Buch über Trauer

"Liebe geht nicht einfach weg, nur weil ein geliebter Mensch stirbt"

12:43 Minuten
Illustration von einem Pfeil, der durch ein Herz schießt. Blut tropft von der Spitze.
Susann Brückner und Caroline Kraft betonen: Jede Art der Trauer ist normal. Niemand muss sich schämen. © imago images/fStop Images
Susann Brückner und Caroline Kraft im Gespräch mit Joachim Scholl · 30.03.2022
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Nach dem Tod bleibt bei Hinterbliebenen oft Verzweiflung und auch Einsamkeit. Denn richtiges Trauern muss gelernt sein. Leider ist das Thema in unserer Gesellschaft aber ein Tabu. Caroline Kraft und Susann Brückner wollen das mit ihrem Buch ändern.
Die Geschichte der beiden Autorinnen beginnt mit einer Tragödie. Caroline Krafts Ex-Freund nimmt sich das Leben und in ihrer Trauer schafft sie es auch eine Zeit nicht, zur Arbeit zu kommen.
Daraufhin erhält sie eine Mail von ihrer Kollegin Susann Brückner, mit der sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu tun hatte. Brückner bietet ihr ein Gespräch an als Person, die "dich nicht betroffen anschaut." Denn Brückner kennt die Situation, in der Kraft sich befindet. Ihr eigener Vater nahm sich das Leben, als sie 19 Jahre alt war.

Mit Trauer befasst sich auch unser Hörspiel "Tod - was soll das?".
Tod - was soll das?
56:35 Minuten

Bei ihrem Treffen in einer Kneipe hätten die beiden dann gemerkt, dass es eigentlich ganz einfach gewesen sei, über die Verstorbenen zu sprechen, erzählt Kraft. Es sei möglich, dieselben Personen zu bleiben und dass man trotz der Situation gemeinsam lachen kann, ohne die gesamte Zeit betroffen oder weinend zusammenzusitzen.
Aus diesen Gesprächen entstand dann erst der Podcast "Endlich: Wir reden über den Tod" und nun das Buch "Endlich. Über Trauer reden." In diesem wechseln sich die beiden Autorinnen kapitelweise ab, um über Tod und Trauer zu sprechen, ohne dabei um den heißen Brei herumzureden. So heißt ein Kapitel beispielsweise "Aus Scheiße Liebe machen."
Gerade wenn es um Tod und Trauer geht, würden direkte Worte helfen, so Kraft. Und sie hätten nun einmal "viel Scheiße erlebt", aus der sie dann Liebe gemacht haben. Brückner ergänzt, dass Verletzlichkeit zu zeigen wahnsinnig starkmachen könne, den Blick auf die eigenen Bedürfnisse schärft und das Leben so ein bisschen schöner mache.

Erfahrung und Wissenschaft vereinen

Ziel des Buches sei, das Thema Trauer mehr in die Öffentlichkeit zu ziehen, so Caroline Kraft: "Trauer wird privat gemacht in unserer Gesellschaft. Darüber spricht man nicht so richtig. Dabei ist es etwas, was uns alle betrifft. Wir schreiben in unserem Buch: Keine Liebe ohne Trauer. Und genau so ist es. Wir alle werden ausnahmslos in unserem Leben trauern. Da würde es doch irgendwie Sinn machen, so ein bisschen Rüstzeug zu haben."
Neben den persönlichen Aspekten beschäftigt sich "Endlich. Über Trauer reden" auch mit der wissenschaftlichen Perspektive auf das Thema. So lernt man, dass die traditionellen "Fünf Phasen der Trauer" ein veraltetes Konzept seien, das auf Elisabeth Kübler-Ross zurückgehe.(*)
Stattdessen werden Weiterentwicklungen aus der Trauerforschung vorgestellt, wie das "Kaleidoskop der Trauer", das die Zustände nicht als Nacheinander beschreibt, sondern als verschiedene Aspekte, die mal mehr, mal weniger nach vorne treten, oder sogar gleichzeitig erscheinen können.

Niemand muss loslassen, der es nicht will

Aufgeräumt wird auch mit dem Mythos des Loslassens. Das könne man zwar machen, wenn es helfe, doch die Erfahrung von Caroline Kraft ist: "Die Liebe geht ja nicht einfach weg, nur weil ein geliebter Mensch stirbt."
Stattdessen müsse man neue Ausdrucksformen finden. Auf der Suche danach haben ihr verschiedene Forschungsansätze geholfen. Einer davon besagt, dass es hilfreich für das Weiterleben ist, wenn man der verstorbenen Person einen neuen Platz, eine neue Rolle im Leben gibt, um so mit ihr in Verbindung bleiben zu können. Oder wie der Bestatter Jan Möllers gesagt hat:
"Du bleibst wichtig, auch wenn du tot bist."

Susann Brückner und Carolin Kraft: "Endlich. Über Trauer reden"
Goldmann, München
240 Seiten, 17 Euro

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben die geschichtliche Einordnung der „Fünf Phasen der Trauer“ korrigiert.
(hte)
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