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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2018

Thomas Rid: "Mythos Cyberwar"Das "Märchen" vom Krieg im Internet

Von Vera Linß

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Thomas Rid: "Mythos Cyberwar" (Edition Körber/imago/Science Photo Library)
Buchcover "Mythos Cyberwar" von Thomas Rid (Edition Körber/imago/Science Photo Library)

Der Computerwurm "Stuxnet" hat vor Jahren eine Industrieanlage im Iran infiziert und russische Hacker sollen die US-Präsidentschaftswahlen 2016 manipuliert haben. Das sei vielleicht Spionage oder Sabotage gewesen, so der Politologe Thomas Rid in "Mythos Cyberwar", aber kein Krieg.

Hacker-Attacken, die ein ganzes Land lahm legen: geschehen in Estland 2007. Der Computerwurm "Stuxnet", der Industrieanlagen im Iran befällt: entdeckt im Juni 2010. Die Manipulation der US-Präsidentschaftswahlen 2016: mutmaßlich von russischen Hackern durchgeführt. Angriffe aus dem Netz sind so allgegenwärtig, dass auch die Gefahr eines Krieges schnell im Raum steht. Sogar Forderungen nach einer Genfer Konvention für Cyberkriege werden immer wieder laut. Für Thomas Rid entstammen solche Sorgen aus dem "Reich der Mythen und Märchen". Er ist überzeugt: Einen Cyberkrieg wird es nicht geben.

Seit Jahren gehört der Politologe von der John-Hopkins-Universität in Washington zu den wenigen, die einen kühleren Blick auf die Bedrohungen im Netz anmahnen. Sein Buch ist im englischen Original bereits 2013 erschienen, seine Kritik ist aber nach wie vor aktuell: Man müsse die Intentionen bisheriger Cyberattacken endlich als das verstehen, was sie in Wirklichkeit sind.

Eine misslungene Metapher

Nämlich als Subversion, als Spionage oder als Sabotage – aber nicht als Krieg! Genau das ist das Überraschende an diesem Buch: Thomas Rid belegt überzeugend, dass Politiker und Sicherheitsexperten den Begriff "Krieg" aus der analogen Welt einfach auf digitale Phänomene anwenden, ohne zu überprüfen, ob er überhaupt passt. Wirksame Gegenmaßnahmen ließen sich aber nur ergreifen, wenn klar sei, womit man es bei einem Angriff tatsächlich zu tun habe.

Wie genervt Thomas Rid von den Debatten über einen "Cyberwar" ist, lässt er immer wieder durchblicken. Es sei eine misslungene Metapher, bestenfalls vergleichbar mit dem "Krieg gegen Krebs", lästert er. Die Öffentlichkeit habe mehr Qualität in der Diskussion verdient. Umso wohltuender, dass er mit seinen Begriffsanalysen Grund in das Thema bringt. Das ist zwar viel Theorie, aber die Mühe lohnt. Nach Carl von Clausewitz´ Kriegstheorie etwa zeichneten Kriegshandlungen aus, dass sie gewaltsam, politisch motiviert und an bestimmte Instrumente geknüpft seien.

Spionage und Sabotage im Netz

Kein Beispiel genügt diesen drei Kriterien, das veranschaulicht Rid am Beispiel von Cyberattacken gegen Georgien, Estland und einem mutmaßlichen Angriff auf eine sibirische Pipeline 1982. Wie sehr das Netz stattdessen für Subversion, Spionage und Sabotage genutzt wird, belegt er nicht nur mit einer Fülle an weiteren Beispielen. Die Digitalisierung verändere auch die Erscheinungsformen und die Wirkung dieser Mittel, etwa, dass sie gewaltfreier seien.

Der Schaden, der aus solchen Attacken entsteht, ist dennoch hoch. Thomas Rids wichtige Analyse kann dabei helfen, die richtigen Mittel zu finden, um ihn zu begrenzen. Dass die Politik dazu derzeit in der Lage ist, bezweifelt der Wissenschaftler allerdings. Die Sicherheitsstandards seien zum Beispiel viel zu niedrig, um Computersysteme etwa gegen Sabotage zu schützen. Deshalb hielten Staaten und Unternehmen ihr Wissen um Schwachstellen zurück, kritisiert Rid. Er fordert eine offene und transparentere Debatte. Sein Buch ist ein Schritt, diese endlich anzustoßen.

Thomas Rid: "Mythos Cyberwar. Über digitale Spionage, Sabotage und andere Gefahren"
Aus dem Englischen von Michael Adrian und Bettina Engels
Edition Körber, Hamburg 2018
352 Seiten, 18,00 Euro

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