Geburtsschmerz der Neandertalerin

Rezensiert von Christine Westerhaus · 09.08.2006
Im Jahr 1856 schaufelten Arbeiter in einer Höhle im Neandertal bei Düsseldorf die Knochen des Frühmenschen aus einer Lehmschicht frei. Zum 150. Jubiläum erklärt das Sachbuch der Germanistin und Kunstpädagogin Ruth Omphalius aus Sicht einer interessierten Laiin die Geschichte des Neandertalers und vor allem auch der Neandertalerin.
Pünktlich zum 150. Geburtstag des "berühmtesten Deutschen" im August ist nun auch im Rowohlt Verlag ein Buch über den Neandertaler erschienen. Hierin spannt die Autorin Ruth Omphalius einen weiten Bogen um die Geschichte des Neandertalers: Sie beschreibt die Umstände seiner Entdeckung, seines Aussterbens und entwirft ein Bild davon, wie unser entfernter Verwandter gelebt haben könnte. Ganz so, wie es andere Autoren schon vor ihr getan haben: In diesem Jahr sind bereits viele Werke über diesen Frühmenschen erschienen.

Trotzdem lohnt es sich, Ruth Omphalius Buch zu lesen, denn sie wirft an vielen Stellen einen erfrischend anderen Blick auf das Leben der Neandertaler. Sie ist selbst Germanistin und Kunstpädagogin und hat ihr Wissen über den Neandertaler als Journalistin für eine ZDF-Dokumentationsreihe recherchiert. Daher zeichnet sie die Geschichte dieses berühmten Frühmenschen aus der Sicht eines interessierten Laien nach und beantwortet auch solche Fragen, auf die Fachexperten vermutlich nicht so schnell gekommen wären.

Auffällig ist, dass hier eine Frau ein Buch über den Neandertaler geschrieben hat. Das bemerkt man vor allem an einem Kapitel, das in anderen Werken fehlt: Der Abschnitt über "Die Neandertalerin". Hier versucht die Autorin ein genaues Bild davon zu zeichnen, wie das Verhältnis zwischen Mann und Frau bei unseren entfernten Verwandten ausgesehen haben könnte.

Zudem beschreibt sie als eine der ersten Autoren die Schwierigkeiten, die Frauen damals bei der Geburt gehabt haben mussten. Die Größe des Kindskopfes, der bei den Neandertalern ein noch größeres Hirnvolumen beherbergen musste, als bei uns modernen Menschen und der gleichzeitig verkleinerte Geburtskanal als Folge des aufrechten Gangs, müssen für die Neandertalerin größte Strapazen bei der Geburt verursacht haben.

Dass die Autorin das Thema Geburt anspricht ist nicht unwichtig, da die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit von manchen Forschern als ein möglicher Grund dafür angegeben wird, warum die Neandertaler ausstarben.

Auch auf das Thema Rollenverteilung geht die Autorin ein: Während männliche Autoren überwiegend davon ausgehen, dass der Neandertaler zur Jagd ging, derweil die Neandertalerin Kinder bekam, Beeren sammelte und eher am heimischen Feuer blieb, entwirft Ruth Omphalius ein anderes Bild vom Zusammenleben. Auch Frauen und Kinder könnten sich an der Jagd beteiligt haben, indem sie die Herden zusammen trieben.

Genug Kraft zum aktiven Kampf hätten die Neandertalerinnen jedenfalls gehabt, wie die Skelettfunde beweisen. Was sich dagegen an den Knochenfunden nicht ablesen lässt, ist die klassische Rollenverteilung, die manch männlicher Autor und Forscher den Neandertalern zuschreiben möchte. Dabei gibt es keine Beweise, die belegen, wie Mann und Frau in der Frühzeit zusammengelebt haben.

Ruth Omphalius macht glücklicherweise nicht den gleichen Fehler, wie viele Forscher und Autoren vor ihr: Sie versucht nicht, dem Neandertaler irgendeine feste Rolle in unserem Weltbild zuzuschreiben. Sie versucht weder, ihn als edlen Wilden zu stilisieren, noch ihn als Keulen schwingenden Grobian darzustellen, der seine Angebetete mit bloßer Manneskraft zu überzeugen wusste.

Im Gegenteil versucht die Autorin, alte Vorurteile auszuräumen und immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Funde keinen Anlass zu der der Annahme geben, dass die Neandertaler uns kognitiv und kulturell unterlegen waren. Das ist erfrischend zu lesen, auch dann wenn klar ist: Ruth Omphalius ist nicht die erste, die diesem Punkt einen neuen Blick auf den Neandertaler entwirft.

Auch andere Autoren und die meisten Forscher gehen heutzutage davon aus, dass dieser Urzeit-Mensch uns in nichts nachstand. Insofern verwundert der auf dem Buchrücken abgedruckte Satz "Alles, was wir über den Neandertaler zu wissen meinen, ist falsch", denn mit neuen, spektakulären Forschungsergebnissen kann Ruth Omphalius nicht punkten.

Womit sie aber überrascht, ist der neue Blickwinkel den sie auf den Neandertaler wirft und unter anderem das folgende interessante Szenario entwirft: Sie beschreibt, wie uns wohl der Neandertaler heutzutage betrachten würde, wenn nicht er, sondern wir vor etwa 30.000 Jahren ausgestorben wären.

Beispielsweise würde er Kunstgegenstände, die heute dem modernen Menschen zugeordnet werden, seinen eigenen kreativen Händen zuschreiben. Und wahrscheinlich würde er annehmen, dass der moderne Mensch ausstarb, weil er ein kleineres Hirnvolumen hat und dem Neandertaler daher kognitiv unterlegen war.

Auch als Nicht-Paläontologin bleibt Ruth Omphalius meist bei den wissenschaftlichen Fakten und lässt zahlreiche Forscher in ihrem Buch zu Wort kommen. Ein kleiner Wermutstropfen aus wissenschaftlicher Sicht ist jedoch, dass manche dieser Experten nicht eingeführt werden.

Der Leser weiß daher manchmal nicht, warum gerade dieser Wissenschaftler in der Fachwelt so angesehen und wichtig ist. Außerdem beschreibt die Autorin an manchen Stellen etwas erschöpfend, wie und warum sie für die ZDF-Dokumentationsreihe über den Neandertaler recherchiert hat. Hier betreibt sie Werbung in eigener Sache, die sie eigentlich nicht nötig hätte, denn das Buch steht für sich und ist fundiert und anschaulich geschrieben.

Im Anhang findet der Leser eine ausführliche Literaturliste, ein Fundortverzeichnis und Zitatnachweise für jedes einzelne Kapitel. Sehr brauchbar ist auch das Glossar, in dem Fachbegriffe erklärt werden. Alles in allem bietet Ruth Omphalius mit ihrem Buch "Der Neandertaler – Neues von einem entfernten Verwandten" vor allem dem wissenschaftlichen Laien einen interessanten Überblick darüber, wie das Leben unseres entfernten Verwandten ausgesehen haben könnte. Tatsächlich kann Wissenschaft zum Anfassen nicht besser sein.

Ruth Omphalius: Der Neandertaler – Neues von einem entfernten Verwandten
Rowohlt Verlag
271 Seiten, 16,90 Euro