Meinung

„Generation Erdoğan“: Ein Leben in der Sackgasse

Eine Menschenmenge bei einem Protest. Ein Polizist drückt den Kopf eines Mannes nach unten.
Hunderte Studenten protestierten im Mai 2026 gegen die Schließung der Istanbuler Bilgi-Universität. © picture alliance / ZUMAPRESS.com / Abdullah Tepeli
Ein Kommentar von Çiğdem Akyol |
Kein Job in Aussicht, keine Solidarität aus dem Ausland, kaum eine Chance, die Türkei zu verlassen: Die türkische Generation Z kennt das Land nur unter Machthaber Erdoğan und muss miterleben, wie es sich zu einem Ein-Mann-Staat entwickelt.
Tausende Polizisten umstellen in Ankara die Zentrale der größten Oppositionspartei der Türkei. Sie brechen Tore auf, stürmen das Gebäude der CHP und zerren Politiker hinaus. Zugleich soll in Istanbul die renommierte Bilgi-Universität per Dekret von Präsident Recep Tayyip Erdoğan geschlossen werden. Dagegen protestieren Hunderte Studierende auf dem Campus, viele werden mit Polizeigewalt aus den Gebäuden getragen.
Es sind Szenen vom Mai dieses Jahres, die sinnbildlich für den Zustand der türkischen Demokratie stehen – und bei denen eine 25-jährige Studentin aus Istanbul, mit der ich telefoniere, kaum noch Worte findet. „Es wird doch ohnehin nur alles schlimmer“, sagt sie. Kein Job in Aussicht, keine Solidarität aus dem Ausland, kaum Möglichkeiten, die Türkei zu verlassen, so ihr Tenor.

Die Türkei wird zum Ein-Mann-Staat

Die junge Frau gehört zur Gen Z – jener Generation, die die Türkei nur unter Erdoğan kennt und miterlebt, wie sich ihre Heimat zu einem Ein-Mann-Staat entwickelt. Zwar konnte die Schließung der Bilgi-Universität verhindert werden – der Druck auf die CHP jedoch wächst weiter.
Und die linksnationalistische CHP ist nicht irgendeine Partei. Gegründet 1923 von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, gehört sie zur politischen DNA des Landes und steht wie keine andere für den in der Verfassung verbrieften Säkularismus.
Die aktuellen Ereignisse mögen wie eine weitere Eskalation wirken. Tatsächlich reichen ihre Wurzeln jedoch zehn Jahre zurück. Dass der institutionelle Angriff auf diese DNA möglich ist, hat auch seinen Ursprung in jener Nacht, die sich in wenigen Tagen zum zehnten Mal jährt: dem Putschversuch vom 15. Juli 2016.
Damals arbeitete ich als Korrespondentin in Istanbul. Ich erlebte Kampfjets, die die Schallmauer durchbrachen, Panzer auf der Bosporus-Brücke und am Ende der Nacht gab es mehr als 250 Tote.

Ein Verdacht reichte für Gefängnis

In den Monaten danach erfasste eine Säuberungswelle das Land. Mehr als 130.000 Staatsbedienstete verloren ihre Arbeit, oft genügte bereits der bloße Verdacht, um im Gefängnis zu landen.
Schon damals wurde auf Partys unter jungen Leuten darüber gesprochen, wie man die Türkei am ehesten verlassen könnte. Denn Präsident Erdoğan baute nach dem Putschversuch den Staatsapparat auf seine Person zu und formte sich eine Opposition, die beherrschbar blieb. Traf es zunächst die prokurdische HDP, ist nun die CHP an der Reihe. Ihr „Vergehen“: Sie fügte Erdoğans AKP bei den Kommunalwahlen 2024 eine historische Niederlage zu.
Aus diesem Grund wurde im März vergangenen Jahres Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu festgenommen. Es folgten landesweite Proteste, getragen von der Gen Z. Für viele der Demonstrierenden fällt ihre gesamte Lebensspanne mit Erdoğans inzwischen mehr als zwanzigjähriger Herrschaft zusammen. Natürlich wurde die Revolte niedergeschlagen.

Inflation, Arbeitslosigkeit und Repressionen

Aber als die gelenkte Justiz im Mai die Wahl des neuen CHP-Chefs Özgür Özel für ungültig erklärte, blieb der Protest weitestgehend aus. Die Gen Z hat erlebt, wie ihre Eltern während der Gezi-Proteste 2013 von Wasserwerfern verjagt wurden.
Viele richten ihren Blick ins Ausland. Sie besuchen Sprachkurse – die Deutschkurse am Goethe-Institut etwa sind sehr gefragt –, an den Universitäten wird über Jobs außerhalb der Türkei gesprochen. Hohe Inflation, eine im OECD-Vergleich besonders hohe Jugendarbeitslosigkeit und ein politisches Klima, in dem Kinder wegen regierungskritischer Witze strafrechtliche Konsequenzen fürchten müssen, treiben die jungen Menschen fort.
Erdoğans Ziel ist der Machterhalt, denn er darf ohne eine Verfassungsänderung nicht erneut kandidieren. Dafür braucht er eine schwache Opposition. Um dies zu erreichen, inszeniert er zehn Jahre nach der blutigen Revolte gegen sich einen eigenen Putsch.

Çiğdem Akyol studiert Osteuropäische Geschichte und Völkerrecht in Köln und Russland. Sie ist Reporterin bei der in Zürich erscheinenden „WOZ“ und Autorin mehrerer Bücher, die ausgezeichnet wurden.

Die Journalistin Çiğdem Akyol in der Sendung "Markus Lanz".
© picture alliance / teutopress
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