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Lesart | Beitrag vom 02.10.2019

Thomas Lang: "Freinacht“ Jugend, die fassungslos macht

Thomas Lang im Gespräch mit Andrea Gerk

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Ein Porträt des Autors Thomas Lang. (imago stock&people)
Thomas Lang ließ seine Leser beim Schreiben seines Romans im Netz zuschauen. (imago stock&people)

Thomas Langs "Freinacht" beruht auf einem Verbrechen, das 2006 tatsächlich in Bayern passiert ist. Für den Roman veröffentlichte er das Manuskript im Internet – und lud die User zum Mitarbeiten ein.

In Thomas Langs Roman "Freinacht" treffen sich ein paar Jugendliche zu einer Geburtstagsfeier auf einem stillgelegten Bahngelände. Als sie dort die Leiche eines Mannes entdecken, der sich zu Tode getrunken hat, schänden sie den Toten mit erschreckender Brutalität.

Das Verbrechen ist 2006 so tatsächlich in Bayern passiert und hatte Thomas Lang von Anfang fasziniert: "Ich war geschockt, aber auch über das, was in öffentlichen Foren über diese Jugendlichen geschrieben wurde. Das waren harsche Urteile und Abwehrreaktionen. Da habe ich schnell gemerkt, dass mich das unheimlich beschäftigt: Wie ist das, wenn man seine Jugend durchmacht, und dann gibt es da plötzlich so einen Bruch? Das ist ja nichts, wo man nach zwei Wochen nicht mehr drüber nachdenkt."

Live-Roman im Netz

Zusammen mit dem Literaturportal Bayern entstand die Idee, den Stoff in einem neuen Format zu entwickeln: als Netzroman-Projekt "Der gefundene Tod". Auf einem Blog schrieb Lang sechs Monate lang live im Internet an dem Roman. User, die sich lediglich per Emailadresse anmelden mussten, konnten dem Autor so nicht nur beim Produzieren zuschauen. Sie durften auch kommentieren und sogar eigene Textideen beisteuern.

Ein Prozess, der auch schon mal zu Irritationen führte: "Ich erinnere mich an eine Stelle, als ich eine Szene geschrieben hatte. Meine User haben dann über den einen Charakter gesagt: ‚Hey, warum ist der jetzt so weich geworden? Den hatte ich mir ganz anders vorgestellt.‘ Da habe ich schon gedacht: Habe ich jetzt was falsch gemacht? Aber das ist ja auch super interessant."

Ein Medium, durch das die Welt hindurchfließt

Das Projekt passt zu Langs Selbstverständnis als Schriftsteller. Dieser sei "eine Art Medium, durch das die Welt so hindurchfließt. Deswegen ist es mir schon immer wichtig gewesen, immer mal zu schauen und das ein bisschen zu öffnen. Und eben nicht nur mit den eigenen Bildern, mit dem eigenen Kopf da zu sitzen." Dass ein Autor vollkommen abgekapselt am Schreibtisch genialistisch Werke kreiere, sei äußert selten, so Lang.

Aber warum überhaupt einen Roman und kein Sachbuch über das Thema schreiben? Immerhin ist die Tat tatsächlich so begangen worden. Doch Lang fiel die Wahl nicht schwer. Für ihn bietet die Fiktion die Möglichkeit einer "anderen Art der Wahrheitsfindung". Er hätte die echten Täter zwar auch ausfindig machen und interviewen können, so Lang.

Doch in einem Sachbuch gebe es keinen Raum für die Nuancen und Ebenen, die nur in der Fiktion herausgearbeitet werden können. "Ich wollte mehr über das Intuitive gehen: Welche Bilder entstehen in mir, wie stelle ich mir das vor? Das ist ja auch eine Art von Wahrheit. Ich fand das sehr wichtig, dass der Roman das nicht aufgibt, auch auf diese Weise nach Wahrheit zu suchen."

(rod)

Thomas Lang: "Freinacht"
eBook Berlin Verlag, 2019
332 Seiten, 22 Euro

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