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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 15.09.2020

Toxische MännlichkeitMänner, die Frauen hassen

Überlegungen von Florian Goldberg

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Vor rosa Hintergrund ist ein etwas verschrumpelter gerade gewachsener Kaktus zu sehen. (Unsplash / Charles Deluvio)
Toxische Männlichkeit schadet nicht nur Frauen – man(n) selbst wird durch Antifeminismus auch nicht gerade glücklicher, stellt Florian Goldberg fest. (Unsplash / Charles Deluvio)

Die Attentäter von Halle und Hanau waren rechtsradikal und erklärte Antifeministen. Der Philosoph Florian Goldberg hat sich mit einem Milieu beschäftigt, das darin aufgeht, sich selbst zu bemitleiden, und Frauen als Feinde zu betrachten.

Vor Kurzem, es ging um Frauenrechte, beschimpfte mich ein aufgebrachter Mann als "Lila Pudel". Da das Gespräch fortzusetzen offensichtlich sinnlos war, ich aber nicht so recht wusste, was der Ausdruck meint, sah ich später nach. Dabei lernte ich, dass es unterschiedliche, online vernetzte Gruppierungen frustrierter Männer gibt, die im Erstarken der Frau den Grund für ihr Unglück sehen. Zunächst die eher normal deprimierten Männerrechtler. Als deren Steigerungsform dann sogenannte Maskulinisten, welche sich Frauen gegenüber in einem krass pöbelhaften Verhalten gefallen.

Weiter eine Bewegung namens MGTOW, kurz für "men going their own way", das sind solche, die am liebsten allein in der Wildnis leben würden. Und schließlich Incels, eine Abkürzung für "involuntary Celibats", "unfreiwillig Keusche", was zunächst wie eine besonders bemitleidenswerte Variante ewig Zurückgewiesener klingt, bis man feststellt, dass so mancher dieser Tröpfe im digitalen Dickicht ausführlich vom Femizid träumt.

Antifeministen sind oft rechtsradikale Männer

Allesamt weisen sie Schnittpunkte zur rechtsterroristischen Szene auf. Die Attentäter von Christchurch, Halle und Hanau waren erklärte Antifeministen, was am Ende nicht weiter überrascht. Wenn es jedoch etwas gibt, was sie noch mehr hassen als emanzipierte Frauen, dann Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, vulgo: "Lila Pudel". Also jemanden wie mich.

Nun befinden wir uns aber in verwirrenden Zeiten, in denen viel und unklar durcheinandergehasst wird. Daher sei mir erlaubt, den Begriff etwas genauer zu konturieren. Es stimmt, dem "Lila Pudel" gilt die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann als Selbstverständlichkeit.

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Er liebt die Augenhöhe. Eine Frau, die unter ihm stünde, empfände er als würdelos – für sie ebenso wie für sich selbst. Er schätzt starke, unabhängige Frauen, an und mit denen er wachsen kann. Er weiß: Ein Mann, der nicht von Frauen zu lernen bereit ist, lernt nichts. Zumindest nichts Wesentliches. Dass dies wechselseitig gilt, versteht sich.

Ein "Lila Pudel" fühlt sich der Aufklärung verpflichtet

Ferner geht er davon aus, dass alles, was für ihn als Menschen – Pardon: Pudel! – existiert, auf Entscheidungen beruht. Was als Wirklichkeit erscheint, hat das Bewusstsein zunächst gedanklich vorbereitet. Daher bleibt ein "Lila Pudel" dem Gedanken der Aufklärung verpflichtet. Nicht weil er "wahr" wäre, sondern weil sich für ihn zu entscheiden freundlichere Ergebnisse zeitigt als etwa das Beharren auf Prädestination oder Biologie.

Daraus wiederum folgt, dass es bei der Gleichberechtigung bloß von Mann und Frau nicht bleibt. Hat ein "Lila Pudel" erst einmal Witterung aufgenommen, stöbert er weiter, um in und um sich möglichst alle Formen der Diskriminierung, Ausgrenzung und Unterdrückung zu entdecken und zu überwinden. Damit hat er dann ordentlich zu tun.

Hass ist billig zu haben

Glücklicherweise zeichnen sich Pudel generell durch eine hohe Lernfähigkeit aus, weshalb sie sich zum Beispiel gut als Blindenhunde eignen. Der "Lila Pudel" entwickelt – wie ich bestätigen kann – darüber hinaus eine gewisse Zähigkeit, da es eigene wie kollektive Irrtümer immer wieder neu aufzubrechen gilt.

Wehleidigkeit und Selbstmitleid sieht er als Zeichen mangelnden Erkenntniswillens. Wie übrigens auch den Hass. Alle drei sind zwar billig zu haben und daher populäre Stimmungslagen. Am Ende aber nicht mehr als gute Indikatoren dafür, dass man etwas Wichtiges in sich übersehen hat.

Womit wir wieder bei den Frauenverächtern wären. Sie können sich natürlich weiterhin ihrem Selbstmitleid und ihrem Hass ergeben. Glücklicher machen wird es sie nicht. Selbst wenn es ihnen gelänge, die ganze Welt in jenes Unglück zu stürzen, das sie ständig empfinden. Ich empfehle, stattdessen etwas Neues zu probieren und den Frauen in ihrer Umgebung aufmerksam zuzuhören.

Mag sein, dass sie sich dabei etwas lila einfärben. Aber vielleicht ist ja Lila nicht die Farbe des letzten, sondern des intelligenteren Versuchs.

Porträt von Florian Goldberg. (Anke Beims)Florian Goldberg. (Anke Beims)Florian Goldberg, geboren 1962, hat in Tübingen und Köln Philosophie, Germanistik und Anglistik studiert und lebt als freier Autor, Coach und philosophischer Berater für Menschen aus Wirtschaft, Politik und Medien in Berlin. Er hat Essays, Hörspiele und mehrere Bücher veröffentlicht.

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