"Urknall der evolutionären Entwicklung"
Mit einem Fachmann für Frühgeschichte schrieb Jürgen Wertheimer die Geschichte einer folgenreichen Begegnung vor 40.000 Jahren. Sein Buch ist ein "archäoliterarischer Versuch", der nebenbei beweist, dass Migration klüger macht.
Ulrike Timm: Jetzt gehen wir ganz, ganz weit zurück, 40.000 Jahre, und werden Zeuge eines Clashs der Kulturen: Neandertalermädchen gerät in die falsche Hütte, landet bei einer Homo-sapiens-Horde, also bei der Spezies, die wir zu den ersten frühen, uns sehr ähnlichen Menschen rechnen. Kommentar des Neandertalermädchens nach einiger Zeit: Die reden ja viel!
Sind das nun Ideen eines fantasiebegabten oder auch nur etwas durchgeknallten Hirns? So kann man das nicht sagen, denn Ausgangspunkt war ein frühes Kunstwerk, 40.000 Jahre alt, gefunden 2008 auf der Schwäbischen Alb: Die erste frühe bekannte Frauenfigur der Geschichte, Kunst also der Frühzeit. Ein Fachmann für Frühgeschichte, Nicholas Conard, und ein Autor, Jürgen Wertheimer, taten sich zusammen, um dem Geheimnis der Entstehung der frühesten Kulturen zumindest annäherungsweise beizukommen. Der Autor ist jetzt da: Jürgen Wertheimer, schönen guten Tag!
Jürgen Wertheimer: Ja, freut mich, hier zu sein!
Timm: Herr Wertheimer, entstanden ist - so heißt es bei Ihnen - ein archäoliterarischer Versuch. Was haben Sie denn getan, um aus einem gewagten So-könnte-es-gewesen-sein kein bloßes Jetzt-spinnen-wir-mal wird?
Wertheimer: Ja, also das ist schon ganz redlich erarbeitet, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe natürlich mehrere Nächte in den Höhlen auch verbracht, Tage dazu, und mit Nick Connard so ziemlich alles durchstreift in der Region, was zu durchstreifen war.
Timm: Ausgangspunkt war eben dieser Fund in der Schwäbischen Alb, 40.000 Jahre alt - was ist das Besondere an dieser Figur?
Wertheimer: Das Besondere an diesem kleinen, sehr filigranen, wunderbaren Figürchen ist, dass es die älteste anthropomorphe Darstellung einer Frauenfigur ist, die wir auf der Welt haben, faszinierenderweise auf der Welt haben, und von daher war der Rückschluss, hier entstand die Kultur, natürlich ein bisschen verrückt und gewagt und forciert, denn vielleicht haben wir es anderswo nur noch nicht gefunden. Aber de facto ist es im Moment so, dass an diesem Tatort, dieser kleinen Stelle, mitten in der Höhle Hohle Fels das älteste Kunstwerk der Welt gefunden wurde.
Timm: Eine Frau mit Riesenbusen, dickem Hintern und ohne Kopf.
Wertheimer: Ja, also der Riesenbusen wird sehr viel kleiner, wenn man sich einen Kopf dazudenkt, wie ich das ja auch getan habe - alles eine Frage der Proportion, aber wie auch immer: Üppige Brüste waren ein Merkmal der sehr frühen Frauendarstellungen.
Timm: Ihr Beitrag ist eben die erfundene Geschichte eines Neandertalermädchens, das zu einer Horde, ja, etwas …
Wertheimer: Moderner Menschen.
Timm: … modernerer Menschen stößt. Sie geht erheblich begabter durch den Matsch als die anderen, die reden dafür besser als sie. Und wie die sich zusammenfinden, das beschreiben Sie. Wie sind Sie denn dieser Geschichte nachgestiegen?
Wertheimer: Das ist ganz einfach. Die Literatur hat die Fähigkeit oder die Notwendigkeit, alles sehr, sehr, sehr konkret zu machen. Das heißt, wenn man einmal sich festgelegt hat auf eine Figur und einen Platz und eine Zeit und ein paar Figuren, mit denen die in Kontakt kommt, dann entstehen Situationen, und denen geht man dann, wie Sie ganz richtig sagen, nach.
Man stellt plötzlich fest, wie behutsam man miteinander umgehen musste, wenn man nur zu fünfzehnt ist - dann ist jeder ein Ausfall. Man wird vorsichtiger werden, man macht sich Gedanken: Warum macht man so kleine Sachen, so kleine Sachen mit so starken Händen, wie die alle hatten? Wahrscheinlich doch, weil man die Kraft aus den überwältigenden Tieren nehmen will und sie kontrollieren will, sie zähmen will, wie das Saint-Exupéry schon geschrieben hat.
Ich denke also, die waren uns einerseits ganz, ganz nahe und andererseits Lichtjahre entfernt. Und auf diesem Korridor zwischen unendlich weit voneinander entfernt sein - 40.000 Jahre sind keine Kleinigkeit - und doch Brüder zu sein mit denen und Schwestern, entstand der für mich emotionale Reiz, der Geschichte nachzugehen.
Timm: Sie haben ja praktisch mit Ihrem Kompagnon, dem Nicholas Conard, der die seriöse archäologische frühgeschichtliche Grundlage geliefert hat, gesagt: Diese Figur, die da in der Schwäbischen Alb gefunden wurde, diese kleine Frauenfigur, ist der Anfang unserer Kultur.
Wertheimer: Ein Dokument des Anfangs, sagen wir so.
Timm: Warum machen Sie das genau daran fest?
Wertheimer: Na, es sind mehrere Faktoren, wir machen es nicht nur daran fest. Es gibt Flöten, das sind die ältesten Musikinstrumente der Welt, es gibt sehr, sehr viele Tierdarstellungen und es gibt jetzt auch noch diese Menschendarstellung. Aus dem Ensemble ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, so etwas wie einen Urknall der evolutionären Entwicklung anzunehmen und sich zu fragen, warum findet man so was Jahrhunderttausende vorher nicht, nicht in der Dichte und nicht in der Art, und dann plötzlich, so um 38.000 vor unserer Zeit, so geballt auf so kleinem Raum selbst, da muss etwas vorgegangen sein. Und da wäre unsere Vermutung eine Mischung aus verschiedenen Faktoren: dem Raum, vielleicht einem klimatischen Ereignis, dem Zusammentreffen aber vor allem unterschiedlicher Menschen.
Und wir wissen bis in unsere Gegenwart, dass Migration immer klügere Menschen erzeugt und nicht dümmere, und dass aus dem Clash der Kulturen meistens sensiblere, nicht immer stärkere, aber sensiblere, klügere, auf zwei Kanälen arbeitende Wesen, die mehr Vielfalt entwickeln müssen, um zu überleben, entstehen. Und die Khar ist ein kluges Neandertalermädchen von 16 Jahren, die das alles auf die Reihe bringt - viele andere haben das vielleicht nicht auf die Reihe gebracht.
Timm: Sie wird zu einer Art Dolmetscherin …
Wertheimer: Genau.
Timm: … zwischen den Figuren, sie wird auch eine Dolmetscherin, um selber zu überleben, und sie ist - und das ist natürlich freie Erfindung - die Schöpferin dieser kleinen Kunstfigur, die es eben real gibt und die 2008 in der Schwäbischen Alb entdeckt wurde.
Wertheimer: Das war - wenn ich das dazwischenschieben darf - schon die größere Leistung von Nick Conard, das als seriöser Alt- oder Frühgeschichtler schlucken musste, aber er hat es geschluckt, dass ja aus den Händen einer Neandertalerin dieses Figürchen stammt.
Timm: Das ist dann sozusagen Ihr Beitrag von den Neuigkeiten aus der Steinzeit. Nun ist ja dieses Figürchen ein Kunstgegenstand, vielleicht auch ein religiöser Gegenstand, das weiß man nicht genau, jedenfalls ist es Kunst. Kultur gibt es ja schon früher, man kann ja sagen, Kultur ist auch, dass Menschen jagen und ein Feuer machen. Für Kunst braucht man ja auch ein bisschen mehr Muße - wenn ein Mammut hinter mir her ist, dann werde ich keine Kunst produzieren. Weiß man, dass die Kultur in dieser Zeit so weit war, dass die Menschen zum ersten Mal vielleicht die Gelegenheit hatten, übers nackte Überleben hinaus in ihren Höhlen über sich nachzudenken, über sich zu spinnen, Religion zu erfinden - was weiß man da?
Wertheimer: Das weiß man, sonst gäbe es diese Dinge nicht. Meine These oder unsere These wäre doch, sich mal vorzustellen, wann macht man so was. Sicherlich nicht - da würde ich Ihnen widersprechen -, wenn man zu viel Zeit hatte oder in Muße lebt, das ist unser moderner Begriff, diese Psychologie gilt, glaube ich, damals nicht. Man macht es in einer existenziellen Situation, nur in einer anderen existenziellen Situation. Und stellen Sie sich vor: Eine muss sich jetzt selbst finden, neu erfinden. Sie ist von ihren alten Wurzeln abgeschnitten …
Timm: Das Neandertalermädchen?
Wertheimer: … das Neandertalermädchen, die Khar, und muss sich in dieser neuen Umwelt, die ihr fremd ist, sprachlich fremd, emotional fremd, von den Ritualen fremd, neu orientieren. Das kann man nicht allein, da braucht man einen Partner, ein Wesen, das dir hilft. Und das wird diese kleine Figur, die sie aus einem Stück Elfenbein mit sich herumschleppt und schließlich eine Figur daraus entwickelt, die ihr Alter Ego, ihr Dummy ist, mit dem sie sich in der existenziell wichtigen Phase auseinandersetzt.
Dann, wenn sie sich gefunden hat, ist die Figur nicht mehr so wichtig, deshalb wird sie auch verscharrt. Also wir müssen uns, glaube ich, frei machen von einem Kunstbegriff: Ach, hier macht jemand in seinen Mußestunden mit ästhetischen Gedanken im Hirn eine Figur, die er dann bestaunt und anderen zeigt. Kunst, wirkliche Kunst hat immer mit Überleben zu tun und sichert sich dann den Raum, in dem sie stattfindet. Ich würde auch nicht so streng unterscheiden zwischen Kunst und Kultur, das fließt ineinander. Aber Sie haben Recht, die Gestaltung solcher Wesen ist natürlich eine andere Ebene von kultureller Entwicklung.
Timm: Jürgen Wertheimer, Sie haben zu Anfang unseres Gesprächs gesagt, Sie seien Ihrer Geschichte bis in die realen Höhlen, die sich auf der Schwäbischen Alb befinden, diese Steinzeithöhlen, nachgestiegen. Wie muss ich mir das vorstellen, sind Sie durchgekrabbelt?
Wertheimer: Na ja, wir waren natürlich gemeinsam im Gelände und an den Fundstellen, und mich hat natürlich fasziniert, am Tatort einer Geschichte zu sein. Sie haben ja recht, vieles an der Geschichte ist erfunden, aber immer im Rahmen des absolut Möglichen. Jede Situation wurde sozusagen noch mal gegengecheckt von mehreren Archäologen, und wenn sie kein Gegenargument liefern konnten - und vieles hat sich mittlerweile bestätigt, also zum Beispiel meine These der Vermischung von Neandertaler und modernem Menschen ist ja mittlerweile durch die Forschungen aus Leipzig tatsächlich bestätigt worden und anderes mehr. Also dieser permanente Dialog miteinander, der vor Ort stattfindet, ist natürlich die Grundlage, um so was dann doch ein bisschen handfester werden zu lassen als nur aus dem, ja, Philologenkopf entsprungene Hirngeburten.
Timm: Herr Wertheimer, Hand aufs Herz: Wenn Sie mittels Zeitmaschine einmal 40.000 Jahre zurückgebeamt werden könnten, hätten Sie Lust oder hätten Sie Angst?
Wertheimer: Ah, nur Lust, weil ich würde ja auf Khar stoßen. Sie dürfen nicht glauben, dass ich das nur erfunden habe. Es wird sich über kurz oder lang so wie bei Schliemann herausstellen, dass alles, was ich jetzt mir da ersonnen oder ersponnen, wie Sie sagen mögen, dass das alles genauso war. Und am Ende werden wir das Köpfchen von der Figur auch noch finden, ungefähr sieben Meter weiter im Schutt, wo jetzt noch keiner sucht.
Timm: Das ist die Verteidigung Ihrer Geschichte - ich denke natürlich auch an das Mammut, auf das Sie eventuell unbewaffnet treffen.
Wertheimer: Das Mammut, auf das würde ich nicht unbewaffnet treffen, das machen die Jäger. Ich hätte mich schon damals in die Nische der eher so Sinnierenden - wie der Yugus, eine andere Figur, der Flötenspieler - zurückgezogen.
Timm: Jürgen Wertheimer, der Schriftsteller, hat sich in die Welt vor 40.000 Jahren sehr tief eingefühlt. Zusammen mit dem Frühgeschichtler Nicholas Conard ist ein Buch entstanden, eine archäoliterarische Fiktion der Steinzeit, heißt "Die Venus aus dem Eis" und lohnt sich nicht nur für spinnerte Hirne. Herr Wertheimer, ich danke Ihnen!
Wertheimer: Tschüss und danke!
Verlagsinfo zu "Die Venus aus dem Eis"
Sind das nun Ideen eines fantasiebegabten oder auch nur etwas durchgeknallten Hirns? So kann man das nicht sagen, denn Ausgangspunkt war ein frühes Kunstwerk, 40.000 Jahre alt, gefunden 2008 auf der Schwäbischen Alb: Die erste frühe bekannte Frauenfigur der Geschichte, Kunst also der Frühzeit. Ein Fachmann für Frühgeschichte, Nicholas Conard, und ein Autor, Jürgen Wertheimer, taten sich zusammen, um dem Geheimnis der Entstehung der frühesten Kulturen zumindest annäherungsweise beizukommen. Der Autor ist jetzt da: Jürgen Wertheimer, schönen guten Tag!
Jürgen Wertheimer: Ja, freut mich, hier zu sein!
Timm: Herr Wertheimer, entstanden ist - so heißt es bei Ihnen - ein archäoliterarischer Versuch. Was haben Sie denn getan, um aus einem gewagten So-könnte-es-gewesen-sein kein bloßes Jetzt-spinnen-wir-mal wird?
Wertheimer: Ja, also das ist schon ganz redlich erarbeitet, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe natürlich mehrere Nächte in den Höhlen auch verbracht, Tage dazu, und mit Nick Connard so ziemlich alles durchstreift in der Region, was zu durchstreifen war.
Timm: Ausgangspunkt war eben dieser Fund in der Schwäbischen Alb, 40.000 Jahre alt - was ist das Besondere an dieser Figur?
Wertheimer: Das Besondere an diesem kleinen, sehr filigranen, wunderbaren Figürchen ist, dass es die älteste anthropomorphe Darstellung einer Frauenfigur ist, die wir auf der Welt haben, faszinierenderweise auf der Welt haben, und von daher war der Rückschluss, hier entstand die Kultur, natürlich ein bisschen verrückt und gewagt und forciert, denn vielleicht haben wir es anderswo nur noch nicht gefunden. Aber de facto ist es im Moment so, dass an diesem Tatort, dieser kleinen Stelle, mitten in der Höhle Hohle Fels das älteste Kunstwerk der Welt gefunden wurde.
Timm: Eine Frau mit Riesenbusen, dickem Hintern und ohne Kopf.
Wertheimer: Ja, also der Riesenbusen wird sehr viel kleiner, wenn man sich einen Kopf dazudenkt, wie ich das ja auch getan habe - alles eine Frage der Proportion, aber wie auch immer: Üppige Brüste waren ein Merkmal der sehr frühen Frauendarstellungen.
Timm: Ihr Beitrag ist eben die erfundene Geschichte eines Neandertalermädchens, das zu einer Horde, ja, etwas …
Wertheimer: Moderner Menschen.
Timm: … modernerer Menschen stößt. Sie geht erheblich begabter durch den Matsch als die anderen, die reden dafür besser als sie. Und wie die sich zusammenfinden, das beschreiben Sie. Wie sind Sie denn dieser Geschichte nachgestiegen?
Wertheimer: Das ist ganz einfach. Die Literatur hat die Fähigkeit oder die Notwendigkeit, alles sehr, sehr, sehr konkret zu machen. Das heißt, wenn man einmal sich festgelegt hat auf eine Figur und einen Platz und eine Zeit und ein paar Figuren, mit denen die in Kontakt kommt, dann entstehen Situationen, und denen geht man dann, wie Sie ganz richtig sagen, nach.
Man stellt plötzlich fest, wie behutsam man miteinander umgehen musste, wenn man nur zu fünfzehnt ist - dann ist jeder ein Ausfall. Man wird vorsichtiger werden, man macht sich Gedanken: Warum macht man so kleine Sachen, so kleine Sachen mit so starken Händen, wie die alle hatten? Wahrscheinlich doch, weil man die Kraft aus den überwältigenden Tieren nehmen will und sie kontrollieren will, sie zähmen will, wie das Saint-Exupéry schon geschrieben hat.
Ich denke also, die waren uns einerseits ganz, ganz nahe und andererseits Lichtjahre entfernt. Und auf diesem Korridor zwischen unendlich weit voneinander entfernt sein - 40.000 Jahre sind keine Kleinigkeit - und doch Brüder zu sein mit denen und Schwestern, entstand der für mich emotionale Reiz, der Geschichte nachzugehen.
Timm: Sie haben ja praktisch mit Ihrem Kompagnon, dem Nicholas Conard, der die seriöse archäologische frühgeschichtliche Grundlage geliefert hat, gesagt: Diese Figur, die da in der Schwäbischen Alb gefunden wurde, diese kleine Frauenfigur, ist der Anfang unserer Kultur.
Wertheimer: Ein Dokument des Anfangs, sagen wir so.
Timm: Warum machen Sie das genau daran fest?
Wertheimer: Na, es sind mehrere Faktoren, wir machen es nicht nur daran fest. Es gibt Flöten, das sind die ältesten Musikinstrumente der Welt, es gibt sehr, sehr viele Tierdarstellungen und es gibt jetzt auch noch diese Menschendarstellung. Aus dem Ensemble ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, so etwas wie einen Urknall der evolutionären Entwicklung anzunehmen und sich zu fragen, warum findet man so was Jahrhunderttausende vorher nicht, nicht in der Dichte und nicht in der Art, und dann plötzlich, so um 38.000 vor unserer Zeit, so geballt auf so kleinem Raum selbst, da muss etwas vorgegangen sein. Und da wäre unsere Vermutung eine Mischung aus verschiedenen Faktoren: dem Raum, vielleicht einem klimatischen Ereignis, dem Zusammentreffen aber vor allem unterschiedlicher Menschen.
Und wir wissen bis in unsere Gegenwart, dass Migration immer klügere Menschen erzeugt und nicht dümmere, und dass aus dem Clash der Kulturen meistens sensiblere, nicht immer stärkere, aber sensiblere, klügere, auf zwei Kanälen arbeitende Wesen, die mehr Vielfalt entwickeln müssen, um zu überleben, entstehen. Und die Khar ist ein kluges Neandertalermädchen von 16 Jahren, die das alles auf die Reihe bringt - viele andere haben das vielleicht nicht auf die Reihe gebracht.
Timm: Sie wird zu einer Art Dolmetscherin …
Wertheimer: Genau.
Timm: … zwischen den Figuren, sie wird auch eine Dolmetscherin, um selber zu überleben, und sie ist - und das ist natürlich freie Erfindung - die Schöpferin dieser kleinen Kunstfigur, die es eben real gibt und die 2008 in der Schwäbischen Alb entdeckt wurde.
Wertheimer: Das war - wenn ich das dazwischenschieben darf - schon die größere Leistung von Nick Conard, das als seriöser Alt- oder Frühgeschichtler schlucken musste, aber er hat es geschluckt, dass ja aus den Händen einer Neandertalerin dieses Figürchen stammt.
Timm: Das ist dann sozusagen Ihr Beitrag von den Neuigkeiten aus der Steinzeit. Nun ist ja dieses Figürchen ein Kunstgegenstand, vielleicht auch ein religiöser Gegenstand, das weiß man nicht genau, jedenfalls ist es Kunst. Kultur gibt es ja schon früher, man kann ja sagen, Kultur ist auch, dass Menschen jagen und ein Feuer machen. Für Kunst braucht man ja auch ein bisschen mehr Muße - wenn ein Mammut hinter mir her ist, dann werde ich keine Kunst produzieren. Weiß man, dass die Kultur in dieser Zeit so weit war, dass die Menschen zum ersten Mal vielleicht die Gelegenheit hatten, übers nackte Überleben hinaus in ihren Höhlen über sich nachzudenken, über sich zu spinnen, Religion zu erfinden - was weiß man da?
Wertheimer: Das weiß man, sonst gäbe es diese Dinge nicht. Meine These oder unsere These wäre doch, sich mal vorzustellen, wann macht man so was. Sicherlich nicht - da würde ich Ihnen widersprechen -, wenn man zu viel Zeit hatte oder in Muße lebt, das ist unser moderner Begriff, diese Psychologie gilt, glaube ich, damals nicht. Man macht es in einer existenziellen Situation, nur in einer anderen existenziellen Situation. Und stellen Sie sich vor: Eine muss sich jetzt selbst finden, neu erfinden. Sie ist von ihren alten Wurzeln abgeschnitten …
Timm: Das Neandertalermädchen?
Wertheimer: … das Neandertalermädchen, die Khar, und muss sich in dieser neuen Umwelt, die ihr fremd ist, sprachlich fremd, emotional fremd, von den Ritualen fremd, neu orientieren. Das kann man nicht allein, da braucht man einen Partner, ein Wesen, das dir hilft. Und das wird diese kleine Figur, die sie aus einem Stück Elfenbein mit sich herumschleppt und schließlich eine Figur daraus entwickelt, die ihr Alter Ego, ihr Dummy ist, mit dem sie sich in der existenziell wichtigen Phase auseinandersetzt.
Dann, wenn sie sich gefunden hat, ist die Figur nicht mehr so wichtig, deshalb wird sie auch verscharrt. Also wir müssen uns, glaube ich, frei machen von einem Kunstbegriff: Ach, hier macht jemand in seinen Mußestunden mit ästhetischen Gedanken im Hirn eine Figur, die er dann bestaunt und anderen zeigt. Kunst, wirkliche Kunst hat immer mit Überleben zu tun und sichert sich dann den Raum, in dem sie stattfindet. Ich würde auch nicht so streng unterscheiden zwischen Kunst und Kultur, das fließt ineinander. Aber Sie haben Recht, die Gestaltung solcher Wesen ist natürlich eine andere Ebene von kultureller Entwicklung.
Timm: Jürgen Wertheimer, Sie haben zu Anfang unseres Gesprächs gesagt, Sie seien Ihrer Geschichte bis in die realen Höhlen, die sich auf der Schwäbischen Alb befinden, diese Steinzeithöhlen, nachgestiegen. Wie muss ich mir das vorstellen, sind Sie durchgekrabbelt?
Wertheimer: Na ja, wir waren natürlich gemeinsam im Gelände und an den Fundstellen, und mich hat natürlich fasziniert, am Tatort einer Geschichte zu sein. Sie haben ja recht, vieles an der Geschichte ist erfunden, aber immer im Rahmen des absolut Möglichen. Jede Situation wurde sozusagen noch mal gegengecheckt von mehreren Archäologen, und wenn sie kein Gegenargument liefern konnten - und vieles hat sich mittlerweile bestätigt, also zum Beispiel meine These der Vermischung von Neandertaler und modernem Menschen ist ja mittlerweile durch die Forschungen aus Leipzig tatsächlich bestätigt worden und anderes mehr. Also dieser permanente Dialog miteinander, der vor Ort stattfindet, ist natürlich die Grundlage, um so was dann doch ein bisschen handfester werden zu lassen als nur aus dem, ja, Philologenkopf entsprungene Hirngeburten.
Timm: Herr Wertheimer, Hand aufs Herz: Wenn Sie mittels Zeitmaschine einmal 40.000 Jahre zurückgebeamt werden könnten, hätten Sie Lust oder hätten Sie Angst?
Wertheimer: Ah, nur Lust, weil ich würde ja auf Khar stoßen. Sie dürfen nicht glauben, dass ich das nur erfunden habe. Es wird sich über kurz oder lang so wie bei Schliemann herausstellen, dass alles, was ich jetzt mir da ersonnen oder ersponnen, wie Sie sagen mögen, dass das alles genauso war. Und am Ende werden wir das Köpfchen von der Figur auch noch finden, ungefähr sieben Meter weiter im Schutt, wo jetzt noch keiner sucht.
Timm: Das ist die Verteidigung Ihrer Geschichte - ich denke natürlich auch an das Mammut, auf das Sie eventuell unbewaffnet treffen.
Wertheimer: Das Mammut, auf das würde ich nicht unbewaffnet treffen, das machen die Jäger. Ich hätte mich schon damals in die Nische der eher so Sinnierenden - wie der Yugus, eine andere Figur, der Flötenspieler - zurückgezogen.
Timm: Jürgen Wertheimer, der Schriftsteller, hat sich in die Welt vor 40.000 Jahren sehr tief eingefühlt. Zusammen mit dem Frühgeschichtler Nicholas Conard ist ein Buch entstanden, eine archäoliterarische Fiktion der Steinzeit, heißt "Die Venus aus dem Eis" und lohnt sich nicht nur für spinnerte Hirne. Herr Wertheimer, ich danke Ihnen!
Wertheimer: Tschüss und danke!
Verlagsinfo zu "Die Venus aus dem Eis"

