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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.10.2018

Tiefseeforscherin Antje Boetius über Umweltschutz"Jede Tonne C02 ist zu viel"

Moderation: Shanli Anwar

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Bunte Korallen und Fische (Milos Prelevic /Unsplash)
Nicht nur die Korallen würden bei einer weiteren Erwärmung der Ozeane verschwinden, warnt Antje Boetius. Auch viele andere Arten gäbe es dann nicht mehr. (Milos Prelevic /Unsplash)

Die Menschheit muss jetzt gegen den Klimawandel handeln, fordert die Meeresbiologin Antje Boetius. Eine Erwärmung um zwei Grad hätte verheerende Folgen, gerade für die Ozeane. Boetius erklärt, was Menschen tun müssen - und was Methanfresser jetzt schon tun.

Shanli Anwar: Es waren schon mehr Menschen auf dem Mond als in der Tiefsee unserer Erde, und zu den wenigen Menschen, die die Tiefsee erforschen – und das mit großer Leidenschaft – zählt die Meeresbiologin Antje Boetius, Professorin an der Universität Bremen. Seit einem Jahr leitet sie dazu auch noch das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und morgen wird ihr der Deutsche Umweltpreis verliehen. Guten Morgen, Frau Boetius!

Antje Boetius: Guten Morgen, Frau Anwar!

Anwar: Anfang der Woche war die Tiefseeforschung kurz in den Schlagzeilen, besser gesagt ein Video, das australische Forscher im Südlichen Ozean gemacht haben von einer roten, wunderlichen Kreatur, die den Beinamen "Kopfloses Hühnermonster" bekam, so eine Art Seegurke. Frau Boetius, haben Sie sich über diese weltweite Aufmerksamkeit für dieses Wesen gefreut oder fanden Sie diese mitgelieferte Beschreibung ein bisschen beleidigend?

Verrücktes, tolles Leben im Meer   

Boetius: Nein, ich freue mich über jedes Tiefseetier, das in die Schlagzeilen kommt. Es gibt ja immer wieder solche Aufnahmen und mir macht das einfach Spaß zu sehen, wie die Menschen sich darüber freuen können. Und es ist so wichtig, dass man auch versteht, dass es mehr gibt als kleine Kätzchen, die man in Youtube angucken kann. Und klar, Casper der Krake oder das Hühnermonster, ich weiß gar nicht, warum die das so genannt haben, und aber viele andere Tiere, die so gezeigt werden, die zeigen uns einfach, wie voll das Meer von verrücktem, tollem Leben ist.

Anwar: Also die Tiefsee ist ein dunkler, schwarzer Ort ohne Sonnenlicht, schwer zugänglich. Ist das vielleicht ein Grund mit dafür, warum die Forschung immer noch so Neuheiten findet? Also, diese Seegurke wurde zum ersten Mal vor einem Jahr im Golf von Mexiko gesichtet.

Boetius: Ja, wenn man denkt, dass 70 Prozent unserer Erde, also über zwei Drittel Wasser und dann Tiefsee vor allen Dingen ist – Tiefsee nennen wir ja alles das, was im ewigen Dunkel liegt, also unterhalb der sonnendurchfluteten Meeresoberfläche –, und im Durchschnitt sind die Meere eben tatsächlich fast vier Kilometer tief, und dieser gigantische Raum, da haben wir noch nicht mal einen Bruchteil eines Prozentchens von erforscht. Das heißt also, wenn man irgendwo Leben finden will jenseits von dem, was bekannt ist, dann muss man eben in die Tiefsee tauchen.

Anwar: Ich habe nachgelesen, Ihre tiefste Expedition war in 3,4 Kilometer im Mittelmeer, ist das richtig?

Boetius: Das ist vom Selbsttauchen, also im Sinne von im U-Boot sitzen, aber mit Robotern waren wir …

Anwar: Noch tiefer, noch viel tiefer.

Boetius: … noch viel tiefer unterwegs, ja.

Die Meeresforscherin Antje Boetius im Porträt (Manfred Schulz / MPI Bremen)Antje Boetius ist eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der Tiefsee. Sie wird am Sonntag mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. (Manfred Schulz / MPI Bremen)

Dringlichkeit des Forschens

Anwar: Was ist denn so das Faszinierendste für Sie in dieser Tiefseewelt? Auch diese geheimnisvollen Wesen oder vielleicht eher, was für Folgen der Erderwärmung, des Klimawandels man an diesem Ort da ablesen kann?

Boetius: Ach, alles zusammen. Das eine ist eben, ich liebe wirklich diesen Moment des Entdeckens, wenn man unterwegs ist in eine neue Region, wo noch nie jemand war, noch nie jemand hingeguckt hat, und man entdeckt eben diese Vielfalt von Landschaften. Meistens denken die Leute ja, das ist irgendwie so eine tote Schlammwüste da unten. Aber es sind genauso vielfältige Landschaften wie eben an Land, die man da sehen kann, nur dass die Bäume sehen. Es gibt halt keine Pflanzen ohne Licht.

Aber das andere ist eben tatsächlich die Dringlichkeit des Forschens, weil wir eben gerade alles verändern, auch diese ganz fernen Regionen. Und beides, also das Bewusstsein, dass das, was man forscht, auch so wichtig ist an Information, aber eben auch dieses bisschen Abenteurergeist, was man da noch haben kann, wenn man auf dem Schiff unterwegs ist und die Tiefsee anschaut, mit Kameras Bilder überträgt und immer was Neues findet, das gehört für mich schon beides zusammen.

Wir tun so, als stünde uns die Natur zur Verfügung

Anwar: Ihr wissenschaftlicher Durchbruch vor zwölf Jahren war dann die Entdeckung, dass Treibhausgas Methan im Meeresboden mit Bakterien und Urbakterien eine Symbiose eingeht und so verarbeitet wird. Was heißt das für die Rolle der Ozeane beim Klimawandel? Eigentlich ein guter Selbstschutz?

Boetius: Ja, genau! Das ist so ein Teil oder eine Geschichte von den vielen, die wir noch lernen müssen als Menschen, dass wir eigentlich nur hier auf der Oberfläche des Planeten sind und unsere Häuser gebaut haben und zur Schule gehen und all so etwas, weil es so viel Leben in der Natur gibt, die für uns die Situation der Erde eben bewohnbar macht, das Klima zusammenhält. Und dazu gehören die Methanfresser, die im Schlamm stecken, im Meeresboden, im Schlamm, und die gigantische Mengen von Methan, was ohne die eben rauskommen würde in die Atmosphäre, schon mal zurückhalten, verzehren und daraus CO2 machen.

Und dieses CO2 bleibt eigentlich auch größtenteils erst mal im Meer. Und diese Leistung eben, dafür müssen wir nichts bezahlen, da denken wir nicht drüber nach und wir tun aber einfach so, als stünde die Natur für immer uns zur Verfügung und es gäbe eben nicht solche besonderen Leistungen der Natur, die sich aber unter Umständen vielleicht auch mal gegen uns wenden, wenn wir nicht aufpassen und bestimmte Schwellenwerte übertreten. Das Verständnis ist mir auch erst recht spät im Leben gekommen dann.

Anwar: Auf der anderen Seite, eben Klimaschutzgesetze hier in Deutschland, die werden immer weiter hinausgezögert, sollen vielleicht Anfang nächsten Jahres kommen. Haben Sie da das Gefühl, dass die Forschung, auch die Ergebnisse Ihrer Arbeit nicht so richtig ernst genommen werden in solchen Momenten?

Boetius: Ernst schon. Wenn man so wie ich in den letzten Tagen unterwegs war, auch mit der Politik zum Thema Zukunft Arktis zu sprechen, dann sind alle ernst und betroffen. Und wir hatten ein tolles Statement von unserer Kanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Konferenz, unsere Forschungsministerin sagt auch kluge Dinge über die Dringlichkeit des Ausstiegs aus der Kohle und … 

Anwar: ...Ganz kurz, Sie gehen da auf die Konferenz zum Schutz der Arktis in Berlin ein, die bis gestern noch stattfand.

Boetius: Genau.

Anwar: Aber?

Boetius: Also irgendwie ist das Bewusstsein da, man spricht darüber, aber wir Bürger warten halt darauf, dass wirklich mal was passiert. Und solange sich da noch Menschen kloppen müssen um die Rettung eines Waldes, unter dem Braunkohle liegt, wo nicht der Wald einfach wirklich so logisch ist, dass der Wald zuerst kommt, da fühle ich mich manchmal auch schon irgendwo veräppelt, das muss man schon sagen, ja.

Innovation schafft auch neue Arbeitsplätze

Anwar: Was kam denn bei dieser Konferenz zum Schutz der Arktis bei rum zur Frage, die Meereseisflächen schrumpfen immer weiter? Sehen Sie überhaupt noch Chancen, diesen Trend zu stoppen?

Boetius: Ja, wir haben ja auch das beforscht. Weltweit arbeiten wirklich Hunderte von Wissenschaftlern zusammen, die wieder Tausende von Publikationen lesen, und tragen alles Wissen zusammen, um auszurechnen, wie lange haben wir eigentlich noch Zeit, umzusteuern? Und man kann das sehr akademisch so machen mit dem Ausrechnen, wie viel Kohle darf noch verbrannt werden, wie viel Kohlenstoff darf noch in die Luft. Aber wenn man andersherum denkt, aus Sicht der Meere, dann ist halt jede Tonne CO2 zu viel.

Denn das CO2 wird vom Ozean aufgenommen und der wird immer saurer. Und unsere traurige Vorhersage ist eben, wenn wir nicht jetzt aufhören, wenn wir nicht bis 2050 alternative Energien wie Wind und Sonne nutzen, dann verschwinden die Korallenriffe. Und das ist nur ein Teil. Korallenriffe kennen alle, das bedeutet aber, es verschwinden auch unglaublich viele andere Arten.

Das Meereis, so kann man ausrechnen, würde einmal im Jahrzehnt in der Arktis völlig verschwinden im Sommer, wenn wir wirklich auf zwei Grad globaler Erwärmung gehen müssten. Und diese Dringlichkeit muss man eben besonders betonen und hoffen, dass weltweit die Politik das ernst nimmt und endlich damit anfängt, Alternativen auch für die Menschen zu suchen, deren Job nun mal an Gas, Öl und Kohle hängt. Und das Verrückte ist – das muss ich noch schnell sagen –, dass wir immer so tun, als ginge das nicht. Aber das stimmt gar nicht. Viele Länder, Skandinavien voran, stellen ja gerade komplett um. Und diese Innovation schafft ja auch neue Arbeitsplätze.

Anwar: Also von den Skandinaviern können wir noch einiges lernen, wenn es um den Umweltschutz geht, um Klimawandel, sagt die Tiefseeforscherin Antje Boetius, die morgen in Erfurt übrigens vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier den Deutschen Umweltpreis überreicht bekommen wird. Danke für das Gespräch!

Boetius: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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