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Lesart / Archiv | Beitrag vom 31.05.2016

Toon Tellegen: "Ein Garten für den Wal"Ein schwimmendes Arkadien

Von Eva Hepper

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Illustration von Annemarie van Haeringen aus dem Buch "Ein Garten für den Wal" von Toon Tellegen (Abbildung: Gerstenberg Verlag)
Illustration von Annemarie van Haeringen aus dem Buch "Ein Garten für den Wal" von Toon Tellegen (Abbildung: Gerstenberg Verlag)

Der Wal wünscht sich einen Garten, auf seinem Rücken, damit sich Gäste dort niederlassen können. Der Grashüpfer erfüllt ihm den Wunsch. Toon Tellegen erzählt in seinem Kinderbuch eine Tiergeschichte mit farbenfrohen Bildern - große Poesie in Text und Bild.

Diese Fracht ist fast zu viel für das kleine Segelboot. Zwischen Bug und Heck drängen sich Bäume mit dicken Erdballen, Sträucher und Blumen, eine Bank und ein Gartenhaus und diverse Gerätschaften. Doch damit nicht genug: in der Schubkarre, die als Beiboot dient, sind weitere Pflanzen und ein Spaten untergebracht. Gesteuert werden die prekär zur Schlagseite neigenden Gefährte von einem knallgrünen Grashüpfer.

Es ist eine seltsame Szenerie, die die Illustratorin Annemarie van Haeringen farbenprächtig aufs Papier gebannt hat; mit feinem Strich, zarten Konturen und wunderbaren Aquarell-Farbverläufen.

Tatsächlich gehört das Bild zu den schönsten Zeichnungen des neuen Kinderbuchs von Toon Tellegen. "Ein Garten für den Wal" heißt die Geschichte des vielfach preisgekrönten Autors. Sie handelt von einer großen Sehnsucht und der Suche nach Glück.

Nashorn und Nilpferd nerven manchmal

Ein Garten auf seinem Rücken! Ein fein angelegtes Grün mit Pflanzen, Wegen und Bänken, auf denen sich seine Gäste niederlassen können, während er seinen natürlichen Springbrunnen sprudeln lässt: das ist der innigste Wunsch des Wals.

Der Grashüpfer, Inhaber eines Geschäftes für alles und mit meisterhaftem gärtnerischen Talent gesegnet, ist da gerne behilflich und legt ein Arkadien auf dem großen Säuger an. Sogar einen Spiegel stellt er auf, damit der Wal seinen Garten auch selbst bewundern kann. Nun kann das Glück kommen.

Allerdings darf der Orca jetzt nicht mehr hochsteigen und sich dann lustvoll zurück in die Fluten stürzen und mit der Flosse auf die Wasseroberfläche knallen. Das würde das zarte Grün nicht vertragen. Und sich nachts auf den Rücken legen, um den Himmel und die Sterne zu betrachten, das geht auch nicht mehr.

Und die Gäste, wie etwa das Nashorn und das Nilpferd, sind nicht immer eine Freude. Die Rückenlehne der Gartenbank zertrümmern die groben Gesellen schon beim ersten Besuch, und das Walross zertritt – wenn auch unfreiwillig – die Gladiolen.

Parabel über Wünsche

Sicher, schön ist er schon, der Garten. Aber nie mehr aus den Wellen noch oben steigen? Braucht denn ein Wal einen Garten? So kreisen langsam die Gedanken, bis der Wal sich seiner selbst besinnt und – springt.

Toon Tellegen ist eine schöne Parabel über Wünsche und ihre vermeintlichen Versprechungen gelungen. Der Autor, Träger des Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur und des Goldenen und Silbernen Griffels, zeigt sich in glänzender Erzähllaune.

Gerade die kleinen Geschichten am Rande zeugen von Poesie. Das sich im Garten des Wals verirrende Walross muss man einfach ins Herz schließen; ebenso wie den hingebungsvoll gärtnernden Grashüpfer.

Der Zauber dieses Buches würde sich allerdings ohne die Illustrationen von Annemarie van Haeringen nicht entfalten. Ihre Fantasie steht der Tellegens nicht nach, und sie ist es, die den Figuren und dem Garten Leben einhaucht. Herrlich anzusehen sind ihre luftig leichten Aquarelle.

So einen Garten und Freunde wie den Grashüpfer hätte man gerne selber. Obwohl, wie war das doch gleich mit den Wünschen?

Toon Tellegen: Ein Garten für den Wal
mit Illustrationen von Annemarie van Haeringen
aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2016
64 Seiten, 12,95 Euro

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