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Lesart | Beitrag vom 08.05.2019

Thore D. Hansen: "Die Reinsten"Künstliche Intelligenz als Klimaretter

Von Marten Hahn

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Was wäre, wenn wir unserer Technikgläubigkeit freien Lauf lassen und die Rettung des Planeten einer Künstlichen Intelligenz überlassen? Diese Frage stellte Thore D. Hansen in "Die Reinsten". (Unsplash / Dikaseva; Golkonda (Montage Deutschlandradio))
Was wäre, wenn wir die Rettung des Planeten einer künstlichen Intelligenz überlassen? Diese Frage stellt Thore D. Hansen in "Die Reinsten". (Unsplash / Dikaseva; Golkonda (Montage Deutschlandradio))

Die Welt nach dem Klimakollaps. Computer haben die Verteilung der verbliebenen Ressourcen übernommen. Thore D. Hansen liefert in "Die Reinsten" einen ambitionierten Plot – leider ist der Thriller katastrophal erzählt.

Das britische Parlament hat in diesen Tagen als erstes Land der Welt den Klimanotstand ausgerufen. Damit setzt Großbritannien ein Zeichen, zeigt aber auch, wie weit die Politik der Literatur hinterherhinkt. Autoren haben den Klimanotstand schon vor Jahrzehnten ausgerufen. Seit 2013 hat das Genre sogar einen Namen: Cli-Fi, Climate Fiction.

Ein deutscher Vertreter der Science-Fiction-Spielart ist Thore D. Hansen. In "Die Reinsten" zeichnet der ehemalige Journalist eine Welt nach dem Klimakollaps. Wir schreiben das Jahr 2191. Die Menschheit – oder das, was von ihr übrig ist – lebt in acht Metropolregionen, regiert von einem "liebevollen Leviathan". Ein Supercomputer namens Askit hat weltweit die Macht übernommen und kümmert sich um die Regeneration des Planeten.

Menschen mit konditionierter Emotionalität 

Während die Protagonisten recht eindimensional durchs Buch straucheln, strotzt Hansens Weltentwurf vor Komplexität. Der Autor versucht, im Roman die Themen Klimawandel, Künstliche Intelligenz und Transhumanismus zusammenzubringen. So besteht die Elite der Gesellschaft aus technologisch erweiterten und emotional konditionierten Akademikern – "Reinsten", denen menschliche Marotten wie Wut und Liebe ausgetrieben wurden und die der Künstlichen Intelligenz assistieren – bis sie bei Askit eine Art Persönlichkeitsstörung feststellen.

Ein interessantes Gedankenspiel. Was wäre, wenn wir unserer Technikgläubigkeit freien Lauf lassen und die Rettung des Planeten einer Künstlichen Intelligenz überlassen? Alle unbequemen Entscheidungen würden dem Computer überlassen: Von der Geburtenkontrolle bis zur Zuteilung von Ressourcen und Lebensraum. Würden wir uns von einer Maschine eher Schnitzel und Flüge verbieten lassen, als von gutmeinenden Mitmenschen, Politikern und Aktivisten?

Während Hansen das erkundet, verpackt er in Prosa, was die Fachwelt mit "value alignment problem" beschreibt. Wie stellt man sicher, dass eine Künstliche Intelligenz unsere Werte verinnerlicht und uns freundlich gesinnt bleibt? Im Buch bedeutete das: Wenn das Ziel die Rettung des Planeten ist, schließt das zwangsläufig die Rettung der Menschheit mit ein?

Interessanter Überbau, aber konfus erzählt

Leider macht ein interessanter theoretischer Überbau und ein Gespür für relevante Themen noch keine Literatur. "Die Reinsten" liest sich so, als hätte die schizophrene Künstliche Intelligenz Askit den Roman selbst geschrieben. Die Dialoge sind flach und konfus strukturiert. Immer wieder verliert man als Leser den Faden.

Hansen erzählt da, wo es nichts zu erzählen gibt und übergeht Momente, die mit Trommelwirbel angekündigt werden. Hätte Hansen einen Film gedreht, würde man ihm Achsensprünge und Anschlussfehler vorwerfen. Das ist mal verwirrend, mal unfreiwillig komisch. In einem Moment werden Obst, Wasser und Brot verteilt, im anderen isst die Heldin eine Tomate.

Hansen hat viel recherchiert, sich aber dann von seinen Recherchen überwältigen lassen. Im Nachwort wird klar warum: Der Mann ist wütend. Auf die Tech-Elite im Silicon Valley, auf unsere Untätigkeit angesichts der laufenden Umweltkatastrophe, auf unsere Gier.

Das kann man Hansen nicht verübeln. Nur leider sind Wut und eine politische Agenda schlechte Ratgeber für jemanden, der einen spannenden Thriller zu Papier bringen will – auch und vor allem wenn das Ziel ist, auf einen weltweiten Klimanotstand hinzuweisen.

Thore D. Hansen: "Die Reinsten"
Golkonda Verlag 2019
424 Seiten, 22 Euro

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