Elon Musk und Twitter

Was zählt das Geschwätz von gestern?

06:29 Minuten
Elon Musk im Profil. Er blickt nach links.
Schon nach wenigen Tagen ist von Elon Musks Ankündigungen nicht mehr viel übrig. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Patrick Pleul
Von Hagen Terschüren · 29.10.2022
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Twitter hat den Besitzer gewechselt und die Plattform ist in Aufruhr. Viele befürchten noch mehr Hass und Hetze. Doch bei genauem Hinsehen wird klar: Die angekündigte "Meinungsfreiheitsplattform" wird Twitter nicht werden. Das weiß auch Elon Musk.
Elon Musks erste Amtshandlung als neuer Besitzer war, die komplette Führungsriege des Unternehmens zu entlassen. Das ist jedoch in den USA kein unübliches Verhalten nach Übernahmen. Bedenklich ist allerdings, dass auch Head of Policy Trust and Safety, Vijaya Gadde, die Firma verlassen musste.
Vijaya Gadde war maßgeblich dafür verantwortlich, wie die Plattform-Regeln gestaltet wurden, und das nicht nur für Twitter, sondern ihre Moderationsrichtlinien wurden häufig auch von Facebook, Instagram und anderen Sozialen Netzwerken übernommen. Sie war außerdem eine treibende Kraft hinter dem Ausschluss von Donald Trump nach dem Sturm auf das Kapitol.

Elon Musk ist ein Troll

Was genau diese Änderungen für die Zukunft von Twitter bedeuten, lässt sich allerdings nicht so einfach vorhersagen. Denn Elon Musk ist nicht dafür bekannt, sich an seine eigenen Ankündigungen zu halten. Experten wie der Social-Media-Analyst Luca Hammer bezeichnen den Milliardär sogar als Troll:

“Wie Elon Musk auf Twitter kommuniziert, ist einfach darauf ausgelegt, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, also Aussagen zu treffen, über die sich Leute dann beschweren.”

Provokation ist Musk also wichtiger als Verlässlichkeit. Er hat zum Beispiel kurz vor der Übernahme noch verkündet, dass er 75 Prozent von Twitters 7.500 Angestellten feuern will. Mittlerweile ist er davon aber wieder abgerückt. Zuverlässige Vorhersagen sind deshalb schwer zu treffen.
Das gilt auch für Musks Pläne, die er seit April immer wieder bestätigt hat. Er wolle Twitter zu einer "Free Speech"-Plattform machen und sehr viel weniger Posts moderieren. Das würde dann dazu führen, dass sehr viel mehr Inhalte von rechts, aber auch Verschwörungsideologien zu sehen wären, wie andere selbst ernannte "Free Speech"-Angebote wie Parler, Truth Social und Gettr beweisen.

Plattform-Wechsel ist nicht einfach

Die große Sorge, dass das auch Twitters Schicksal wird, ist überall zu spüren. Viele Nutzerinnen und Nutzer posten aktuell Links zu ihren Accounts bei der offenen Alternativ-Plattform Mastodon und auch "Der Spiegel" und "Die Zeit" haben Anleitungen auf ihren Webseiten platziert, wie man dort ein Konto eröffnet.
Wer allerdings schon einmal versucht hat, alle seine Freunde und Familie auf eine gemeinsame Messenger-App wie Signal umzuziehen, kann sich vorstellen, dass eine gesamte Community sich nicht einfach so transplantieren lässt. Twitter-Userin Novemberbeetle hat das Problem sehr gut zusammengefasst:

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Unmoderiertes Twitter kann Musk sich nicht leisten

Was bei der aktuellen Kritik, die in Deutschland geübt wird, zu kurz kommt, ist die wirtschaftliche Perspektive. Denn Elon Musk hat Twitter nicht nur mit eigenem Vermögen, sondern auch mit Unterstützung durch Banken und Investoren gekauft.
Das heißt, selbst unter einem der reichsten Menschen der Welt ist die Plattform gezwungen, Profite zu generieren, und das Produkt bei Twitter ist nicht die Technologie, sondern das Klima auf der Plattform.
Nilay Patel, Chefredakteur der Tech-Seite "The Verge", hat das in dem Artikel “Welcome to Hell, Elon” treffend zusammengefasst: "Die Wahrheit ist, dass das Produkt eines Sozialen Netzwerks die Moderation von Inhalten ist. Und alle hassen die Person, die entscheidet, welche Inhalte moderiert werden sollen. Aber Moderation ist, was Twitter macht. Das ist, was die User Experience definiert."

Das Produkt ist die Erfahrung, nicht die Technologie

Die Nutzererfahrung kann aber sehr schnell gestört werden. Analyst Luca Hammer bezeichnet die Dynamik als "Power Law". Es gibt im Verhältnis zur Gesamtmenge einige wenige große Nutzerinnen und Nutzer, denen viele andere folgen und derentwegen sie auf Twitter sind.
Sollten diese großen User die Plattform verlassen, wird auch der Rest folgen. Oder wie Hammer es beschreibt: "Warum sind so viele Politikerinnen auf der Plattform? Weil so viele Journalistinnen auf der Plattform sind? Warum sind die Journalistinnen dort? Weil die Politikerinnen und andere interessante Personen dort sind."
Das Problem hat auch Elon Musk selbst erkannt. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Twitter-Chef war eine Botschaft an Werbekunden: nämlich, dass Inhalte natürlich auch in Zukunft weiter moderiert würden und er eine angenehme Atmosphäre auf der Plattform erhalten wolle.

Musk rudert bereits zurück

Daran führt eigentlich auch kein Weg vorbei. Denn kein Werbekunde möchte neben Misogynie, Antisemitismus oder Rassismus auftauchen.
Mittlerweile ist Musk sogar noch einen Schritt weitergegangen. Im April hat er noch angekündigt, Donald Trump wieder auf die Plattform holen zu wollen. Jetzt aber ist die Ansage: Wir brauchen einen Beirat, der Moderationsentscheidungen trifft und auch bestimmt, wer rausgeschmissen wird und wer nicht.
Denn die "Free-Speech"-Plattform, die Musk anfangs versprochen hat und die viele sich ausmalen, ist wirtschaftlich einfach nicht tragfähig – und das weiß er auch. Das beweisen alle Aussagen, die er seit der Übernahme getroffen hat.

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