Verfolgung durch die Taliban

    Journalistinnen und Aktivistinnen tauchen unter

    09:59 Minuten
    Eine afghanische Journalistin interviewt den ehemaligen Innen- und Außenminister Abdullah Abdullah am 4. Mai 2002 in Kabul.
    Ob Journalistinnen unter den Taliban weiter arbeiten und im öffentlichen Leben stehen dürfen, ist noch unklar. © dpa / picture-alliance / Indranil Mukherjee
    Sara Nabil im Gespräch mit Sigrid Brinkmann · 23.08.2021
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    Die Taliban unterdrücken besonders Journalistinnen und Aktivistinnen. Viele Frauen wechselten regelmäßig ihren Wohnort und löschten Social-Media-Konten, berichtet die Politikwissenschaftlerin Sara Nabil. Doch es gebe auch Widerstand in Afghanistan.
    Journalistinnen befürchten Repressionen von den Taliban in Afghanistan. Es gibt Berichte darüber, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt und nicht mehr an ihre Arbeitsplätze gelassen werden. Außerdem löschten vor allem Aktivistinnen und Journalistinnen aus Angst vor Verfolgung ihre Konten in den sozialen Medien und tauchten unter, heißt es weiter von Betroffenen und deren Angehörigen.

    Jeden Tag Angst

    Sara Nabil ist Politikwissenschaftlerin und lebt in Frankfurt am Main. 2015 lebte sie noch in Afghanistan und ist dort knapp einem Bombenanschlag entkommen, der ihr und anderen Frauenrechtsaktivistinnen galt. Danach floh sie nach Deutschland.
    Sie sagt, die Frauen hätten seit der Machtergreifung der Taliban "große Angst" und stünden jeden Tag in Gefahr. Nabil sei in Kontakt mit vielen Aktivistinnen, die gleichzeitig ihre Freundinnen seien. Die Frauen berichteten ihr, dass sie regelmäßig ihren Wohnort wechselten, damit sie nicht gefunden werden würden. Die Taliban suchten seit einigen Tagen vermehrt nach Journalistinnen und Aktivistinnen.
    Es gebe jedoch auch Frauen, die vor einigen Tagen in verschiedenen Städten auf den Straßen demonstriert hätten. Sie hätten skandiert: "Wir sind nicht die Frauen von 1996, wir sind die Frauen von heute. Wir haben Tag und Nacht für unsere Rechte gekämpft." Natürlich würden sie nicht das afghanische Emirat akzeptieren und in die rechtlosen Zeiten aus den 1990er-Jahren zurückkehren wollen, als die Taliban schon einmal regierten.

    Sicherere Kommunikationswege

    Auch wenn viele sich widersetzten, habe sich die Kommunikation mit ihren befreundeten Aktivistinnen verändert, erzählt die Politikwissenschaftlerin. Früher hätten sie sich viel über soziale Medien und Messenger wie Whatsapp und Facebook ausgetauscht. Mittlerweile seien sie auf sichere Kanäle ausgewichen, "die nicht so schnell hackbar sind" oder, wo die Leute nicht so leicht gefunden werden könnten. Außerdem hätten viele ihre Namen verändert oder benutzen Namenskürzel. "Wenn sie sonst gefunden werden, werden sie von den Taliban umgebracht", sagt Nabil.
    "Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Taliban von 1996 und von 2021." Sie könne sich noch ganz genau daran erinnern, wie das damalige Regime in die Nationalgalerie gestürmt sei und dort alle Gemälde und Kassetten verbrannt habe. "Alles, was im Kunstbereich war, war tabu", sagt sie weiter. Ihr eigener Vater sei selbst Künstler. "Die Geschichte wiederholt sich", sagt sie weiter, "sie haben die gleiche Ideologie und sie verfolgen das gleiche Ziel".
    Momentan die einzige Lösung sei es ihrer Meinung nach, wenn die internationale Gemeinschaft weiter Druck auf die Taliban ausübe. Das heiße auch, Politikerinnen und Entscheidungsträger aus dem Westen zum Handeln aufzufordern, zum Beispiel durch Petitionen. Vor allem plädiere sie dafür, dass die internationale Staatengemeinschaft das Taliban-Regime nicht anerkenne. Stattdessen müsse "die Welt den Menschen in Afghanistan zuhören".
    (sbd)
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