Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 28.05.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Literatur | Beitrag vom 17.05.2020

Über Schriftsteller, die gehenGrenzenlose Neugier auf die Welt

Von Gaby Hartel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Illustration: Eine Frau mit einem Buch unter dem Arm rennt eine Buchtreppe hinauf.  (imago/Ikon Images/Alice Mollon)
Gehen und Schreiben, das gehört zusammen (imago/Ikon Images/Alice Mollon)

Gehen und Schreiben, das gehört zusammen - so lässt sich bei zahlreichen Schriftstellern nachlesen: Das Zufußgehen ist für sie Sinnesschärfung, Denkanstoß, Welterkundung - Mittel zur Selbstwerdung und Selbstauflösung. Ein literarischer Spaziergang.

Weite Reisen sind dieses Jahr wohl nicht möglich: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise haben unsere Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Was aber möglich bleibt, sind Spaziergänge.

Und so haben seit Beginn der Corona-Beschränkungen womöglich viele Menschen den Wert des bloßen Gehens neu für sich entdeckt: Nicht nur als Ausweg aus der heimischen Enge, sondern auch als Aufmerksamkeitstraining, Schmiermittel des Denkens und vielleicht sogar als Weg zur Selbstfindung – oder Fremdwerdung.

Gehen heißt "Ausradieren"

In dieser Weise jedenfalls haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer wieder die wohltuenden Wirkungen des Wandelns und Wanderns beschrieben. Das Gehen zu Fuß ist für sie mehr, als ein Mittel um von A nach B zu kommen – sondern eine Schärfung der Sinne, Belüftung des Geistes und Bedingung des Denkens. "Für mich heißt Gehen zuallererst: 'Ausradieren'. Man legt die Dinge beiseite, die man nicht will und lässt die flüssigen Materie ein", erzählt etwa der Londoner Schriftsteller und leidenschaftliche Geher Ian Sinclair.

Gaby Hartel ist - lange vor Corona – den literarischen Spuren von Sinclair, Samuel Beckett, Peter Handke, Virginia Woolf und vielen anderen spazierenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefolgt. Dabei zeigt sich: Der Grund, warum sie sich auf den Weg machen, ist so vielseitig wie ihre Persönlichkeiten selbst.

Unangepasstheit und Freiheitsliebe

Aber immer sind bei diesen Autorinnen und Autoren eine physische Lust und Dringlichkeit im Spiel, die geradezu an Sucht grenzen. Der motorische Akt des Gehens fällt zusammen mit dem des Schreibens, aber auch mit der Unangepasstheit, der Freiheitsliebe und einer grenzenlosen Neugier auf die Welt.

Hier finden Sie das komplette Sendungsmanuskript als PDF-Dokument.

Mehr zum Thema:

Philosophieren beim Gehen - Spaziergang im Hamburger Haynspark
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 03.05.2020)

Sein und Streit – die ganze Sendung - Geht denken besser im Gehen?
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 20.05.2018)

Philosophie des Reisens (1/4) - Wandern - Weg zu Selbsterkenntnis?
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 14.07.2019)

Literatur

Ansteckung Seuchen in der Literatur
Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert. (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)

Seuchen überfordern den Verstand. Je tödlicher die Epidemie verläuft, desto verzweifelter der Versuch, ihr die Stirn zu bieten. Dann wird die plötzliche Erkrankung vieler zur Prüfung, zum Strafgericht oder Selbstverrat - oder zur Erfindung, die zu leugnen ist.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur