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Zeitfragen | Beitrag vom 25.06.2021

Übersetzerin Timea Tankó über "Apropos Casanova"Ein Buch wie ein Spiegelkabinett

Moderation: Maike Albath

Porträt der Übersetzerin Timea Tankó. (Konstantin Déry / Die Andere Bibliothek)
Timea Tankó weiß, was beim Übersetzen anspruchsvoller Werke hilft: "Dass man den großen Werkzeugkasten hat und dann nicht verzweifelt." (Konstantin Déry / Die Andere Bibliothek)

Für ihre Übersetzung von Miklós Szentkuthys "Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" aus dem Ungarischen bekam Timea Tankó den Preis der Leipziger Buchmesse. Vor allem das unheimlich Wuchernde dieses Textes habe sie fasziniert, sagt sie.

"Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" wirkt wie ein Spiegelkabinett: Der Roman des ungarischen Schriftstellers Miklós Szentkuthy aus dem Jahr 1939 wirft einem immer wieder neue Ansichten zurück, je nachdem, an welchem Punkt des Raumes man in die vielen Spiegel hineinschaut.

Auch die Übersetzerin Timea Tankó schaut durch einen Spiegel bis zurück ins 18. Jahrhundert. Der Autor wiederum spiegelt sich im Leben des Verführers Giacomo Casanova und verknüpft es mit der Vita des heiligen Alfonso.

Casanova selbst entwarf in seinen Memoiren ein geschöntes Spiegelbild, mit dem Szentkuthy immer wieder spielt. Ein ästhetisches Unterfangen, das geradezu trunken macht und das Timea Tankó auf herausragende Weise in ein ebenso sinnliches wie ironisches und prachtvolles Deutsch übertragen hat.

Dieses unheimlich Wuchernde

Wer war dieser Schriftsteller überhaupt? "Er wurde 1908 geboren, fing schon relativ zeitig mit dem Schreiben an und gewann bereits mit 16 oder 17 einen Landeswettbewerb", erzählt Tankó. Daraufhin wurde der Redakteur einer literarischen Zeitschrift auf ihn aufmerksam und riet ihm, ein Pseudonym anzunehmen.

"Szentkuthy heißt so viel wie tiefer, heiliger Brunnen. Und das ist ein bisschen Selbstironie, auch gleichzeitig Pathos und schon ein literarisches Programm." Hierzulande kannte man diesen Autor bislang so gut wie nicht. Durch einen Auszug in der Zeitschrift "Sinn und Form" vor einigen Jahren, den Tankó übersetzt hatte, sei der Verlag "Die andere Bibliothek" auf ihn aufmerksam geworden.

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Mit Ende 20 hatte Timea Tankó zum ersten Mal etwas von Szentkuthy gelesen. Ein bisschen überwältigt sei sie gewesen, sagt sie: "Es war dieses unheimlich Wuchernde, das mehr oder weniger in all seinen Texten vorkommt. Das hat etwas Faszinierendes. Ich hatte auch das Gefühl, dass manches sich mir nicht sofort erschließt."

Verwirrung als Programm

Verwirrend ist auch dieses Buch. Wer beispielsweise ist der heilige Alfonso? Den, sagt Tankó, habe Szentkuthy nicht erfunden: "Das muss ich dazu sagen, weil er sehr viele Personen erfindet, was ja für einen Schriftsteller an sich nicht ungewöhnlich wäre. Aber er tut eben immer so, als wären Personen, die tatsächlich gelebt haben, erfunden, oder er legt Personen, die es gab, irgendwelche Sachen in den Mund. Dieser Alfonso ist eine Art Parallelfigur zu Casanova. Er spielt damit, sagt an einer Stelle, dass der Gedanke des einen im Kopf des anderen aufgetaucht sei. Und dadurch verbindet er die beiden."

Was er damit erreichen möchte? Das Bild von Casanova als dem großen Verführer dekonstruieren, vermutet die Übersetzerin: "Er will zeigen, wie viele Möglichkeiten es da tatsächlich auch gab oder gegeben haben mochte und wie er es dann wieder aktualisiert für seine Zeit. Und das hat ja auch etwas, was bis zu uns hinüberragt."

Der Roman ist Teil einer zehnbändigen Reihe mit dem Untertitel "Das Brevier des heiligen Orpheus", wobei Orpheus kein Heiliger, sondern eine Figur aus der griechischen Mythologie ist, der seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt und damit vom Tod ins Leben zurückholen will. Ein Sinnbild für den Versuch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, findet Tankó, gleichzeitig aber auch ein Symbol für die Unmöglichkeit dieses Unterfangens.

Die Faszination des Casanova

An Casanova habe sie fasziniert, dass er eine Figur sei, die eigentlich immer alle Grenzen übertrete: "Der gleichzeitig der Abenteurer ist, dann aber überlegt, dass es eigentlich nicht schlecht wäre, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und davon träumt, irgendwann Papst zu werden", sagt Tankó. "Aber wie wir wissen, ist seine Laufbahn dann eine ganz andere geworden."

Eine Geschichte gibt es in "Apropos Casanova" in dem Sinne nicht. Man habe dem Autor zum Vorwurf gemacht, dass er kein großer Meister der Struktur war. Aber in einer Einleitung zu den zehn Bänden schreibt Szentkuthy, dass der Mensch immer wieder versuche, Natur und Geschichte in einer radikalen Präzision zu erfassen und gleichzeitig aber nicht nur unfähig dazu sei, sondern auch in eine große Unsicherheit gerate. Und dass Gedanken und Emotionen von einer starken Unbeständigkeit geprägt seien.

"Ich glaube", so Tankó weiter, "in der Art, wie er diese Bücher geschrieben hat, wollte er das wiedergeben. Das heißt, wenn man wirklich über die Welt sprechen möchte, dann geht das nur in dieser zerfasernden Art, weil die Welt so ist."

Die Schwierigkeit des Übersetzens

Einen solchen Text zu übersetzen, sei durchaus nicht einfach gewesen, erzählt Tankó. Der Text habe dieses Wuchernde, Barocke und gehe in viele verschiedene Richtungen.

"Dann kommt aber immer der Punkt, wo das wieder zusammengefasst wird. Das war mir, glaube ich, während des Übersetzungsprozesses nicht so bewusst. Im Nachhinein denke ich, dass Szentkuthy möglicherweise selbst ein bisschen erschlagen war von seinem eigenen Gedankenstrom. Und dann hat sich diese Struktur ergeben, dass er sich dem so hingegeben hat und sich dann plötzlich gesagt hat: 'Wir müssen das jetzt so zusammenfassen'. Und durch das, was sich eigentlich aus seiner seelischen Konstitution ergibt, hat sich etwas entwickelt, was die Kraft dieser Texte auch ausmacht. Und das habe ich versucht, im Deutschen nachzubilden."

Schlangenzüngige Sterne

Komposita, also zusammengesetzte Wörter, benutze man im Ungarischen kaum, bei der Übersetzung hätten sie ihr geholfen, diese Verdichtung herzustellen, sagt Tankó. Wunderbare Wortneuschöpfungen wie schlangenzüngige Sterne oder Lakensahara, um etwa das Bett von Casanova zu beschreiben, seien dabei herausgekommen. Ihrem Einfallsreichtum waren keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil:

"Das ist auch das Schöne daran, dass man, wenn man dieses Prinzip einmal verstanden hat, damit ganz gut spielen kann. Und ich glaube, das hätte er auch erwartet, dass man sich das so zu eigen macht und dann die deutsche Struktur dafür findet."

Eine weitere Schwierigkeit: Die ungarische Sprache sei ganz anders aufgebaut. "Im Ungarischen kommen die Informationen nicht wie im Deutschen am Satzende, sie kommen eigentlich vor dem Verb. Man muss also einiges umbauen."

Barocke Textstruktur

Inhaltlich erschafft Szentkuthy ein ganzes Universum: das 18. Jahrhundert in Italien. Es geht um Tintoretto, um Bildende Kunst, Musik, aber auch um englische Schriftsteller und um alle möglichen Beispiele für die Gelehrsamkeit des Autors. Für die Übersetzerin bedeutete das auch, viel zu recherchieren und natürlich Casanovas Tagebücher zu lesen, da sich Szentkuthy darauf beziehe, hauptsächlich auf Band eins und zwei.

"Das Interessante war aber", erzählt Tankó, "dass man sich einerseits mit diesem konkreten Stoff beschäftigt. Aber dann kommt man irgendwie im Laufe der Arbeit auf ganz andere Sachen. Was mir zum Beispiel viel geholfen hat, waren die Filme von Eugène Green*, einem US-amerikanischen Schriftsteller und Filmproduzenten. Er arbeitet auch viel mit Anachronismen. Und wenn man so etwas im Kopf hat, hilft das, die Struktur, auch die Sprache oder vor allem den Umgang mit seinem Text zu finden. Und dann habe ich auch viel Musik gehört, jetzt nicht Mozart, der oft vorkommt, sondern Monteverdi. Es gibt ein unheimlich schönes Lied: 'Lamento della Nimfa'. Das habe ich immer wieder gehört. Und es hat eine Grundstimmung hineingebracht, obwohl das ein barockes Lied ist. Wir haben es hier nicht mit der Barockzeit zu tun. Aber die Textstruktur ist Barock. Das heißt, wir haben eigentlich nicht nur das 18. Jahrhundert, sondern auch das 17. Jahrhundert fließt mit hinein."

Und dann sei es einfach gut, Erfahrung zu haben, sagt Tankó: "Dass man den großen Werkzeugkasten hat und dann nicht verzweifelt."

(DW)

*Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Namen des Autors korrigiert.

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