Kommentar
Stehen in der sozialen Rangordnung der deutschen Tierliebe ganz oben: Hund und Katze, je niedlicher, desto besser. © picture alliance / imageBROKER / Eric Isselee
Über die wirre Tierliebe der Deutschen

Was entscheidet darüber, ob sich der Deutsche emontional an ein Tier bindet? Verhätschelte Hunde und Katzen, ein gestrandeter Wal, Millionen von Schlachttieren und gerettete Ratten in Neukölln: Es gibt eine soziale Rangordnung der Tierliebe.
Berlin-Neukölln leidet unter einer Rattenplage. Die Nager gedeihen prächtig – zumeist durch weggeworfene Lebensmittel. Das Bezirksamt hat Boxen mit Giftködern aufgestellt, aber nicht mit deutscher Tierliebe gerechnet. Tierfreunde haben Bauschaum in die Boxen gesprüht, Köder gestohlen, Schlösser aufgebrochen und Schädlingsbekämpfer beschimpft.
Man könnte das als Lokalposse abtun. Aber hier zeigt sich etwas. Nämlich die wirre deutsche Tierliebe.
Im Frühjahr hatte sie ihr eigenes Drama. Wochenlang wurden die Irrwege des Wales „Timmy“ in der Ostsee verfolgt: viel Spendengeld verbraucht, viel Fernsehtechnik durchs Land gekarrt, viel Sendezeit verstrahlt. Es ging um einen Wal. Das rührt die Seele des Deutschen, dem der Wal fremd ist. Wenige Tage nach seiner Freilassung war „Timmy“ tot.
Romantische Gefühle für einen Wal
Auf den Azoren traf ich einen alten Mann, der in seiner Jugend aus offenen Booten gigantische Pottwale harpuniert hatte. Ob ihm der Wal nicht leidgetan habe? Für ihn und die Männer an den Rudern, sagte er, sei das gewesen, wie eine Kuh zum Schlachthof bringen. Nur gefährlicher. Die Männer dort lebten vom Walfang wie Bauern hier vom Kühemästen.
Wie romantisch die Gefühle für ein Tier werden, entscheidet die Entfernung. Der fontänenblasende Wal in der Ostsee hat es leichter als die methangas-rülpsende Kuh auf der Wiese.
Die Deutschen kennen in ihrer Tierliebe keine Grenzen. 33,4 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel leben in Deutschland, in 43 Prozent aller Haushalte wartet ein Tier auf Herrchen oder Frauchen. Der Heimtiermarkt setzte im vergangenen Jahr knapp sieben Milliarden Euro um.
Keine Liturgie für den toten Hund
Hunde werden in Kinderwagen spazieren gefahren und mit teurem Konfekt zu Tode gefüttert. Ein evangelischer Pastor erzählte mir von seiner Mühe, Tierfreunden zu erklären, dass es für das Begräbnis eines Haustiers keine Liturgie gibt. Die Trauernden waren gekränkt. Woher kommt sowas?
Die geläufige Erklärung: Es ist die Zahl. Ein einzelner Wal, der sich in die Ostsee verirrt, hat einen Namen und ein Schicksal. Die 746 Millionen Tiere, die 2025 in Deutschland geschlachtet wurden, davon 86 Prozent Masthühner, haben nur eine Statistik.

Widersprüche der Tierliebe: 746 Millionen Tiere wurden 2025 in Deutschland geschlachtet. Ihre Namen kennen wir nicht - doch den Namen eines Wals, der sich im Frühjahr 2026 in der Ostsee verirrte, wohl die meisten.© IMAGO / Gottfried Czepluch
Das erklärt nicht die Liebe zur Ratte. Ratten sind graue Masse, nicht niedlich, und gelten bei Gesundheitsämtern als Überträger ansteckender Krankheiten. Dennoch finden sie in der Dunkelheit ihre Verteidiger. Das Einzelschicksal erklärt es also nicht.
Die soziale Rangordnung der Tierliebe
Ein Blick zurück hilft jedoch. 1934 erließ Reichsjägermeister Hermann Göring das Reichsjagdgesetz, das Verbot, mit Schrot auf Rotwild zu schießen. Der edle Geweihträger hatte Anspruch auf eine Kugel. Das Verbot steht bis heute im Bundesjagdgesetz.
Während das Reh in die Nobelklasse aufstieg, blieb die Ratte ganz unten. Es gibt also eine soziale Rangordnung der Tierliebe. Wer Rehgeweihe an die Wand hing, renommierte vor der bürgerlichen Gesellschaft. Dagegen trat, wie üblich, eine Opposition an – mit der Ratte auf der Schulter. Der Spießer trägt Reh, der Punk trägt Ratte und zeigt, dass er auf der Seite der Verachteten steht. Ein guter Mensch eben.
Damit wird die Ökonomie der Liebe deutlich: Sie ist dort am größten, wo sie am wenigsten kostet. Nichts spricht gegen den Tierschutz, er ist eine Errungenschaft. Aber ernst genommen verlangt er etwas. Wer den 746 Millionen Schlachttieren helfen will, muss auf sein Fleisch verzichten, egal ob Schnitzel oder Döner. Er muss seine Gewohnheiten ändern. Das bedeutet Aufwand. Die Köderbox im Park zu sabotieren, ist mühe- und risikolos. Der Tierfreund glaubt trotzdem, er verbessere die Welt.
Es wäre viel gewonnen, bliebe neben der selektiven Tierliebe ein Rest Mitgefühl für die Nachbarn und ihre Gesundheit.
















