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Lesart | Beitrag vom 20.02.2021

Tomas Wüthrich: „Hof Nr. 4233" Impressionen von einem Bauernhof

Von Sieglinde Geisel

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Buchcover: "Hof Nr. 4233 – Ein langer Abschied" von Thomas Wüthrich  (Deutschlandradio / Verlag Scheidegger & Spiess)
Der Kamerablick ist oft ein indirekter, denn Tomas Wüthrich erzählt durch Auslassungen. (Deutschlandradio / Verlag Scheidegger & Spiess)

Seit den 1980er-Jahren hat sich die Zahl der Höfe in der Schweiz von 100.000 auf 50.000 halbiert. Der Fotograf Tomas Wüthrich hat vor 20 Jahren das Abschiedsjahr des Hofs seiner Eltern fotografiert. Nun ist daraus der Band "Hof Nr. 4233" geworden.

Wir sehen Hans, wie er aus dem im Silo schaut, vor sich die Schubkarre mit Tierfutter, oder eher "Karrete", wie wir Schweizer sagen. Ruth schiebt im Laufschritt den Wagen mit den vollen Milchkesseln vor sich her. Mit vollem Körpereinsatz und perfekt aufeinander abgestimmt sieht man die beiden, wie sie gemeinsam Holzen, Heuen oder die Tenne ausfegen.

"Sie waren wie eins. Es gab fast nichts, was sie nicht gemeinsam getan hätten, schweigend, deutend oder sprechend, je nach Stimmung." So heißt es im einleitenden Text von Balz Theus. Die Fotoreportage war 2001 im Magazin des Zürcher "Tages Anzeigers" erschienen und gibt auch ein Gespräch mit Hans und Ruth Wüthrich wieder. Die Schwarz-Weiß-Fotografien ihres Sohns zeigen keine Idylle, sie verströmen weder Nostalgie noch Landlust-Romantik.

Man riecht fast den Stallgeruch

"Ich wollte den Chrampf zeigen", sagt Tomas Wüthrich am Telefon. Den Chrampf, die Plackerei. Seine Eltern führten ein Leben, in dem die Arbeit alles bestimmte. Abends erledigt Ruth noch Flickarbeiten und schaut dazu fern, Hans schläft um halb neun auf dem Sofa ein, erschöpft von der Arbeit. Wenn die beiden in der Küche Zmittag essen, schaut jeder vor sich hin.

Der Kamerablick ist oft ein indirekter, denn Tomas Wüthrich erzählt durch Auslassungen. Hans trägt eine Maske gegen den Staub, im aufgewirbelten Heu ist er kaum zu erkennen. Auf die kotverspritzte Stallwand fällt der Schatten eines Kuhschwanzes – man spürt geradezu den Stallgeruch. "Hans und Ruth stehen stellvertretend für eine Art und Weise zu bauern, die im neuen Jahrtausend keine Zukunft mehr hat."

"Bauern" – "Buure" – ist im Schweizerdeutschen auch ein Verb, es drückt aus, dass "Bauer sein" kein Job ist, sondern eine Lebensweise. Schuld am Bauernsterben in der Schweiz ist einerseits die Agrarreform: Sie fordert Anpassungen an den Markt, und Subventionen werden an ökologische Bedingungen geknüpft. Für die Umsetzung dieser Forderungen fehlt kleinen Bauernhöfen oft schlicht die Fläche. Das andere, was dieses "Buure" zum Untergang verurteilt, ist seine Ineffizienz. Auch das zeigen Tomas Wüthrichs Bilder.

Melken war Zuwendung zum Tier

Hans düngt den jungen Mais von Hand, das erlaubt ihm eine individuelle "Kopfdüngung", je nach Beschaffenheit des Bodens. "Die Arbeit dauert einen ganzen Tag, maschinell wäre sie in einer halben Stunde zu erledigen." So liest man es in einer der Bildlegenden, die am Ende des Bands folgen. Sie sind so klein gedruckt, dass man sie kaum lesen kann – als sollte damit bekräftigt werden, dass es in diesem Band die Bilder sind, die die Geschichte erzählen. Doch die Legenden sind unverzichtbar: Sie erzählen, was die Bilder nicht zeigen können.

So sehen wir Hans, wie er beim Melken neben der Kuh sitzen bleibt, damit er den Melkbecher abnehmen kann, wenn eine Zitze leer gemolken ist. "Beim Melken wird es ihm nie langweilig. Er chräbelet und streichelt seine Kühe, damit sie ruhig bleiben und nicht die Milchkanne umwerfen. Er lässt seine Gedanken schweifen, denkt an seine Zeit auf der Alp und schmiedet Verse, die er später notiert."

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Die Geschichte, die die Bilder erzählen, endet mit dem Abtransport der Kühe, der Vertrag mit dem neuen Pächter ist unterschrieben. "Vor allem hart ist es, wenn der Stall plötzlich leer ist. Dass ich das Land nicht mehr hatte, hat mir nicht so viel ausgemacht. Mir nicht. Aber es gibt Bauern, die werden fast zhinderfür*, wenn fremde Traktoren auf ihrem Land sind."

Die Schwanzhalter an der Schnur, ihrer Funktion beraubt, sind eine lakonische Metapher für den leeren Stall, in dem Ruth und Hans 30 Jahre lang gebauert haben. Gerade weil die Bilder nichts verklären, setzen sie dieser Lebensweise ein so eindrückliches Denkmal.

Mit seiner Absage an jede Sentimentalität ist Tomas Wüthrichs Dokumentation in der Geschichte der Bauernfotografie einzigartig, das geht aus Peter Pfrunders Nachwort hervor. Pfrunder ist Direktor der "Fotostiftung Schweiz", er war es, der Tomas Wüthrich dazu angeregt hatte, einen Fotoband mit den Bildern herauszugeben. An Aktualität hat die Dokumentation auch nach 20 Jahren nichts verloren: Das Bauernsterben geht weiter, und das Schicksal des Hofs Nr. 4233 ist exemplarisch.

*"Zhinderfür" ist ein Dialektbegriff für "innerlich durcheinander". Wörtlich: "Wenn das Hinterste zuvorderst ist."

Tomas Wüthrich (Fotografie): "Hof Nr. 4233 – Ein langer Abschied"
Mit Texten von Balz Theus und Peter Pfrunder
Verlag Scheidegger & Spiess
162 Seiten, 48,00 Euro

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