in denen der Kanadier durch tiefen Schnee stapft, seine Kinderfotos anschaut oder Bilder mit dem Tattoo auf seinem Bauch: Ein Hakenkreuz. Heute ist es ein großer Vogel.

Seine Geschichte ist nur eine: Auf der Startseite wechseln sich fünf Gesichter ab: Da ist auch Billy McCurrie, der den Tod seines Vaters durch die IRA vergelten will und deshalb in eine Counter-Terrororganisation eintrat.

"I was taking bomb making courses, you kill more people with a bomb than you can with a gun - it was a Godsend that I was arrested two weeks later."

Nachdem der Ire gelernt hatte, wie man Bomben baut, wurde Billy McCurrie verhaftet. Eine Glücksfall, wie er heute sagt. Oder da ist die Geschichte des türkischstämmigen Briten Adam Deen, der er sich der islamistischen Terrororganisation Almuhajiroun anschloss:

"The things that is striking for me is that alarm bells didn’t go off - what do you mean, you want to put a bomb in a public place and kill people - I can’t understand why I didn’t feel that way. The only concern that I had at that time was: Am I going to be trained properly?"

Heute wundert sich Adam Deen darüber, wie gefühlskalt er war, als es darum ging, eine Bombe im öffentlichen Raum detonieren zu lassen. Alles woran er damals denken konnte, war: Werde ich richtig ausgebildet?

Fünf Menschen erzählen von ihren Gefühlen

Ohne Scheu erzählen hier fünf Menschen von ihren Gefühlen, ihrer Wut - und geben so Einblick in eine Welt, die den meisten von uns verschlossen bleibt. Auch für Carlotta Driemel:

"Auch wenn es ein ziemlich bedrückendes Gefühl hinterlässt, aber ich find’s irgendwie wichtig, sich das mal angeguckt zu haben."

Denn neben ehemaligen Tätern kommen auch Opfer und Angehörige zu Wort: Fowzia Duale Virtue musste als Kind flüchten und berichtet von den Verletzungen, der Gewalt und dem Unverständnis, das sie als Schwarze und Kopftuchträgerin erlebte – und immer noch erlebt.

Und da ist Christianne Boudreau, deren Sohn zum Islam konvertierte. Sie erzählt von dem schmerzhaften Abschied, als sie ihr Kind verlor.

"How do I start understanding why you would leave us to fight, to hurt people, why didn’t you come home? Once you saw what it was, why didn’t you come home?"

"… Oh Gott ..."

Tatsächlich macht genau diese Mischung für Carlotta und mich begreifbarer, was da passiert, welche Gründe es dafür gibt, dass Menschen Extremisten verfallen und Gewalt ausüben. Anders als jede Statistik über extremistische Gewalt das je erreichen kann.

Man klickt sich immer weiter, zum nächsten Video:

"Auch um nochmal mehr von der Geschichte zu erfahren, ja."

Ein erster Anstoss

Im Anschluss an die Kurzfilme gibt es weitere Interviews und interaktive Präsentationen, die Schülerinnen und Schülern auf Englisch und bald auch auf Deutsch über Extremismus und die Hintergründe für Gewalttaten informieren sollen. Bislang hat die 19-Jährige kaum Erfahrungen mit dem Thema gesammelt, auch nicht in der Schule.

"Also ich würde mir auch wünschen, dass wir in der Schule mehr darüber reden. Also wir haben Sozialkunde, wo wir auch öfter so politische Sachen oder Ähnliches machen und das fände ich schon gut, wenn da mehr drüber gesprochen werden würde - genau solche Sachen, die halt wirklich nah dran sind."

Ein paar Antworten darauf, was in Extremisten vorgeht, kann Extreme Dialogue geben. Auch wenn vieles offen bleibt, sagt Carlotta Driemel, sei dieses Onlineangebot mit seinen Zeugenberichten, die frei im Internet zugänglich sind, einen ersten Anstoß,  sich mit Extremismus zu beschäftigen.

"Ich denke es wäre schon gut, wenn das Leute sehen würde, weil dann würden sie vielleicht auch hoffentlich einen Menschen dahinter sehen, der halt in diese Falle tappt."

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