Seit 13:00 Uhr Nachrichten
Dienstag, 26.10.2021
 
Seit 13:00 Uhr Nachrichten

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.06.2020

Waldlobbyist zur Lage der Waldwirtschaft„Ich bin in großer Sorge um den deutschen Wald!“

Hans-Georg von der Marwitz im Gespräch mit Nana Brink

Im hessischen Reiskirchen liegen Baumstämme in einem sturmgeschädigten Areal übereinander. Sturm und Trockenheit sorgt für großen Stress bei Bäumen. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)
Folgen von extremen Wettern: Sturm und Trockenheit sorgen für Stress bei Bäumen, dadurch ist der Wald gegenüber Schädlingen geschwächt. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Der Wald ist für viele in Deutschland ein Lieblingsort. Aber ihm geht es schlecht – und damit auch der Forstwirtschaft, sagt Hans-Georg von der Marwitz von der AG Deutscher Waldbesitzerverbände. Er nennt Forstbetriebe systemrelevant und fordert Soforthilfen.

"Ich bin momentan in großer Sorge um den deutschen Wald. Wer heute mit offenen Augen durch den Harz, Thüringen, Nordbayern bis Hessen geht, aber auch in Nordwürttemberg - also man hat fast keine Region, die momentan nicht zum Teil katastrophale Verhältnisse haben." Der Forstlobbyist und CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz spricht von einer nie da gewesenen Krise.

Im voraussichtlich dritten Jahr in Folge ist der deutsche Wald durch Dürre, Borkenkäfer und Stürme geschädigt. Die Coronakrise sei "noch ein weiterer Sargnagel". Als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände vertritt von der Marwitz 1,8 Millionen Waldbesitzer.

Rund die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. Die meisten sind kleine und mittlere Betriebe, die besonders unter dem Zusammenbruch des internationalen Holzmarktes leiden. "Ich befürchte, dass weite Teile der Branche zum Erliegen kommen und, wenn das jetzt so weitergeht, auch ihre Existenz verlieren." 


Das Interview:

Nana Brink: Der Deutsche Wetterdienst befürchtet wieder einen heißen Sommer, wie wird sehr Wald dadurch noch mehr gestresst?  

Von der Marwitz: Die Stresssituation ist in Folge der letzten zweieinhalb Jahr enorm: Wir hatten 2018 durch die Stürme bedingt die ersten großen Kalamitäten, vor allem den Borkenkäfer in weiten Teilen Deutschlands, in einem Extrem, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr vor Augen hatten. Dann kam das Dürrejahr 2019 hinzu. Dann stellten wir fest, es ist jetzt nicht nur eine Baumart, die leidet, sondern es geht eigentlich um alle Baumarten, es geht um den gesamten deutschen Wald – sicher nicht in ganz Deutschland gleichermaßen, aber in den Trockengebieten sah es schon Ende 2019 katastrophal aus; jetzt haben wir ein weiteres Niederschlagsdefizit.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich bin momentan in großer Sorge um den deutschen Wald, in weiten Teilen, wer sich heute mal mit offenen Augen durch die Region des Harzes, Thüringen, Nordbayern bis in Hessen, aber auch in Nordwürttemberg – man hat fast keine Region, die nicht momentan zum Teil katastrophale Verhältnisse haben.

Was regenarme Sommer für den Wald bedeuten, berichtet Ludger Fittkau aus Hessen. Dort sind rund 10.000 Hektar Wald – das sind rund 14.000 Fußballfelder – durch den Wassermangel der letzten Jahre und den Borkenkäfer vernichtet worden. Besonders betroffen: Eichen und Buchen. Dabei gibt es im waldreichen Bundesland Hessen noch besonders viele Mischwälder, die sich besser regenerieren können. Unser Korrespondent hat in Nordhessen eine Försterin gefragt.

Brink: Das klingt sehr dramatisch, was Sie schildern. Was befürchten Sie?

Von der Marwitz: Es ist eine Situation, wie sie die wenigsten, nein, keiner der Vorväter in der Dramatik erlebt haben.

Dann kommt hinzu, dass die meisten Waldeigentümer in einer riesigen Liquiditätsklemme stecken. Das ist klar, wenn so eine enorme Holzmenge auf den Markt drückt – 2018, 2019, jetzt auch 2020 ein unübersehbarer Schadholzanfall hier in den Wäldern, das Ministerium spricht von 160 Millionen Festmetern, 245.000 Hektar, die wieder aufgeforstet werden müssen. Die ganze Wiederaufforstung der letzten zweieinhalb Jahre hat sich in weiten Teilen erübrigt, weil sich die Aufforstungen, die man mit viel Mühe vollzogen hat, vertrocknet sind.

Ich befürchte, dass weite Teile der Branche zum Erliegen kommen, sie werden ihre Arbeit nicht mehr aufnehmen können, und wenn das jetzt so weitergeht, auch ihre Existenz verlieren.

Brink: Es ist ja immer wieder vom dringenden Handlungsbedarf die Rede, das war 2018 auch schon so; 2019 sind Förderprogramme aufgelegt worden, der nationale Waldgipfel letztes Jahr hat eine Milliarde Euro gebracht. Sie schütteln den Kopf, das ist nicht genug?

Von der Marwitz: Wissen Sie, wir haben alle gehofft, dass damit eine gewisse Entspannung eintreten wird. Aber das sind Programme, die für bestimmte Maßnahmen gesetzt werden. Das setzt allerdings voraus, dass ich in der Lage bin, in meinem Betrieb durch Mittelzufluss meine Arbeiten zu leisten – denn so einen Antrag auf Förderung kann man nur stellen, wenn man letztlich auch im Geschäft, im wirtschaftlichen Ablauf bleibt. Das ist bei vielen momentan in der derzeitigen Situation nicht mehr gegeben.

Die Maßnahmen sind zum Teil ins Leere gelaufen, weil die Betriebe nicht in der Lage waren, die Anträge überhaupt zu stellen.

Hans-Georg von der Marwitz am 28. August 2019 auf einer Pressekonferenz zum Thema Wald im Klimawandel. Er trägt ein dunkles Sakko und eine grüne Krawattemit weißen Punkten. (imago images / Reiner Zensen)Hans-Georg von der Marwitz ist CDU-Bundestags-Abgeordneter und Lobbyist der Waldbesitzer. (imago images / Reiner Zensen)

Brink: Wie sehr hat die Coronapandemie das alles noch verstärkt?

Von der Marwitz: Sie kam on top! Wir waren sowieso schon in einer sehr schwierigen Lage, aufgrund der Marktsituation '18 und '19. Durch Corona sind uns auch andere internationale Märkte weggebrochen. Insofern ist Corona für uns auch noch ein weiterer Sargnagel gewesen.

Wir müssen neue Märkte für den Wald schaffen, wir müssen neue Einnahmequellen für den Wald schaffen, damit die Waldbauernschaft in die Lage versetzt wird, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Wir haben eine sehr gute Waldwirtschaft in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten durchgeführt, auch der Waldumbau aufgrund der Erfahrungen der letzten 50, 60 Jahre.

Wald wächst nicht innerhalb von wenigen Jahren, sondern es ist ein Generationenprojekt. Deswegen sind auch alle schnellen Antworten aus meiner Sicht sehr fadenscheinig, denn du kannst erst in 60, 60 oder 90 oder 150 Jahren beurteilen, ob das, was du heute tust, die richtige Maßnahme gewesen ist. 

Also im Moment ist einfach die Not, die blanke Liquiditätsnot, das wichtigste, vorrangige Thema!

Brink: Wie wichtig ist denn der Wald für den Klimawandel?

Von der Marwitz: Der Wald ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für unser Klima hier. Was glauben Sie, was wir für eine Katastrophe in Deutschland hätten, wenn uns die Wälder in Größenordnungen verloren gehen würden. Der Wald hat einen sehr entscheidenden Anteil für das Klima und für die CO2-Senkenleistungen, die wir unbedingt brauchen. 

Die Wissenschaft spricht von einer Senkenleistung von rund 14 Prozent CO2. Das ist so viel wie der gesamte Autoverkehr momentan. Dazu die Sicherung des Wasserhaushalts, die Wasserspeicherkapazität des Waldes, die Filterfunktion des Waldes, ganz zu schweigen vom Erholungswert. Wir nennen es die Ökosystemleistung, die der Wald für die Gesellschaft bringt. 

Sie werden politisch und wirtschaftlich von allen eingepreist, aber keiner ist bereit, dafür zu bezahlen. Das macht uns momentan die ganze Misere so deutlich und das ist das, was uns auch verzweifeln lässt.

Brink: Ich merke, Sie sind sehr wütend. Gibt es für den Wald keine Lobby?

Von der Marwitz: Wissen Sie, ich bin von klein auf im Wald geprägt worden. Wir hatten sieben Hektar Wald zu Hause. Das war die ganze Liebe meines Vaters, der mit all seiner Kraft uns das auch rübergebracht hat: Wie wichtig der Wald ist – er hat immer von seiner Sparkasse gesprochen; die Vielschichtigkeit der Baumarten, ob bei mir im Allgäu die Fichte, die Weißtanne, die Buche, die Kirsche, die Esche. 

Wir hatten schon die Vielschichtigkeit, weil er davon so überzeugt war. Deshalb ärgere ich mich über so viele, die so vorschnell sagen, ja die haben alle keine Ahnung gehabt, die haben Plantagenwälder gezüchtet.

Es ist nicht rechtschaffen, die Arbeit von Generationen nicht wert zu achten. Ja. Ich bin momentan - wütend ist vielleicht der falsche Ausdruck - aber ich bin traurig und verzweifelt.

Brink: Aber die Landwirtschaftsministerin, da haben Sie doch offene Ohren, da sind doch Programme da.

Von der Marwitz: Ja, Gott sei Dank. Ich merke, dass in der Politik mehr und mehr die Not auch ankommt. Ich habe das Gefühl, sie haben verstanden. Aber der Teufel steckt halt immer im Detail: Naja Liquiditätsprogramm, wir können doch die Mittel nicht einfach für nichts rausgeben – aber das verlangt auch keiner, diese Mittel sollen Liquiditätshilfen sein, sie müssen nachgewiesen werden, wo sie eingesetzt werden. Aber man muss diese Branche, die so systemrelevant ist für uns alle, da muss man doch sagen, da muss ich diese Branche auch so stärken, dass sie wenigstens ihrem Auftrag und unser aller Zukunft garantiert.

Mehr zum Thema

Waldwirtschaft - Wie Corona die Aufforstung erschwert
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 15.04.2020)

Naturgemäße Waldwirtschaft - Ein Rezept gegen die Folgen des Klimawandels
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.11.2019)

Forscher zum nationalen Waldgipfel - "Der Wald braucht uns ganz dringend"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 25.09.2019)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Länderreport

Nach der Flutkatastrophe im AhrtalLeben mit dem Risiko
Hochwasser-Katastrophe an der Ahr in Deutschland. Zerstörtes Haus in Dernau, 08.10.2021. (imago / Bonnfilm / Klaus Schmidt / Sepp Spiegl)

Dernau im Ahrtal ist Idylle pur. Wäre da nicht die Flut im Sommer gewesen. Wissenschaftler und Umweltexperten sagen: So etwas kann es wieder geben. Gesucht werden Konzepte wie hochwassergerechtes Bauen, die das Schlimmste in Zukunft verhindern könnten.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur