Unser russischer Pontschik-Krapfen mit einem Loch in der Mitte. Das Loch ist dafür gedacht, dass man den aus heißem Öl gefischten Pontschik auf einen Pin steckt. In diesem Buch versuchen wir mit aller Kraft, jenen Pin zu finden, auf dem unser Pontschik steckt.
Viktor Jerofejew: „Die neue Barbarei“
© Matthes Seitz Verlag
Ein apokalyptisches Wimmelbild

Viktor Jerofejew
Aus dem Russischen von Beatre Rausch
Die neue Barbarei. Romanfantasie über die russische SchuldVerlag Matthes & Seitz, Berlin 2026448 Seiten
26,00 Euro
Die Welt wird derzeit regiert von Hinterhofschlägern und Mafiabossen, Technokraten und Tech-Autokraten. Viktor Jerofejew reagiert darauf mit einer polyphonen, kaleidoskopartigen „Romanfantasie“, aus der Wut und Verzweiflung sprechen.
Man kann sich die Epoche, in der man lebt, nicht aussuchen. Nicht das Land, in das man hineingeboren wird. Nicht die Umstände, unter denen man aufwächst. Und auf gewisse Weise auch nicht seine Gegner. Viktor Jerofejew ist Russe. Und das ist in diesen Zeiten, wenn man nicht blind, gleichgültig oder Opportunist sein will, kein ganz allzu vergnügliches Los.
Jerofejew lebt seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Berliner Exil. In seinen Büchern arbeitet er sich vehement an Putin ab. Putin trägt bei ihm den Namen Gopnik – ein Gopnik ist ein kleiner Ganove, ein Hinterhofschläger, der seine Minderwertigkeitskomplexe unter unnachgiebiger Härte, Skrupellosigkeit und Vernichtungswillen zu begraben sucht. In „Der große Gopnik“ aus dem Jahr 2024 erzählte Jerofejew eine ins Groteske ausgreifende Parallelgeschichte: jene des brutalen Emporkömmlings, Putin nämlich; und jene des intellektuellen, weltmännischen Schriftstellers, Jerofejew selbst. Es ist die überhöhte, nicht ganz ohne Eitelkeit geschilderte Geschichte einer Feindschaft.
Ein wildes Buch
Nun gibt es eine Art Coda zu diesem aus phantasmagorischen Episoden geknüpften Roman – Jerofejew nennt sie eine „Romanfantasie über die russische Schuld“. Es ist ein noch wilderes, ungeordneteres, zerfetzteres Buch, das den nicht gerade subtilen Titel „Die neue Barbarei“ trägt. Darin tritt Putin nicht mehr unter dem Namen Gopnik auf, sondern als Pontschik:
Ein Unterfangen, das Jerofejew zu Hochform auflaufen lässt: Seine wütende Tirade in 150 Kapiteln stürzt sich auf alles, was dieser in Fett schwimmende, aufgeblähte Hefeteig-Pontschik verbrochen hat und repräsentiert, was Russland von Europa unterscheidet. Und ganz besonders, wie Russland mit seiner historischen und gegenwärtigen Schuld umgeht: „Schuld nach außen abzuschieben – ein russischer Nationalsport.“
Jerofejews Alter Ego geht bei seiner Erkenntnissuche sogar so weit, sich in die Polygamie zu stürzen. Er ist zwar bereits verheiratet, ehelicht aber dazu noch eine sehr besondere junge Schönheit.
Nun denn, es ist entschieden. Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. An meinem Wunsch ist nichts Erstaunliches. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter.
Die russische Schuld steht in voller Blüte
Die „Russische Schuld“, geboren parallel zum neuen Russland, ist gerade in voller Blüte. Sie steht für einen der zentralen Irrtümer Russlands: die Probleme des Landes nicht in eigenen Fehlern zu sehen, sondern in den bösen Absichten von außen. Mit der „Russischen Schuld“ reist der Ich-Erzähler in ein himmlisch-unterirdisches Moskau, wo alles durcheinandergerät und die Epochen verschwimmen. Das entspricht ganz der These Jerofejews, dass sich in Russland die Dinge fortwährend wiederholen. Auf totalitäre Phasen folgt Tauwetter, das rasch wieder durch strengen eisigen Autoritarismus abgelöst wird.
Die Verzweiflung treibt den Autor zu einem geradezu tollkühnen Text, der Stringenz, Kausalität, Dramaturgie in den Wind schlägt. Die Zeiten überlagern, die geschichtlichen Muster wiederholen sich darin. So erwacht bei Jerofejew der russische Nationaldichter Puschkin eines Morgens im aktuellen Krieg und wird aufgefordert, patriotische Gedichte zu schreiben. Gogol verkauft sich an die Amerikaner. Turgenjew nimmt den letzten Flieger nach Paris und will ein Buch über Selenskij verfassen. Dostojewski, Tschechow, Tolstoi – alle treten sie hier auf, dazu der liquidierte Dissident Nemzow und der Märtyrer Alexej Nawalny, ein Lamm, das sich zur Opferbank führen ließ.
Alexej rechnete aus, dass er voraussichtlich 2051 aus dem Gefängnis kommen würde – so viele Strafsachen hatte man ihm angehängt. Doch er kam früher raus. Richtiger gesagt, er flog auf in den Himmel der politischen Unsterblichkeit.
Die Wiederkehr der Barbarei
Jerofejews Romanfantasie nimmt keine Rücksichten: weder auf die Form noch den Geschmack (eine gewisse machistische Obszönität und kraftmeierische Prahlerei ist seinem Werk nicht fremd). Dialoge zwischen historischen und allegorischen Figuren, essayistische Passagen, knallharte politische Analysen, fantastische Spielereien, Buchbesprechungen wechseln sich ab. Es entsteht das apokalyptische Wimmelbild einer neuen Barbarei. Die ist nicht sehr innovativ, sondern einfach die Wiederkehr der alten Barbarei, von der man kurzzeitig einmal glaubte, sie sei mit dem „Ende der Geschichte“ und des 20. Jahrhunderts verschwunden.
Den „Amerikaner“ unterscheidet in diesem Tableau wenig von Pontschik – Trump und Putin als zwei Stiefel eines Paars. Und den Europäern? Denen traut der Ich-Erzähler nicht viel zu.
Europa ähnelt einer nicht besonders sportlichen Dame in Schlittschuhen auf dem Eis – wie oft noch wird sie auf ihrem Hintern landen? Der Kreml schaut sich das an und lacht sich kaputt.
Wut und Resignation sprechen aus Jerofejews sprachmächtigen Zeilen. Das ist faszinierend und ermüdend zugleich. „Die neue Barbarei“ ist als literarisches Werk nicht gelungen, aber notwendig und dringlich; es ist unausgegoren, aber das konsequent; es ist formal ein Scherbenhaufen, aber unsere Gegenwart stellt sich ja als nichts anderes dar.
Thomas Mann schrieb kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dass die Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos seien. Vermutlich wird sich das auch einmal über die in Russland publizierten Bücher der späten Putin-Jahre sagen lassen. Jerofejew wird dieser Vorwurf dann jedenfalls nicht treffen.






























