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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 05.03.2020

USA-Taliban-AbkommenKaum Hoffnung für die afghanische Bevölkerung

Ein Kommentar von Emran Feroz

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Schattenriss: Jugendliche auf einem zurückgelassenen sowjetischen Panzer. (picture alliance / Epa / jawad Jalali)
Verschiedenste Weltmächte sind in Afghanistan einmarschiert: Jugendliche auf einem zurückgelassenen sowjetischen Panzer. (picture alliance / Epa / jawad Jalali)

Nach langen Verhandlungen haben die Taliban ein Abkommen mit den USA unterzeichnet. Afghanistan ist zum Friedhof eines Imperiums geworden, schreiben Beobachter. Dabei ist das Land vor allem ein Friedhof für die Bevölkerung, meint Journalist Emran Feroz.

Achtzehn Monate lang haben US-Diplomaten mit den afghanischen Taliban im Golfemirat Katar über einen Truppenabzug verhandelt. Es waren schwierige Gespräche, die fast gänzlich zum Stillstand gekommen wären.

Am vergangenen Samstag war es allerdings soweit. Washington unterzeichnete mit den Taliban ein Abkommen, welches den vollständigen Abzug des US-Militärs binnen vierzehn Monaten sowie die Freilassung von 5.000 Taliban-Gefangenen garantierte. Im Gegenzug müssen die Aufständischen ihre Verbindungen zu Al-Qaida für immer begraben, für einen Waffenstillstand sorgen und einen innerafghanischen Dialog, der einen längerfristigen Frieden garantieren soll, aufnehmen.

Inwiefern all dies tatsächlich eintritt, bleibt mehr als fragwürdig. Während sich viele Afghanen erleichtert zeigten, erklärten die Taliban, ihre Operationen gegen die afghanischen Streitkräfte fortsetzen zu wollen. Kurz zuvor kritisierte Afghanistans Präsident Ashraf Ghani den US-Taliban-Deal und verweigerte sich gegen die geplante Freilassung der Gefangenen.

Afghanische Gesellschaft spielt im Abkommen keine Rolle

Ungewiss ist auch die Zukunft der nicht amerikanischen Nato-Truppen im Land. Hinzu kommt, dass die Taliban Ghanis Regierung als "Marionettenregime" betrachten, weshalb sie mit ihr auch nicht verhandeln wollen. Und die afghanische Gesellschaft im Allgemeinen? Sie spielt im Abkommen keine Rolle. Dies betrifft auch Fragen in Sachen Menschen- und Frauenrechte.

Nachdem die Unterzeichnung des Deals mit großem Medientrara abgesegnet wurde, stehen die Taliban als Sieger da. "Ihr seid taffe Leute", soll Trump zu Taliban-Führer Mullah Bradar am Telefon gesagt haben.

Die Vereinigten Staaten haben den längsten Krieg ihrer Geschichte verloren, auch wenn Trump nun damit prahlen wird, ebenjenen Krieg "beendet" zu haben, um wiedergewählt zu werden. Zeitgleich wurde das wohl bekannteste Afghanistan-Narrativ überhaupt zum Leben erweckt, und zwar jenes vom "Friedhof der Imperien". Allem Anschein steckt in den Afghanen etwas, das ausländische Besatzer zermürbt – von Alexander dem Großen bis hin zu den Briten, Russen und nun auch den US-Amerikanern.

"Ihr lasst euch nicht unterkriegen", bekomme auch ich manchmal zu hören. So einfach ist das Ganze dann aber doch nicht. Es stimmt, dass Afghanistan im Laufe seiner Geschichte immer wieder zum Ziel verschiedenerer Imperien geworden ist. Allein in den letzten 150 Jahren sind drei Weltmächte ins Land einmarschiert: die Briten, die Sowjets und letztendlich die Amerikaner.

Das Land ist gespalten

Vereint waren die Afghanen bei all diesen Invasionen nie. Es gab immer eine installierte Regierung in Kabul, welche die Interessen des jeweiligen Imperiums bediente und gleichzeitig von der Besatzung profitierte, während in vielen ländlichen Regionen des Landes Krieg, Aufruhr, Rebellion und Warlords herrschten.

Oftmals bekriegten sich sogar Familienmitglieder untereinander: Wazir Akbar Khan, der Sohn des Emirs Dost Mohammad Khan und Anführer des anti-britischen Aufstandes im 19. Jahrhundert, wurde innerhalb seiner Familie angefeindet. Bis heute hält sich unter afghanischen Historikern das Gerücht, dass es der Emir höchstpersönlich war, der seinen Sohn vergiftete. Akbar Khan gilt als Nationalheld, doch heute würden ihn wohl US-Drohnen jagen, wenn er unter uns verweilen würde.

Die kriegsliebenden Afghanen: ein orientalistisches Stereotyp

Es stimmt, dass Afghanistan in gewisser Hinsicht zu einem Friedhof der Imperien geworden ist. Doch es sind vor allem die Afghanen selbst, die darunter leiden und seit Jahrzehnten hier in Massen begraben werden. Während der sowjetischen Besatzung wurden rund zwei Millionen Afghanen getötet. Seit Beginn der US-Invasion haben Hunderttausende ihr Leben verloren. Zu behaupten, dass die Afghanen von Natur aus den Krieg lieben und Imperien zerschlagen würden, ist ein orientalistisches Stereotyp, das jedoch so populär wie falsch ist.

In den meisten Fällen bekämpfen die Afghanen nämlich einander, und zwar auf Kosten fremder Mächte und deren Interessen. Das ist die wahre Tragödie, die das Land zu einem Friedhof gemacht hat.

Porträtaufnahme von Emran Feroz , der an einer Säule lehnt. (picture alliance / Frank May)Emran Feroz (picture alliance / Frank May)Emran Feroz ist freier Journalist mit afghanischen Wurzeln. Er hat in Tübingen Politologie und Philosophie studiert. Regelmäßig berichtet er über die politische Lage im Nahen Osten und Zentralasien in deutsch- und englischsprachigen Medien. Im Oktober 2017 veröffentlichte das Buch "Tod per Knopfdruck: Das wahre Ausmaß des US-Drohnen Terrors".

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