Literalität

Wie retten wir das Lesen?

Ein Mann hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen.
Nur 31 Prozent der Deutschen haben in den letzten zwölf Monaten ein gedrucktes Buch gelesen. © picture alliance / Chris Emil Janßen / Chris Emil Janssen
Die Deutschen lesen immer weniger, ein Viertel der Grundschüler versteht einfache Texte nicht. Experten warnen vor gravierenden Folgen für die Gesellschaft. Wie lässt sich der Trend umkehren?
Den Deutschen vergeht die Lust am Lesen. Nur noch 27 Minuten am Tag verbringen sie mit gedruckten und digitalen Medien. Das geht aus der „Zeitverwendungserhebung“ des Statistischen Bundesamtes von 2022 hervor. In der Erhebung 2012/13 waren es noch 32 Minuten täglich.
Beim Bücherlesen sind die Deutschen im europäischen Vergleich sogar Schlusslicht. Gerade mal 31 Prozent gaben in einer Befragung der Plattform Statista an, in den letzten zwölf Monaten einen gedruckten Roman oder ein gedrucktes Sachbuch aufgeschlagen zu haben. Zum Vergleich: In Spanien waren es 47 Prozent, in Polen 46 Prozent.

Millionen Erwachsene können nur schlecht lesen

Auch die Lesekompetenz steckt in der Krise. Nach einer Analyse der Universität Hamburg von 2023 kann etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland nur schlecht lesen und schreiben; das entspricht rund 10,6 Millionen Menschen.
Noch alarmierender ist der Befund bei Kindern: Etwa ein Viertel der Viertklässler in Deutschland versteht grundlegende Texte nicht und kann wesentliche Inhalte nicht herausfiltern. Das ergab die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) von 2021.

Keine Lust auf lange Bücher

Auch um die Lesefähigkeiten von Jugendlichen ist es nicht gut bestellt, weiß Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Uni Osnabrück. Fast die Hälfte von ihnen sei nicht in der Lage, einen längeren und komplexeren Zeitungsartikel zu lesen, sagt er. Und selbst Studenten stehen offenbar mit dem Lesen auf Kriegsfuß. Die Lesemotivation unter den Hochschülern lasse „sehr stark nach“, berichtet Dawidowski.
Für die Entwicklung gibt es laut Experten eine ganze Reihe von Gründen. Dass die Lust am Buch schwindet, hat demnach auch mit der wachsenden Konkurrenz durch digitale Medien zu tun. Gleichzeitig wirkt sich der übermäßige Gebrauch des Smartphones auf die Lesekompetenz aus. Bei den 4- bis 12-Jährigen gebe es hier bereits „besorgniserregende Entwicklungen“, warnt der Braunschweiger Hirnforscher Martin Korte.
Ein weiterer Grund: Laut dem Vorlesemonitor der Stiftung Lesen von 2024 hat jedes dritte Kind in Deutschland niemandem, der ihm etwas vorliest. Hinzu kommen noch jene Jungen und Mädchen, denen nur sehr selten vorgelesen wird, sagt Literaturdidaktiker Dawidowski.

Vorlesen kann auch kontraproduktiv sein

Doch auch Vorlesen weckt bei Kindern nicht zwangsläufig die Begeisterung für Bücher, weiß Dawidowski. Das habe oft damit zu tun, wie vorgelesen wird. Viele Eltern wollten, dass ihr Kind einen guten Schulabschluss mache, und stünden deshalb enorm unter Druck, so der Professor. Über das Vorlesen wollten sie dann erreichen, dass ihr Kind lesen lerne; abends im Bett würden sie also noch „ein bisschen Schule spielen“. Doch dem entziehe sich jedes Kind, ist sich Dawidowski sicher. „Das Kind hat genug von Schule am Vormittag. Das heißt, solche Vorlesesituationen sind kontraproduktiv, bewirken das Gegenteil.“

Experte: „Wir verlieren die Jungs“

Ein weiterer Grund für die vielen jungen Lesemuffel sieht der Experte in einer „Feminisierung des Lesens“. „In Deutschland fallen in aller Regel Männer als Vorleser weg“, sagt Dawidowski. Väter seien damit für Jungen keine Lesevorbilder. „Das ist ein ganz großes Problem. Damit verlieren wir die Jungs.“
Das immer schlechtere Abschneiden der Schüler in Deutschland bei der Lesekompetenz liegt nach Ansicht von Fachleuten aber auch an Veränderungen in der Gesellschaft. Als Grund für den Negativtrend benennt Nele McElvany, Leiterin der IGLU-Studie, beispielsweise die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft, die dazu führe, dass Deutsch nicht immer als Muttersprache vorherrsche.

Eine Gefahr für die Demokratie?

Leseunlust und Leseschwächen haben laut Experten gravierende Folgen, insbesondere für Kinder. Wer in der Grundschule nicht lesen lerne, habe später in allen Fächern Schwierigkeiten, warnt Huguette Morin-Hauser vom Verein „Mentor – die Leselernhelfer“.
Sebastian Guggolz, Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sieht sogar die Demokratie in Gefahr. Wenn größere Teile der Bevölkerung nicht lesen könnten, wirke sich das auf die politische Willensbildung aus – „und ganz konkret auf die Fähigkeit, zwischen Fake und Wahrheit zu unterscheiden“.
Weil heute weniger gelesen wird, schwinde auch zunehmend das historische Bewusstsein, meint der Literaturdidaktiker Christian Dawidowski. Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich in Gefühlslagen von Menschen hineinzuversetzen, die vor 100 oder 200 Jahre gelebt haben, sei bei Studenten oft gar nicht mehr vorhanden.

Die Forschung zeigt: Lesen macht schlau

Lesen zu können („Literalität“) ist eine der wichtigsten Fähigkeiten in der modernen Welt. Menschen, die gerne lesen, genießen die Möglichkeit, sich zu entspannen, in eine andere Welt abzutauchen, dem Alltag zu entkommen.
Doch nicht nur das spricht für Bücher und Zeitschriften. Die Hirnforschung zeigt, dass Lesen zahlreiche positive Effekte auf die mentalen Fähigkeiten hat. Wer zum Buch oder zur Zeitung greift, vergrößert seinen Wortschatz, verbessert sein Abstraktionsvermögen und sein Gedächtnis.
Lesen macht aber nicht nur schlauer. Es gibt aus der Wissenschaft auch Hinweise darauf, dass Leseratten ein größeres Gerechtigkeitsempfinden besitzen.
Forscher wollen noch viele weitere Vorzüge des Lesens herausgefunden haben: Es soll das Leben verlängern, das Alzheimerrisiko senken und gut für Frühchen sein. Die entsprechenden Studien sind zum Teil aber methodisch fragwürdig.

Lesekompetenz und Lesemotivation hängen zusammen

Wie bringt man vor allem junge Menschen dazu, mehr zu lesen? Christian Dawidowski gibt eine ernüchternde Antwort: „Wir kennen keinen Weg im Moment, der wirklich einen durchschlagenden Erfolg brächte.“
Wichtig wäre nach Ansicht des Experten, bei Kindern im Vor- und Grundschulalter die Lesemotivation hervorzurufen. Lesekompetenz und Lesemotivation hängen eng zusammen und bedingen sich wechselseitig, betont Dawidowski. Recht erfolgreich sei ein Rezept aus Hamburg, so der Experte. Dort wurden in den Grundschulen zwei Stunden pro Woche für „vollkommen freies Lesen ohne jeden Notendruck“ reserviert.
Andere Versuche, die Lesekompetenz junger Menschen zu verbessern, gibt es zuhauf: Im ganzen Land üben Lesepaten mit Schülern, die sich schwertun. Kinderbuchverlage bieten spezielle Lektüre für junge Leser mit Leseschwächen.

Sprachförderung in Kitas ausbauen

Experten sind sich einig, dass dem Elternhaus eine Schlüsselrolle zukommt. Vor allem das Vorlesen sei wichtig. Steffen Gailberger, Professor für Literatur- und Mediendidaktik, betont jedoch, dass Eltern viel früher damit beginnen müssten – nicht erst im Alter von zwei Jahren. Stattdessen sollten sie bereits in den ersten Lebensmonaten mit dem Vorlesen anfangen.
In den Kitas müsse zudem die Sprachförderung ausgebaut werden, meint Ayla Çelik von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen. Dazu brauche es einen entsprechenden Personalschlüssel, feste Standards und tariflich entlohntes Fachpersonal.
Defizite gibt es in den Augen von Christian Dawidowski aber auch bei der Leseförderung in der Schule. Oft würden Methoden verwendet, die überhaupt nicht zu den Schülern passten. Damit werde Zeit verschwendet, Schüler würden frustriert. Dawidowski plädiert für einen Ausbau der Lehrerfortbildungen. Lehrkräfte müssten wissen, welche Fördervarianten es gebe, damit sie auswählen könnten, welche Kinder sie mit einer Methode fördern – „und welche lieber nicht“.

Mehr lesen durch Routine

Millionen Bücher werden gekauft, aber nie gelesen. Im Japanischen gibt es sogar einen Begriff dafür: „Tsundoku“ bedeutet, dass man Bücher kauft, die sich zu Hause stapeln, ohne dass sie ihrem eigentlichen Zweck dienen.
Mal wieder ein Buch in die Hand nehmen, das wollen trotzdem viele Menschen. Wie bringt man sich dazu, mehr zu lesen? Der Psychologe Axel Koch sagt: „Ganz wichtig ist dieser Gedanke: Wo genau platziere ich das in meinem Alltag? Wenn ich nur denke, ich müsste mal ein Buch lesen, dann werde ich nie eines lesen.“ Koch rät, das Lesen fest einzuplanen und zur Routine zu machen. Nehme man sich vor, abends vor dem Schlafen oder morgen zum Frühstück eine halbe Stunde zu lesen, sei die Chance größer, dass es klappt.

Onlinetext: Tobias Kurfer / Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen
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