Meinung
Vorurteile sind überall. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. © picture alliance / Zoonar / Anastasiia Torianyk
Vorurteile sind besser als ihr Ruf
04:25 Minuten

Ob angeblich faule Bürgergeldempfänger, starrsinnige Ältere oder rückständige Landbewohner: Vorurteile prägen den gesellschaftlichen Diskurs. Doch wäre eine Gesellschaft ohne Vorurteile wirklich besser?
Vorurteile sind bäh! Wem vorgeworfen wird, er habe gerade ein Vorurteil geäußert, der ist schnell raus aus der Diskussion. Dabei sind Vorurteile eine echte Überlebenshilfe – die Evolution hat uns die Gabe, sie zu fällen, nicht aus Versehen geschenkt. Allerdings muss man mit ihnen auch richtig umgehen. Und für Auseinandersetzungen über Vorurteile ist es hilfreich, zwischen Meinungen und Tatsachen zu unterscheiden.
Tatsachen sind beweisbar, in Worte gefasst beschreiben wir damit die Welt. Sie gelten per definitionem als wahr oder richtig – solange, bis sich herausstellt, dass unsere bisherige Erkenntnis unzutreffend war. Dann gilt etwas anderes als Tatsache. Meinungen hingegen sind persönliche Wertungen ohne definierten Maßstab. Sie sind weder richtig noch falsch. Ob etwas gut oder schlecht schmeckt, ist Ansichtssache, eben Meinung – beziehungsweise Urteil.
Das Vorurteil ist eine vorläufige Meinung. Die zu bewertenden Tatsachen sind noch nicht oder nur unvollständig bekannt. Dennoch erfolgt eine Ersteinschätzung, meist nach erlernten Mustern. Werden dabei Klischees bzw. Stereotype genutzt, ist die Gefahr groß, etwas zu beurteilen, das gar nicht vorliegt. Allerdings ist für eine gründliche Tatsachenprüfung häufig keine Zeit. Es ist sofort ein vorläufiges Urteil nötig, um eine Entscheidung treffen zu können – eben ein Vorurteil.
Zwischen Verdacht und Diskriminierung
Der Polizei wird immer wieder vorgeworfen, sie arbeite mit Vorurteilen, wenn sie sich für ihre Kontrollen aus einer Vielzahl von Menschen angeblich immer wieder bestimmte herauspickt. Natürlich ist "Racial Profiling" ein Problem, das auch innerhalb der Polizei selbst gesehen wird.
Aber im Regelfall arbeiten Polizisten schlicht mit der Vermutung von Tatsachen, um zu entscheiden, wo ein genauerer Blick nötig ist: Die Zahl 2008 auf einem Kfz-Kennzeichen kann für ein Geburtsjahr stehen und damit für einen Fahranfänger sprechen. Wer aus einem Geschäft rennt, hat womöglich etwas gestohlen.
Diesen Sommer fuhr ich mit einem Intercity aus der Schweiz nach Deutschland. Ich bin gerade im Waschraum, da klopft es heftig an die Tür. "Aufmachen, Bundespolizei!", ruft jemand laut und bestimmt. "Joh, sofort", antworte ich. "Alles klar, weitermachen", schallt es zurück. Als ich die Tür öffne, sind die Beamten schon weitergezogen, ich sehe sie nur noch von hinten.
Hatten sie ein positives Vorurteil über mich? Eher nicht. Vielmehr haben ihnen meine zwei Worte als deutscher Muttersprachler gereicht, um eine Tatsache zu vermuten, an der sie ihr weiteres Handeln ausrichten konnten. Nämlich die Tatsache, dass ich berechtigt bin, in die EU einzureisen.
Der Alltag lebt von Annahmen
Mit solchen Tatsachenvermutungen arbeiten wir den ganzen Tag. Wir hören ein Knattern vor der Wohnung und stellen uns ein Moped vor. Es könnte in Wahrheit auch etwas ganz anderes sein, aber es würde uns völlig überfordern, in jedem Einzelfall immer alles zu prüfen.
Und im Alltag hat man auch oft keine Zeit, sondern muss spontan entscheiden. Beim Trampen zum Beispiel: Steige ich ein oder lasse ich es? Wir vor-urteilen: Ist mir der andere Mensch sympathisch oder nicht, mag ich mich ihm anvertrauen, oder fühle ich mich unwohl?
Ohne Vorurteile geht es nicht. Deshalb ist auch niemand frei von ihnen. Wer die Straßenseite wechselt, weil ihm eine Gruppe Halbstarker unheimlich ist, arbeitet genauso mit einem Vorurteil wie derjenige, der sich seinen Weg durch die Gruppe bahnt. Beide bewerten die Situation nur völlig unterschiedlich.
Vorurteile müssen korrigierbar bleiben
Wer gegen ein Vorurteil argumentieren möchte, muss über die zugrundeliegenden Tatsachenvermutungen diskutieren. Die eigene Bewertung kann nie besser sein als die des Kontrahenten. Aber die angenommenen Fakten können wahrscheinlicher sein, plausibler.
So revidieren wir auch selbst unsere Vorurteile. Der erste Eindruck von einem Menschen wird durch den zweiten ersetzt – und die Bewertung fällt anders aus.
Es ist deshalb keine Bequemlichkeit, sondern ein Zeichen für Offenheit, erst einmal mit Vorurteilen zu arbeiten, bevor man ein verbindliches Urteil fällt. Vorausgesetzt, wir sind uns der Vorläufigkeit unserer Meinung bewusst und bekennen uns dazu.




















