Alfred Gall: "Stanisław Lem. Leben in der Zukunft"

    Schreiben nach der Katastrophe

    06:11 Minuten
    Buchcover auf grafischem Hintergrund.
    Alfred Galls Biografie macht Lust auf das (Wieder)Entdecken der Romane von Stanislaw Lem. © WBG Theiss / Deutschlandradio
    Von Wolfgang Schneider · 09.08.2021
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    Stanislaw Lem gehört zu den weltweit meistgelesenen Science-Fiction-Autoren. Die Biografie von Alfred Gall zeigt schlüssig, wie sich in Lems dystopischen Szenarios auch dessen Erfahrungen mit Holocaust und Stalinismus niederschlugen.
    Stanisław Lem gehört zu den klügsten und noch heute weltweit am meisten gelesenen Autoren der Science-Fiction – auch wenn er selbst mit dieser Genre-Bezeichnung haderte. Deshalb füllt die Lem-Biografie des Mainzer Polonisten Alfred Gall eine Lücke. Mehr noch: Sie ist ein intellektuelles Lesevergnügen.
    Gall versteht Lem als postkatastrophischen Schriftsteller. Während die Romane vieler Science-Fiction-Autoren davon handeln, wie eine zivilisatorische Ordnung einem Inferno entgegensteuert, sei es bei Lem genau umgekehrt: "Lem lebt, denkt und schreibt nach der zivilisatorischen Katastrophe."

    Vom tragischen Scheitern der Verständigung

    Gemeint sind damit der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, dem Lem knapp entrinnen konnte. Eindringlich schildert Gall die Jugendjahre des 1921 in Lemberg geborenen Autors, die zunehmend geprägt waren von Verfolgungen, Deportationen und Massakern. Viele Angehörige starben, Lem und seinen Eltern gelang es, aus dem Lemberger Ghetto zu fliehen und unterzutauchen.
    Dass gesellschaftliche Ordnungen zusammenbrechen können, hat Lem mehr als einmal erfahren. Krieg und Okkupation, Stalinismus und Staatssozialismus – diverse Zivilisationskatastrophen haben seine dystopische Phantasie tief imprägniert. Das tragische Scheitern der Verständigung mit außerirdischen Zivilisationen – vom Weltbestseller "Solaris" bis zum düsteren letzten Roman "Fiasko" – liegt für Gall deshalb nicht nur in prinzipiellen kognitiven und moralischen Defiziten der Menschen begründet, sondern werde von Lem aus der real erfahrenen Unheilsgeschichte in die Weltentwürfe der Science-Fiction transponiert.
    Indem Gall diesen Zusammenhang deutlich macht, schließt er seine Darstellung von Leben und Werk Lems zusammen, was bei einem Autor der Science-Fiction zunächst nicht auf der Hand liegt.

    Technologische Durchbrüche sah Lem mit Skepsis

    Lem sah wissenschaftlich-technische Errungenschaften immer in gesellschaftlichen Kontexten. Deshalb beobachtete er die technologischen Durchbrüche – etwa das Internet – mit wachsender Skepsis.
    Technologie und Wissen folgen einer eigenen Evolution, von der die "Subjekte" mitgerissen werden, die sie aber kaum steuern können. Regulierung im Weltmaßstab wäre zwar nötig, aber nicht möglich. Letzteres hat für Lem das Experiment der sozialistischen Planwirtschaft gezeigt. Das Dilemma der humanen Überforderung macht Gall als "Grundton" in Lems Technologiekritik aus.
    Politisch versuchte Lem auf einem mittleren Kurs zu bleiben. Zwar äußerte er früh Kritik am Kommunismus und exemplifizierte sie modellhaft als Problematik scheiternder Rückkopplung in seinen kybernetischen Erzählungen, aber offen wollte er sich nicht als Dissident bekennen. Von einigen längeren Aufenthalten in Berlin und Wien abgesehen, blieb er Krakau treu, wo er 2006 starb.

    Das Buch macht Lust, Lem zu lesen

    Alfred Gall gehört zu jenen Biografen, die sehr solide informieren und sich nicht darauf einlassen, Lebenssituationen erzählerisch auszuschmücken oder über Motive ihres Protagonisten zu spekulieren. Diese Verlässlichkeit wirkt bisweilen vielleicht ein wenig trocken. Anekdotisches bleibt am Rand, etwa Lems rabiater Stil beim Autofahren, sein unstillbarer Hunger auf Süßigkeiten oder sein Widerwillen gegen Tarkowskis Verfilmung von "Solaris", die er für "sentimentale Gefühlstunke" hielt.
    Eine Stärke dieser Biografie liegt dagegen in der luziden Darstellung von Lems Romanen und Essays, die wegen ihrer modellhaft-rationalen Phantastik einer solchen literaturwissenschaftlichen Rekonstruktion ihrer Problematiken und Erzählweisen sehr entgegenkommen. Man verspürt dank dieser Biografie große Lust, die Werke Stanisław Lems (wieder) zu lesen.

    Alfred Gall: "Stanisław Lem. Leben in der Zukunft"
    WBG Theiss Verlag, 2021
    272 Seiten, 25 Euro

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