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Zeitfragen | Beitrag vom 23.02.2021

Verhaltensforschung in der Ökonomie Die Grenzen der Vernunft

Von Wolfgang Streitbörger

Nahaufnahme von pinken Zahnrädern, vor einer orangenen Fläche. (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra)
Wie verhalten sich Menschen in einem ökonomischen Umfeld? (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra)

Über Jahrzehnte haben Forscher wie die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Reinhard Selten über rationales und irrationales Verhalten in der Wirtschaft geforscht. Neue Ansätze könnten gerade in der heutigen Zeit hilfreich sein.

"Professor Kahneman receives his medal and diploma from the hands of his Majesty, the King of Sweden."  

Stockholm am 10. Dezember 2002. Schwedens König überreicht den Alfred Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften – zum ersten Mal an einen Psychologen, und der heißt: Daniel Kahneman.

"Da waren viele Ökonomen überrascht. Das ist ganz klar."

Mit seinen Modellen, wie Menschen urteilen und entscheiden, brachte der Psychologe Kahneman Erklärungen für Unvernunft in die Wirtschaftswissenschaften, die Ökonomik.

"Die wichtigste Lehre aus unserer Arbeit ist wohl, dass die Leute nicht ihrer Intuition vertrauen sollten."

Vernunft und Unvernunft in der Wirtschaft.

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Die Vernunft müsste eigentlich der Kern allen Wirtschaftens sein. Wenn der Bauer nicht sät, erntet er nicht. Und Vernunft in der Wirtschaft ist mehr als Eigennutz, sagt der indische Philosoph und Ökonom Amartya Sen, auch er Nobelpreisträger für Wirtschaft, den er 1998 gewann, am 18. Oktober 2020 ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

"Ich kann nicht angemessen beschreiben, wie sehr ich mich geehrt fühle durch die Geste des deutschen Buchhandels, mir diese wunderbare Auszeichnung zu verleihen."

Für Amartya Sen, in seinem weiten Blick auf die Ökonomie als Weltwirtschaft, gehören Vernunft und Ethik in der Wirtschaft zusammen. Man könnte es aber auch ganz anders sehen. Wer sich egoistisch gegen andere durchsetzt, handelt schließlich auch vernünftig – auf seine Art. Eigennutz ohne Rücksicht auf die Ethik kann also in diesem Sinne vernünftig sein.

Doch ganz gleich, warum Menschen wirtschaftliche Vorteile suchen, ob nun aus Egoismus oder für andere, ob ethisch korrekt oder zweifelhaft, handeln sie erstaunlich oft gegen dieses eigene Interesse. Platon kannte es schon, als Akrasia Bei ihm galt dies eher als Willensschwäche. Aber es gibt auch andere Gründe, sich selbst im Weg zu stehen.

Daniel Kahneman (links) nimmt am 10.12.2002 in Stockholm von König Carl Gustaf von Schweden (rechts) den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften entgegen. (picture-alliance / dpa / epa  Prb Ekströmer)Daniel Kahneman (l.) mit König Carl Gustaf von Schwedenbei der Nobelpreisverleihung 2002 in Stockholm. (picture-alliance / dpa / epa Prb Ekströmer)

Was weiß die Wirtschaftswissenschaft, was weiß die Psychologie über die Urteilsfähigkeit von Menschen im Umgang mit Geld und Gütern, über Vernunft in der Wirtschaft in diesem engeren Sinne? Ob nun Konzernlenkerin oder nur Käuferin eines Gebrauchtwagens. Wie ist es bestellt um Vernunft und Unvernunft in der Wirtschaft?

"Professor Kahneman receives his medal and diploma from the hands of his Majesty, the King of Sweden."

Dieser Nobelpreis ehrte eine Entzauberung: Daniel Kahneman und Amos Tversky, der schon sechs Jahre zuvor verstorben war, hatten mit ihrer "Prospect Theory" gezeigt: Den Homo oeconomicus, der wirtschaftliche Entscheidungen stets zu seinem eigenen Vorteil und völlig durchdacht trifft, den gibt es in dieser Reinform nicht.

Nein, die Prospect Theory hat in vielen Laborexperimenten gezeigt: Menschen entscheiden in wirtschaftlichen Dingen oftmals unvernünftig. Kahneman und sein Psychologen-Kollege Tversky entwickelten das, was auch als die Neue Erwartungstheorie bekannt wurde.

Eine Theorie, die die Wissenschaft nicht loslässt

Auf einer Online-Tagung der Pariser Management-Hochschule HEC tauschen sich im Sommer 2020 Ökonominnen und Ökonomen aus aller Welt aus: über die Prospect Theory. Kahneman ist mit dabei, zugeschaltet aus einer New Yorker Wohnung: ein 86-jähriger Wissenschaftsstar vor meist jungem Publikum. Und alle hängen an seinen Lippen, folgen dem Professor im Ruhestand über eine Theorie, die ganz offensichtlich seit den 1970er-Jahren die Wirtschaftswissenschaften sehr beschäftigt. Ein Phänomen, das für sich schon Grund genug wäre, Daniel Kahneman in New York aufzusuchen. Wegen der Corona-Pandemie muss allerdings ein Videoanruf genügen, um Kahneman selbst erklären zu lassen, was es mit der Prospect Theory auf sich hat.

"In der Wirtschaftswissenschaft gibt es einen Ansatz, wie Menschen Entscheidungen treffen, wie sie aus mehreren Möglichkeiten auswählen. Es ist die Theorie vom Rationalen Agenten. Und sie ist bei genauerer Betrachtung überhaupt nicht eingängig, sie verstößt gegen den gesunden Menschenverstand. Die Prospect Theory hat in erheblichem Maße eben den gesunden Menschenverstand in der Wirtschaftstheorie wiederhergestellt."

Die althergebrachte, sogenannte Erwartungsnutzen-Theorie in der Ökonomik nahm den vollständig logisch denkenden Rationalen Agenten an, eben den "Homo oeconomicus" oder auch "Nutzenmaximierer". Dass es dieses Wesen, das stets mit absoluter Vernunft seinen Vorteil sucht, in Reinform nicht wirklich gibt, war eigentlich allen Ökonomen klar. Kahneman und Tversky aber haben den Homo oeconomicus mit ihrer Prospect Theory neu betrachtet. Sie warfen einen Blick auf den erwarteten Gewinn oder Nutzen, auf Englisch den "prospect", in der alten Erwartungsnutzen-Theorie.

"Die Theorie ging bis dahin von einer unrealistischen Annahme aus: Nämlich, dass Menschen zukünftige Vermögenszustände als endgültig annehmen. Bei einer Wette, bei der ich 100 Dollar gewinnen kann, müsste ich also den Gewinn als mein bisheriges Vermögen plus 100 Dollar betrachten. Das ist psychologisch absurd."

Menschliches Handeln ist nicht immer rational

Absurd ist es, weil bei einer Wette, bei der 100 Dollar möglicher Gewinn gegen 50 Dollar möglichen Verlust stehen, schon vorhandenes Vermögen rein rechnerisch überhaupt keine Rolle spielen sollte. Es gibt schlicht nur doppelt so viel zu gewinnen wie zu verlieren. In spieltheoretischen Experimenten mit vielen Versuchspersonen aber zeigte sich: Menschen handeln nicht immer so, wie es für ihren Nutzen mathematisch richtig wäre. Im Durchschnitt sind sie vor allem etwas weniger bereit, Risiken einzugehen, wenn sie vorhandenes Vermögen verlieren könnten.

Kahneman und Tversky hatten eine "kognitive Verzerrung" entdeckt, und die nannten sie "Verlustaversion".

Dieser kleine Schritt hat große Konsequenzen. Weil es so unvereinbar mit dem Modell vom Rationalen Agenten ist. Das ist es, was die Prospect Theory bedeutend gemacht hat. Den gesunden Menschverstand wiederherzustellen.

Kahneman und Tversky fanden noch viele weitere Verzerrungen, im Englischen "biases", die oft das Ergebnis von Heuristiken sind. Heuristiken, so nennt man eingeübte Gedankengänge, die helfen, sich schnell zu entscheiden, ohne erst lange nachdenken zu müssen. Zum Beispiel: "In welche Aktie soll ich investieren? Alle setzen gerade auf das Unternehmen soundso. Also mache ich das auch." Heuristiken kennen kein Grübeln. Sie laufen fast vollständig automatisch ab.

"Zum Beispiel: Würden Sie eine Frage umdeuten. Frage ich Sie: ´Wie glücklich sind Sie?` Dann fragen Sie sich selbst: ´Habe ich gerade gute Laune?` Das halte ich für eine Grundheuristik: Die Frage ändern."

Es hat Folgen, wenn Entscheidungen auf Verzerrungen der Wahrnehmung beruhen:

"Verzerrungen sind voraussagbare Fehler, die jede Heuristik erzeugt. Dies umfasst alle Heuristiken, auch die sogenannten rationaleren. Eine Heuristik verwendet nicht alle Informationen, sondern nur Teile davon. Und deshalb führt jede Heuristik voraussagbar und unvermeidlich zu Fehlern."

Laut Kahneman denken Menschen in zwei Systemen

Daniel Kahneman teilt sein Wissen auch mit Laien: und zwar in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken", das in der englischen Erstausgabe im 2011 erschienen ist. Ein Bestseller in vielen Sprachen. Der Titel sagt es: Für Kahneman denken Menschen in zwei Systemen. System eins, das eben schnell und mühelos, oft automatisch denkt, das dabei Heuristiken verwendet. Und System zwei, das langsam hinterfragt, mühsam nachdenkt. Dies aber nicht in unterschiedlichen Hirnstrukturen.

Man würde nicht zwei Bereiche finden, so als gäbe es einen, der das schnelle Denken erledigt, und der andere das langsame. Wir verwendeten die Terminologie von zwei Systemen als eine Metapher. Und oft findet man einen interessanten Austausch zwischen schnellem und langsamem Denken. Langsames Denken liefert Rationalisierungen für Irrtümer oder überhaupt für Ideen, die beim schnellen Denken automatisch in den Sinn kommen.

Im Jahr 2002, als Daniel Kahneman den Nobelpreis erhielt, hatte er schon ein bewegtes Leben hinter sich. Zur Welt kam er 1934 in Tel Aviv, wo seine in Frankreich lebende Mutter Verwandte besuchte. Nur knapp überstand er, der als Kind in Frankreich den Davidstern tragen musste, die deutsche Besatzung. Er wanderte dann nach Palästina ins spätere Israel aus, wurde Psychologe und machte seinen Doktor an der University of California in Berkeley. Zurück in Jerusalem, an der Hebräischen Universität, begann seine Zusammenarbeit mit Amos Tversky.

1974 erschien ihr gemeinsamer Fachartikel mit dem wegweisenden Titel "Judgment under Uncertainty" – die Übersetzung wäre "Urteilen unter Unsicherheit". Danach nahmen beide Professuren in den USA und Kanada an. Tversky starb schon 1996.

Vernunftforschung in Köln und Bonn

Szenenwechsel. Ankunft in Köln. Auf dem Weg zu Bettina Rockenbach, einem führenden Kopf in den deutschen Wirtschaftswissenschaften und Professorin an der Universität zu Köln.

"Wir sind im Reinhard-Selten-Institut an der Universität zu Köln, das Reinhard-Selten-Institut ist ein gemeinsames Institut der Universität zu Köln und der Universität Bonn, das die beiden Universitäten zu Ehren von Reinhard Selten gegründet haben und was die Forschung in seinem Sinne weiter vorantreibt."

Bettina Rockenbach leitet den Kölner Teil des Reinhard-Selten-Instituts. Der Volkswirt und Mathematiker Reinhard Selten gewann als erster und bislang einziger Deutscher den Nobelpreis für Wirtschaft. Auch er forschte über Vernunft und Unvernunft in wirtschaftlichen Entscheidungen. Selten starb im Jahr 2016. Bettina Rockenbach hat bei ihm ihre Doktorarbeit geschrieben.

Porträt von Bettina Rockenbach beim Jahresempfang des Rektors der Universität zu Köln. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Bettina Rockenbach Bettina Rockenbach leitet den Kölner Teil des Reinhard-Selten-Instituts. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)
2004 spricht Reinhard Selten bei der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau.

Ein deutscher Wissenschaftler auf großer internationaler Bühne. Um Spieltheorie geht es in Seltens Vortrag, für Laien kaum verständlich. Seine wegweisende Forschung, die Entscheidungen in Spielsituationen mathematisch untersucht, gewann ihm 1994 den Nobelpreis für Wirtschaft, den er sich mit zwei amerikanischen Forschern teilte. Geehrt wurde er für das Konzept der "Teilspielperfektheit".

Selten war ein Pionier der Rationalität, und dafür bekam er den Nobelpreis. Damit folgte er aber noch ganz dem Modell des Homo oeconomicus. Erst im Laufe der Zeit kam er dann zur eingeschränkten Rationalität.

1930 im damaligen Breslau geboren, litt auch der junge Reinhard Selten unter den Nationalsozialisten. Als sogenannter Halbjude musste er das Gymnasium verlassen. Nach dem Krieg dann doch das Abitur, ein Studium der Mathematik in Frankfurt am Main, der Aufstieg zum Universitätsprofessor in Berlin, Bielefeld und Bonn, vorher noch eine Gastprofessur an der University of California in Berkeley, dort wo auch Kahneman lange lehrte.

Selten entwickelte weiter, was andere Forscher schon angestoßen hatten, weil ihnen der Homo oeconomicus als ein zu schlichtes Modell erschien. So hatte der amerikanische Sozialwissenschaftler Herbert Simon, der Wirtschafts-Nobelpreisträger von 1978, schon 1959 über die "bounded rationality" geschrieben.

"Eingeschränkte Rationalität" klingt zunächst einmal nach "Irrationalität", Unvernunft. Reinhard Selten aber habe das damit gerade nicht gemeint, erklärt seine Schülerin Bettina Rockenbach:

"Da hat sich, das kann ich mich sehr gut erinnern, so in meiner Doktorandenzeit, Reinhard Selten immer sehr gegen gewehrt. Und hat gesagt: Nein, die Leute sind nicht irrational, sie sind eingeschränkt rational. Das war ein ganz großer Unterschied, weil irrational suggeriert, so alles ist möglich. Jeder macht irgendeinen Unsinn, sag ich mal, und wir wissen gar nicht, was die Leute tun."

Was meint Reinhard Seltens eingeschränkte Rationalität?

Als irrational gelten bewusste Entscheidungen gegen besseres Wissen. Reinhard Seltens eingeschränkte Rationalität aber meint etwas ganz anderes:

"Es gibt bestimmte Regularitäten. Die entsprechen nicht der rationalen Weise in allen Aspekten, aber sie sind regelhaft. Zum Beispiel das Überschätzen kleiner Wahrscheinlichkeiten, das Unterschätzen großer Wahrscheinlichkeiten, es ist regelhaft, auch wenn es nicht Homo oeconomicus ist. Und das ist ein sehr wichtiger Beitrag, zu sagen, wir müssen die rationale Theorie nicht durch etwas Irrationales ´Alles ist möglich` ersetzen, sondern wir haben eine Adaption der Regeln."

Reinhard Selten sah in die Forschung über Rationalität den Hauptstrom der Wirtschaftswissenschaften. Die meisten Arbeiten aber beruhten seiner Meinung nach zu sehr auf dem sogenannten neoklassischen Optimierungsgedanken.

Reinhard Selten sitzt, mit einem aufgeschlagenem Buch auf dem Schoß, nachdenklich auf einem Stuhl. (imago images / teutopress)Im Jahr 1994 erhielt Prof. Dr. Reinhard Selten als bisher einziger Deutscher zusammen mit John Nash und John Harsanyi den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. (imago images / teutopress)
Immerzu würde etwas optimiert, der Nutzen oder der Gewinn. Dieses Bild vom rationalen Verhalten in der Wirtschaftstheorie sei zwar weit verbreitet, sagte er, aber nicht das einzige und auch nicht unangreifbar.

"Sein Beispiel war immer: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Auto, da optimieren Sie auch nicht. Dann gehen Sie irgendwo hin und sehen: Das sieht ganz gut aus, dann gehen Sie irgendwo anders hin, ja, das sieht noch besser aus, und dann gehen Sie vielleicht noch mal zurück, und irgendwann stoppen Sie, obwohl ein perfekter Suchalgorithmus Sie vielleicht noch sehr viel länger hätte beschäftigt."

Reinhard Selten sah als Forscher, was viele Menschen auch ohne jede Wissenschaft erfahren: An bestimmten Punkten muss man es einfach mal gut sein lassen und sich entscheiden, auch wenn vielleicht irgendwo eine noch bessere Lösung wartet. Das war für Selten durchaus rational, zwar eingeschränkt, aber eben doch vernünftig.

Damit unterschied er sich von Kahneman und Tversky. Beschrieben diese doch mit ihren Heuristiken zwar ebenfalls Abkürzungen im Entscheiden, aber vor allem als Fehlerquellen auf Kosten der Rationalität.

"Selten war in manchen Bereichen sehr viel radikaler."

Kritik kommt aus Berlin

Berlin. Ein Treffen mit Gerd Gigerenzer, Professor im Ruhestand und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Gigerenzer ist genauso wie Kahneman ein weltbekannter Experte für Heuristiken. Schon früh lernte er Kahneman und Tversky in den USA kennen – und wurde später zu ihrem schärfsten Kritiker. Ihre Vorstellung, Verzerrungen im Entscheidungsverhalten seien Fehler, will Gigerenzer überhaupt nicht folgen. Ihre Neue Erwartungstheorie, mit der sie die bisherige Erwartungsnutzentheorie des Homo oeconomicus ablösen wollten, sei im Grunde nur eben genau diese alte Erwartungsnutzentheorie, nur im neuen Gewand.

"In dem Moment, wo die beiden zusammengearbeitet haben, haben sie die Erwartete-Nutzens-Theorie (sic!) als die Norm genommen, und Prospect Theory ist ja nichts anderes als eine Verkomplizierung des Ganzen, und die Abweichungen davon als Fehler der Menschen bezeichnet. Also, Sie haben ja immer ein Modell über Rationalität und die Wirklichkeit. Wenn's ‘ne Diskrepanz gibt, können Sie zwei Entscheidungen treffen: das Modell ist falsch. Oder der Mensch liegt falsch. Und das Letztere war grundsätzlich deren Position."

Porträt von Gerd Gigerenzer vor einem schwarzen Hintergrund.  (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Gerd Gigerenzer beobachtete wie auch Kahneman und Selten, dass viele Menschen Wahrscheinlichkeiten falsch einschätzen. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)

Gigerenzer hat viel darüber geforscht, welche segensreiche Rolle Heuristiken oft spielen, dass sie oftmals eben gerade keine Fehler verursachen. Obwohl sie Dinge vereinfachen, können Heuristiken für Gigerenzer auch hoch präzise und sehr rational sein. Als Beispiel nennt er eine Faustregel, die bei der berühmten Notwasserung eines Airbus auf dem Hudson River in New York im Jahr 2009 viele Leben gerettet hat, weil damals einfach keine Zeit für langes Rechnen blieb:

"Die Piloten hatten, nachdem sie mit diesen kanadischen Gänsen zusammengestoßen waren und die Motoren ausgefallen sind, haben gedreht und mussten Entscheidungen treffen. Schaffen wir es noch bis zum Flughafen? Da gabs ein paar Flughäfen. Wie haben Sie das entschieden? Der Copilot hat das genau beschrieben: Also, man fixiert den Tower des Flughafens, und wenn der Tower in der Windschutzscheibe nach oben geht, dann schafft man's nicht."

Statistisches Denken könnte bei Entscheidungen helfen

Gigerenzer beobachtete ebenso wie auch Kahneman und Selten, dass viele Menschen Wahrscheinlichkeiten falsch einschätzen. Für ihn ist dies aber kein Fehler in der Psyche des Menschen, sondern eine Frage der Kompetenz:

"Das heißt, wenn sie nicht kompetent sind, dann können sie das lernen. Und dazu muss man in der Schule zum Beispiel nicht nur die schöne Mathematik lernen wie Algebra und Geometrie und Trigonometrie, sondern auch statistisches Denken. Das ist das Nützlichere für die meisten Menschen. Aber wir tun es nicht."

Gigerenzer gehört zu den Autoren der "Unstatistik des Monats". Diese Website des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen hinterfragt zu wichtigen aktuellen Themen Zahlen und deren Interpretationen, und dies leicht verständlich. Die Unstatistik des Monats will nach eigenem Bekunden Menschen helfen, ihre Entscheidungen rationaler zu treffen. Aber was heißt das?

"Ökonomische Rationalität bedeutet, dass man eine gute Strategie findet, die in der Welt dieses Problems mit all der Unsicherheit eine gute Chance hat, erfolgreich zu sein."

Erwartungen, Verhalten und Ökonomik

Einer der jungen Wissenschaftler auf der Online-Konferenz über Kahnemans Prospect Theory war Mark Kirstein vom London Mathematical Laboratory. Dieses unabhängige Forschungsinstitut für Ökonomik stellt so manche Grundannahme der bisherigen Wirtschaftsforschung infrage. Und Mark Kirstein auch gleich die ganze Verhaltensökonomik.

"Warum gibt es eigentlich so ein Fach, was Verhaltens-´Bindestrich`-Ökonomik heißt? Die normale Ökonomik, hat die denn nichts mit Verhalten zu tun?"

Seine Doktorarbeit hatte Kirstein gerade an der Technischen Universität Dresden abgegeben, als er 2019 nach London ging, zur Forschungsgruppe des Physikers und Ökonomen Ole Peters. In Deutschland gehört Kirstein zu einer Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig und der Universität Duisburg.

Kirstein ist zwar nicht der einzige junge Ökonom, der mit ganz neuen Ideen arbeitet. Sein Ansatz der Ergodicity Economics aber wirft ein völlig neues Licht auf die Vernunft in der Wirtschaft überhaupt. Der Begriff Ergodicity kommt eigentlich aus der Physik.

"Auf Deutsch würde man Ergodizität sagen, der deutsche Begriff, der ein unglaublich abstraktes mathematisches Feld beschreibt. In der Wirtschaftswissenschaft ist es ungefähr vor zehn Jahren in einer Reihe von Arbeiten dargelegt worden, was eigentlich die Bedeutung der Ergodizität für die Ökonomik ist."

Es geht um den Erwartungswert, mathematisch das arithmetische Mittel des Erwartbaren.

"Erwartung steckt da drinnen, das was der Entscheider, der einzelne Entscheider, der Unternehmer oder die Firma, was die erwarten kann, was tatsächlich über die Zeit gesehen passiert."

Ergodizität liegt vor, wenn der Erwartungswert die Wirkungen über die Zeit korrekt beschreibt. Ergodisch sind Vorgänge also dann, wenn der vorher errechnete Erwartungswert das typische zeitliche Geschehen tatsächlich abbildet. Die Ergodizitäts-Ökonomik aber will zeigen, dass bei wirtschaftlichen Entscheidungen die Ergodizität gerade nicht der Normalfall sei: Dass sich zum Beispiel Investitionen, die Vermögensverteilung in der Gesellschaft oder das Klima über längere Zeit sehr häufig ganz anders entwickeln als die Verläufe der erwarteten Rendite, der erwarteten Ungleichheit oder der erhofften Klimaerwärmung. Eine mathematische Fassung von ´Das typische tatsächliche Geschehen ist nicht das erwartete Geschehen.`"

Ein ungewohnter Blick auf Rationalität

Oder von: "Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man es jemals für möglich gedacht hätte." 

"Das heißt, dass der Erwartungswert eine der größten Fehlbezeichnungen in der Wissenschaftsgeschichte ist, weil es gar nicht das abdeckt, was sich tatsächlich in der Erfahrung eines Einzelnen über die Zeit widerspiegelt."

Im Gegensatz zum Handeln des Homo oeconomicus, des Kurzfrist-Nutzenmaximierers, untersucht dieser neue Ansatz ein Entscheidungsverhalten der langfristigen, nachhaltigen Vernunft. Durch diesen ungewohnten Blick auf Rationalität ergeben sich völlig neue Erklärungen und Lösungen für aktuelle wirtschaftspolitische Probleme.

"Viele ökonomische Prozesse sind nicht ergodisch, und das Paradebeispiel für einen nicht ergodischen Prozess ist einer, mit dem wir jeden Tag im Moment Kontakt haben: exponentielles Wachstum. Exponentielles Wachstum in Form von Ansteckungseffekten in Pandemie-Zeit. Diese Dynamik, die da abgebildet wird über multiplikative Prozesse, die ist nicht ergodisch, und die sehen wir überall in der Welt."

Dies würde heißen: Man müsste sich gar nicht damit aufhalten zu fragen, ob Menschen über längere Zeit ihre ganz persönliche Nutzenerwartung verfolgen können. Sie könnten es nicht. Aber:

"Das Ergodizitäts-Problem hat nun gezeigt, dass in vielen Entscheidungsproblemen, in vielen ökonomischen Theorien diese Ergodizitäts-Annahme implizit getroffen wird."

Der Nutzen von langfristigen wirtschaftlichen Zielen

Die unausgesprochene Grundannahme einer gar nicht vorhandenen Ergodizität sieht Kirstein auch bei Kahneman und Tversky. Sobald aber die Wirtschaft als nicht-ergodisch verstanden wird, ändert sich die Vorstellung von der Vernunft in ihr. Langfristige wirtschaftliche Ziele, die über den Einzelnen hinausgehen, sind dann sehr wohl auch für die einzelnen Menschen vernünftig: zum Beispiel mehr Klimaschutz oder eine gerechtere Weltwirtschaft, ganz im Sinne von Amartya Sen.

"Reinhard Selten und andere haben schon lange dafür plädiert, in dieser eingeschränkten Rationalitätsforschung, ein neues Menschenbild zu entwickeln, was wir dann in eine mathematische Theorie des rationalen Entscheidens mit reinbringen."

Das klingt nach einer besseren, gerechteren Welt. Könnten aber mehr Wissen und eine andere Vernunft wirklich eine menschenfreundlichere Wirtschaft schaffen? Mark Kirstein ist zuversichtlich, aber auch skeptisch.

"Das ist ja ein hehrer Wunsch, immer, dass man ein Menschenbild hat, wenn der Mensch nur mehr wüsste, dass der dann auch anders handeln würde. Weiß ich nicht. Es gibt immer noch Kriege, das sind trotzdem dieselben evolutionären Prozesse, die da ablaufen, wenn die Hyäne dem Löwen die Beute klaut. Das sehe ich immer mehr."

Auf letzte Antworten der Wirtschaftswissenschaften sollte niemand so hoffen. Noch erweisen sich zu viele ihrer Voraussagen im Nachhinein schlicht als falsch. Vielleicht hat sie es auch einfach mit einem viel zu komplizierten Gegenstand zu tun, um jemals eine exakte Wissenschaft sein zu können. 

Auch und gerade Daniel Kahneman glaubte nie, endgültige Wahrheiten gefunden zu haben. Seinem Wahlspruch ist er stets treu geblieben auf seiner Suche nach Erklärungen, warum und wie klug sich Menschen so oder eben anders entscheiden.

"Ich ziehe es vor, ungefähr richtig zu liegen statt exakt falsch."

Es sprachen: Nina West und Markus Hoffmann
Technik: Andreas Stoffels
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Redaktion: Carsten Burtke
Autor: Wolfgang Streitbörger

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