Seit 00:05 Uhr Neue Musik
Dienstag, 20.10.2020
 
Seit 00:05 Uhr Neue Musik

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.02.2020

Theaterfassung von Ingo Schulzes "Peter Holtz"Plakativer Sozialkitsch

Von Eberhard Spreng

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Schauspieler Moritz Kienemann liegt ausgestreckt auf einer riesigen Matratze, rechts neben ihm ein großer, roter Ball. (Sebastian Hoppe)
Leidet unter seinem Reichtum: Moritz Kienemann als Peter Holtz auf der Bühne im Staatsschauspiel Dresden. (Sebastian Hoppe)

In seinem Wenderoman "Peter Holtz" sezierte Ingo Schulze DDR-Sozialismus und westliches Wirtschaftssystem. Im Staatsschauspiel Dresden gerät die Bühnenfassung allerdings allzu flach und eindimensional. "Eine billige Passionsgeschichte", meint unser Kritiker.

Ein nackter Mann liegt auf der Bühne, die in sanfter Schräge nach hinten ansteigt. Er ist ein mittelloses Kind der DDR, eine Waise im Kinderheim. Eine Szene später besteht er in einem DDR-Lokal des Jahres 1974 darauf zu essen, ohne zu bezahlen. Peter Holtz will als aufrechter Kommunist das Geld abschaffen.

So beginnt der Roman "Peter Holtz" von Ingo Schulze, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, und so beginnt die Theaterversion der Friederike Heller, die nun unter dem Titel "Peter Holtz – sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" am Dresdener Staatsschauspiel uraufgeführt wird.

Der pikareske Schelmenroman der Barockzeit ist Vorbild für eine Geschichte, die den Protagonisten mit der schier unheimlichen Macht ausstattet, jede erlebte Situation mit dem unerschütterlichen Glauben in kommunistische und christliche Ideale zu bestehen.

Agitationslied gerät aus Versehen zu DDR-Punk

Peter Holtz, den in Dresden der bis zur Hibbeligkeit agile Moritz Kienemann verkörpert, nimmt die Ideale der DDR beim Wort. Er grölt als Stimmbrüchiger das Agitationslied "Sag mir, wo du stehst" ins Mikrofon und erfindet so aus Versehen den DDR-Punk. Er wird von der Stasi angeworben und ist darauf so stolz, dass er diesen Umstand gleich allen Freunden weitererzählt.

Mit plakativen Bebilderungen skizziert Friederike Heller einzelne Szenen aus dem figuren- und situationsreichen Roman, bis die Wende kommt und ein im Bühnenhintergrund hängender großer, roter Ballon mit DDR-Emblem auf die Bühne herabfällt und den Hauptdarsteller überrollt.

Peter Holtz liegt nun im Koma. Wie dereinst in Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin" erlebt der Protagonist den Wandel und die Umwertung seines Weltverständnisses bewusstlos. Seine in der DDR-Zeit wertlosen Immobilien haben ihn in der neuen Zeit zum Millionär gemacht. Ganze Flutwellen von schwarzen, roten und gelben, aber auch grauen Plastikkugeln lässt die Regie nun auf den neuen Kapitalisten herabregnen.

Peter Holtz als tumbes Opfer des Geldes

Peter Holtz glaubt nunmehr, im Kapitalismus seine Ideale verwirklichen zu können. Wo aber der Roman dem reichen Feind des Geldes auch im Kapitalismus noch Handlungschancen einräumt, macht ihn die Dresdener Regie zum tumben Opfer des Geldes. Er steckt sich die Kugeln, die Symbole der Reichtums, in Hemd und Hose, wird dick und unbeweglich. Die Menschen wenden sich endgültig von ihm ab. Der Kapitalist ist einsam, will uns eine den Roman verkürzende Regie erzählen.

Ingo Schulzes opulenter Wenderoman brachte eine Figur ins Spiel, die das ideologische Fundament der BRD mit derselben schelmischen Affirmation kenntlich machte wie das der untergegangenen DDR: Auch das Wirtschaftssystem des Westens hat nichts Natürliches an sich und folgt ideologischen Vorgaben. Friederike Heller hingegen erzählt nur den DDR-Teil der Geschichte romantreu. Der zweite Teil ihrer Inszenierung ist nichts weiter als eine billige Passionsgeschichte.  

"Peter Holtz – sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" am Dresdener Staatsschauspiel
Bühnenfassung und Regie: Friederike Heller
Nächste Aufführungen am 15.2., 10.3., 15.3.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAngst vor dem Ende des Liberalismus
Die Journalistin Bari Weiss. (Brian Cahn / ZUMA Press / imago images)

Die Journalistin Bari Weiss verließ vor ein paar Monaten die "New York Times", weil ihr der dortige Meinungskorridor zu eng war. Nun schreibt sie in der „Welt“ über die "Gefahr", die von links ausgeht. Immerhin: Gegen Trump ist sie auch.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur