Vegan und gesund?

    Die Gefahr von Vitaminmangel

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    Diverses grünes Gemüse auf blauem Untergrund.
    Kann man sich ohne tierische Produkte ausreichend gesund ernähren? © imago / fStop Images / Larry Washburn
    Von Horst Gross · 09.09.2021
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    Zum Wohle der Tiere oder aus Überzeugung ernähren sich immer mehr Menschen rein pflanzlich. Was manche dabei nicht beachten: Diese Ernährung ohne tierische Produkte kann zu einem Vitamin-B12-Defizit führen mit gravierenden Folgen.
    Anke Schulz hat schon vor Jahren schrittweise ihre Ernährung auf rein pflanzliche Produkte umgestellt. "Ich habe einfach gedacht, ich kann essen, was ich will." Ein folgenschwerer Irrtum. Denn ihre strenge vegane Ernährung zeigt nun, viele Jahre nach der Umstellung, unerwartete Folgen."Ich war einfach immer sehr schwach. War ganz schnell erschöpft. Hatte keinen Elan mehr, irgendetwas zu unternehmen."
    Die typischen Beschwerden eines chronischen Vitamin-B12-Mangels. Bei rein pflanzlicher Ernährung ist die Versorgung mit diesem Vitamin besonders kritisch. Denn B12 kommt in ausreichender Menge nur in tierischen Produkten vor, in Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten.


    Verzichtet man auf sie, überdecken die körpereigenen Depots dieses Defizit bis zu fünf Jahre. Erst dann wird es ernst. Ein Zusammenhang, der oft übersehen wird. Doch die Hausärztin der Berlinerin hatte den richtigen Riecher. Nach einer intensiven Vitaminkur kamen Elan und Antrieb zurück. Glück gehabt, denn manchmal sind die Nervenschäden durch den B12-Mangel unumkehrbar.
    "Und ich habe nie die Idee gehabt, dass es irgendwas mit diesem Vitamin-B12-Haushalt zu tun haben könnte. Ich kenne mich da auch nicht so aus."

    Sachgerechte Informationen fehlen oft

    Kein Wunder, zwar boomt der Markt für Veganes. Doch sachgerechte Informationen bleiben häufig auf der Strecke. Fast zwei Millionen Deutsche ernähren sich mehr oder minder streng vegan. Doch um ihren Vitaminhaushalt kümmern sich offenbar die wenigsten, wie Stichprobenuntersuchungen zeigen. Bei mehr als der Hälfte zeigt sich ein beginnender Vitamin-B12-Mangel. Und der betrifft in zunehmendem Maß auch Kinder. Doch bedeutet vegan nicht auch Verantwortung für die eigene Gesundheit?
    "Und das heißt ganz konkret, dass sie sich regelmäßig beim Arzt testen lässt. Also mindestens alle zwei Jahre und wenn dann festgestellt wird, dass man ein Vitamin-B12-Defizit hat, dann ergreift man eben als Veganerin und Veganer Gegenmaßnahmen und supplementiert Vitamin B12."
    Christian Vagedes ist Vorsitzender der Veganen Gesellschaft Deutschlands und selbst engagierter Veganer.
    "Man kann zum Beispiel regelmäßig veganen Joghurt essen. Den gibt es mittlerweile auch ohne Zuckerzusatz. Und wenn man da einen großen Joghurtbecher isst, dann hat man schon einen relativ großen Anteil B12 supplementiert. Es gibt dann auch bestimmte andere Lebensmittel, die mit B12 ergänzt worden sind. Man kann sich das dann selber zusammenrechnen. Man muss nur auf die Verpackung achten. Und wenn man dann so durch den Tag geht und immer etwas isst, was mit B12 angereichert ist, dann hat man im Grunde genommen schon eine sehr, sehr gute Vitamin-B12-Versorgung."
    Regelmäßig testen lassen sollten sich Veganerinnen und Veganer aber trotzdem. Vor allen den richtigen Laborwert, meint der Labormediziner und Stoffwechselspezialist Professor Winfried März.
    "Wenn Vitamin-B12-Mangel entsteht, äußert sich das zunächst mal gar nicht so sehr am Absinken des Gesamtvitamin-B12-Wertes. Zunächst einmal geht Holotranscobalamin nach unten und Vitamin B12 kann noch im Referenzbereich bleiben. Dann entstehen so langsam auch die metabolischen Folgen eines Vitamin-B12-Mangels. Und danach kommt dann die klinische Manifestation."

    Abgeschlagenheit, Nervenschmerzen und Blutarmut

    Mit typischen Symptomen wie Abgeschlagenheit, Nervenschmerzen und Blutarmut. Doch soweit kann es überhaupt nicht kommen, wenn man ein bis zwei-jährlich seinen Holotranscobalamin-Wert prüft. Es ist der Anteil des Vitamins im Blut, der dem Körper tatsächlich zur Verfügung steht. Einen Haken hat die Sache allerdings: Der Vitamincheck ist keine Kassenleistung.
    "Wer seinen Vitamin-B12-Spiegel unabhängig vom Hausarzt wissen möchte, der macht am besten einen Termin bei einem nahe gelegenen Labor. Geht dorthin. Lässt sich Blut abnehmen und bekommt dann einen Vitamin-B12-Wert mit Befundung vom Laborarzt zurück an seine persönliche Adresse zu Hause."
    Knapp 50 Euro kostet so eine Laboruntersuchung, einschließlich Blutentnahme. Zeigen sich Probleme, dann muss Vitamin B12 ergänzt werden. Am besten nicht, ohne ärztlichen Rat. Neben den Vitamintabletten aus der Apotheke, stehen aber auch pflanzliche Ergänzungsmittel zur Verfügung, z.B. ein Präparat aus der Quecke. Christian Vagedes von der Deutschen Veganen Gesellschaft.
    "Das Besondere an diesem Produkt aus der Quecke ist eben, dass das rein natürlich ist. Und es gibt im veganen Bereich eben sehr viele Menschen, die darauf achten, dass Dinge, natürlichen Ursprung sind, in Bioqualität sind. Und wenn es dann ein solches B12-Präparat gibt, dann ist es ja auch völlig in Ordnung, dass man darauf aufmerksam macht."

    Folge der industrialisierten Landwirtschaft

    Auch wenn die Lebensmittel, wie hier auf dem Wochenmarkt, noch so gesund aussehen, sprudelnde Vitamin-B12-Quellen sind sie nicht. Denn Pflanzen und pflanzliche Produkte enthalten kaum B12. Eine Vitaminanreicherung von Bio-Lebensmitteln ist zudem gesetzlich untersagt. Und selbst bei der konventionellen Fleisch- und Wurstproduktion muss den Tieren das Vitamin mittlerweile zugefüttert werden.
    Eine Folge der industrialisierten Landwirtschaft. Dünger und Pestizide zerstören die Mikroorganismen in Ackerböden und Weiden. Also die wichtigste Quelle, die das Vitamin in die Nahrungskette einspeist. Vitamin-B12 ist damit längst zu einem Problem geworden, das uns alle angeht.
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