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Lesart | Beitrag vom 23.09.2021

Tomasz Lem: „Zoff wegen der Gravitation. Oder: Mein Vater, Stanisław Lem“Das Genie aus Sicht seines Sohnes

Von Martin Sander

Der polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem (1921-2006) (picture-alliance / Forum Krzysztof Wojcik)
Wie es ist, Kind eines eigenwilligen Autors zu sein, beschreibt Tomasz Lem in seinen Erinnerungen an seinen berühmten Vater Stanisław. (picture-alliance / Forum Krzysztof Wojcik)

Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem, dem wohl einflussreichsten Science-Fiction-Autor aller Zeiten, erscheinen derzeit viele Bücher. Der vorliegende Band mit freundlich-kritischen Erinnerungen seines Sohnes ist unbedingt lesenswert.

Der weltberühmte Schriftsteller und Zukunftsphilosoph Stanisław Lem hat eine Einladung des Wissenschaftskollegs zu Berlin in der Tasche, als er 1983 im Westen der geteilten Stadt eintrifft.

Lem will seiner vom Kriegsrecht, von politischer Isolation und von Versorgungsmängeln gezeichneten polnischen Heimat entkommen. In Westberlin muss er sich aber unter anderem auf den Fluren der wenig sympathischen Ausländerbehörde bewegen. Bald verlässt er die Stadt und schlägt mit Familie sein Quartier in Wien auf.

Doch auch hier muss er kämpfen: Es fehlt ihm an Verdienst, Geborgenheit und Anerkennung. Die ungebrochene Sympathie vieler Österreicher für den Nationalsozialismus macht ihm zu schaffen. Lem verfällt in Depression, denkt gar an Selbstmord. Doch dann beginnt das Ende des Kommunismus in Polen und man kehrt 1988 ins heimische Krakau zurück.

Der Bruch, über den man nicht spricht

Tomasz Lem, geboren 1968, Literaturübersetzer, das einzige Kind von Barbara und Stanisław Lem, hat ein persönliches Erinnerungsbuch geschrieben, das unter dem Titel "Zoff wegen der Gravitation" nun auf Deutsch vorliegt. Der Sohn erwähnt darin auch manches, was vor seiner Geburt liegt. Bei Gelegenheit zitiert er aus der Korrespondenz des Vaters mit dessen engen Freunden.

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Stanisław Lem, geboren 1921 in einer polnisch-jüdischen Arztfamilie im damals ostpolnischen Lemberg, gestorben 2006 in Krakau, litt zeit seines Lebens an einem Kriegstrauma. Den Holocaust hatte er mit falscher Identität überlebt. Das ist in seiner Nachkriegsfamilie selten ein Thema.

Auch über die frühen Fünfzigerjahre, die harte Zeit des polnischen Stalinismus, als Lem aus politischen Gründen eine Karriere als Mediziner verwarf und sich ganz der Zukunftsliteratur verschrieb, spricht man später wenig.

Der Vater aus Sicht des Kindes

Tomasz Lem versetzt sich in seine Kindheit und Jugend, um dem berühmten Vater gerecht zu werden. In zahllosen Anekdoten scheint der keinesfalls unkomplizierte Alltag im Zusammenleben mit einem Genie auf.

In den Nacht- und Morgenstunden bringt Stanisław seine Texte zu Papier oder widmet sich seiner Korrespondenz. Danach versucht er auf eine oft skurrile Weise, am Familienleben teilzuhaben. Zuhören ist nicht seine Stärke, freundliche Ignoranz gegenüber der Umgebung eine beliebte Methode seiner Wahl.

Tomasz Lem berichtet auch von Stanisławs schroffen Ton gegenüber Gästen, von halsbrecherischen Autofahrten und von seiner Technikbegeisterung, die im Basteln abenteuerlicher Geräte hier und da innige Gemeinschaft mit dem Kind aufkommen lässt.

Praktisches Leiden am Kommunismus

Trotz vieler Konflikte sind die Familienbeziehungen eng. Wenn Tomasz vom Warendefizit bis zu Zuständen im Gesundheitswesen und anderen Unzulänglichkeiten der Volksrepublik erzählt, wird zudem deutlich: Der weltberühmte Schriftsteller war in seinem Land nicht unbedingt privilegiert. Er litt wie viele andere ganz praktisch am Kommunismus.

Zum kämpferischen Oppositionellen wurde er nie. Stattdessen haben ihn die Schattenseiten der Politik zu seinen literarischen Zukunftsbetrachtungen inspiriert.

Tomasz Lem hat ein freundlich-kritisches und humorvolles Buch über seinen berühmten Vater geschrieben. Interesse an Stanisław Lem vorausgesetzt, liest es sich an einem freien Abend ohne Pause.

Tomasz Lem: "Zoff wegen der Gravitation. Oder: Mein Vater, Stanisław Lem"
Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Peter Oliver Loew
Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 2021
148 Seiten, 22 Euro

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