Tennis in der Literatur

    Mikrokosmos des Lebens

    29:51 Minuten
    Ausschnitt eines Tennisspielers mit Schläger und Ball, der vom Sonnenlicht gestriffen wird.
    Die ganze Tragweite der menschlichen Existenz: Tennissport und Literatur haben mehr miteinander gemeinsam, als man meinen würde. © Unsplash / Kirill Zharkiy
    Von Marc Bädorf und Konstantin Schönfelder  · 02.07.2021
    Audio herunterladen
    Von Robert Musil bis David Foster Wallace: Über kaum einen anderen Sport wurde in der Literatur so häufig geschrieben wie über Tennis. Was ist literarisch so faszinierend daran? Ein Streifzug aus Anlass der Wimbledon Championships in London.
    Zwischen Tennis und dem Schreiben gibt es Gemeinsamkeiten, sagt Andrea Petkovic, Tennisspielerin und Schriftstellerin. 2020 hat sie ihren ersten autobiografisch geprägten Erzählband veröffentlicht: "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht".
    "Tennis ist ein Einzelsport. Wir stehen alleine auf dem Platz. Da habe ich mich im Schreiben auch wiedererkannt, dass ich einfach diese komplette Verantwortlichkeit habe – dieser Prozess des Selbst-Entscheidens.
    Andrea Petković
    Andrea Petković: Mit ihrem Erzählband "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht" war sie die erste Tennisspielerin, die sich ihrem Sport auch literarisch widmete.© Nils Heck
    In Deutschland ist Petkovic als Tennisspielerin bekannt geworden. Sie gewinnt die deutschen Meisterschaften in der Halle und auf dem Sand und wird Teil dessen, was die Tenniswelt "Tour" nennt: eine Gruppe hunderter hochbegabter Tennisspielerinnen und -spieler, die um die Welt reisen, um Turniere zu spielen.
    Das hört sich glamourös an, ist es aber oft nicht. Das Leben besteht aus Warten: dem Warten auf Trainingsplätze, auf den Shuttle, der einen zum Platz bringt und wieder zurück, dem Warten auf den Beginn des Matches.
    "Ich bin immer mit einer Extratasche Bücher angereist", erzählt sie. Meist sind es sogenannte Pageturner, Agatha Christie oder Stephen King. Doch einmal habe ihr Vater ihr Dostojewskis "Schuld und Sühne" mitgegeben:
    "Ich weiß noch genau: Ich war in Australien und es war mein erstes großes Match auf großer Bühne. Am Tag vorher hatte ich dann auf einmal wahnsinnige Panik davor, zu versagen. Ich hatte totale Angst, mich zu blamieren und habe dann das Buch aufgeschlagen. Als ich dann gelesen habe, wie schlecht es Raskolnikow in dem Buch geht, ging es mir gleich viel besser, weil es da jemanden gibt, dem es deutlich schlechter geht als mir selbst. Da habe ich meine Liebe zur Literatur entdeckt."
    Tennis, schreibt Petkovic, sei ein Mikrokosmos des Lebens und damit auch der Literatur. Es gehe um Verletzungen, um Niederlagen und Triumphe und den Umgang damit, um die Entwicklung eines Ichs. 

    Das Verhältnis zwischen Sport und Geist

    Petkovic ist die erste Tennisspielerin, die einen literarischen Erzählband zu ihrer Sportart geschrieben hat. Doch die erste, die über Tennis schreibt, ist sie selbstverständlich nicht. Seitdem die ersten Tenniswettkämpfe im englischen Wimbledon am Ende des 19. Jahrhunderts ausgetragen wurden, findet Tennis auch in der Literatur statt.
    Robert Musil steht vor einem Buchregal
    Auch der Schriftsteller Robert Musil befasste sich mit Tennis.© Imago/United Archives
    "Am substanzhaltigsten finde ich Robert Musil", meint Mario Leis, Literaturwissenschaftler an der Universität Bonn: "Es gibt von ihm so einen schönen Text: 'Als Papa Tennis lernte', in dem er auch die Kleidung der Tennis spielenden Damen beschreibt, wie der ganze Körper bedeckt ist und dass man fast überhaupt nichts von der Haut der Frauen sieht. Er diskutiert außerdem das Verhältnis zwischen dem Sport und Geist."
    In Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" finden sich ebenfalls ein paar Seiten über Tennis. Der Hochstapler hat zwar absolut keine Ahnung vom Tennissport. Aber er tut so, als ob er diese Ahnung hätte.
    "Der macht sich an eine Frau ran und will natürlich gut aussehen," sagt Leis. "Aber er sieht furchtbar aus, wie der da spielt. Er hat da eben keine Chance. Man muss schon viele tausend Stunden trainiert haben, um elegant auszusehen. Sonst hat man keine Chance, irgendetwas Schönes hinzubekommen."
    Auch der schwedische Autor Lars Gustafsson schreibt in seiner Erzählung "Die Tennisspieler" über diesen Sport. Leis findet: "Gustafsson kann das Verhältnis der Beziehung zwischen Tennis, Literatur, hochklassiger Literatur und Philosophie fantastisch ausbalancieren."

    Tennis verrät etwas über die Gesellschaft

    In ihrem neuen Roman "Die nicht sterben" erzählt die schweizerisch-rumänische Autorin Dana Grigorcea ebenfalls vom Tennis. Der Sport habe sie seit ihrer Kindheit begleitet: "Ich habe schon als Kind in Bukarest ganz viel Tennis gespielt. An diese Zeit kann ich mich sehr gut erinnern. Diese sonnigen Nachmittage, an denen ich einfach so stundenlang gegen die Wand geschlagen habe. Ich habe geschaut, dass ich immer auf den gleichen Punkt treffe und hatte den Eindruck, jetzt, jetzt passiert gleich etwas."
    Grigorcea interessiert sich für den Tennissport, weil er etwas über die Gesellschaft aussage. So wird er zum Gegenstand ihrer Literatur.

    Eine Welt aus Balljungen, Tennisschuhen und Ritualen

    Wenn es um Tennisliteratur geht, muss es auch um den US-amerikanischen Autor David Foster Wallace (1962-2008) gehen. Bekannt wurde er für sein Riesenwerk "Infinite Jest - Unendlicher Spaß" und seine literarischen Essays über Erotikmessen, Kreuzfahrten, Hummerkochwettbewerbe und vor allem: Tennis. 
    Foster Wallace schreibt über das Geschäft der US-Open, über enttäuschende Biografien von Profis. Einmal schreibt er auch über Michael Joyce, damals Nummer 79 der Weltrangliste. Der Titel, den Foster Wallace seinem Essay gibt, verrät, was ihn literarisch an Tennis interessiert:
    "Die professionelle Kunst des Tennisspielers Michael Joyce als Paradigma für allerlei Kram über Individualität, Freiheit, Grenzen, Freude, Groteskes und menschliche Vollkommenheit."
    David Foster Wallace steht an einer Brüstung an der Meeresküste
    In seinen Texten sezierte David Foster Wallace den Tennissport geradezu.© picture alliance/Effigie/Leemage
    Ulrich Blumenbach, mehrfach ausgezeichneter Foster-Wallace-Übersetzer, sagt: "So, wie er gerne ins Detail geht bei seinen Schilderungen, so geht er auch bei den Reflexionen, in diesem Falle über Tennis, gern ins sehr Grundsätzliche. Das macht all seine Texte aus."
    Foster Wallace' Tennis-Texte sind von außergewöhnlicher Präzision. Er erschafft eine Welt aus Details, aus Balljungen, Werbeanzeigen, Zuschauerkappen, Tennisschuhen, Ritualen.
    "Er schildert eine ganze eigene Welt, einen eigenen Kosmos, wenn er über Tennis schreibt", erzählt Blumenbach weiter.

    Der Ballwechsel als Plot

    Seitenlang beschreibt Foster Wallace Ballwechsel, zum Beispiel von großen Finals. Er dehnt die Zeit, betrachtet die Vorhände und zerlegt sie in seiner Betrachtung in ihre Einzelteile als läge ein Motor vor ihm. Nicht immer stimmt das, was er dann wieder zusammensetzt, mit dem überein, was sich auf den Aufnahmen der Spiele sehen lässt. Wallace, meint Blumenbach, habe ein liberales Verhältnis zur Wahrheit.
    "Wenn er von der Wahrheit abweicht, dann in literarischem Interesse, um den Text schnittiger, dynamischer oder plausibler zu machen, also ein ganz normales bewusstes Lügen, ein Abweichen von der Wahrheit – aber im Sinne dichterischer Freiheit."
    Es ist die Vollendung der Literarisierung des Tennis: Wallace erschafft den Ballwechsel als Plot.

    Der literarische Charakter des Tennis

    Wolfgang Hottner ist Literaturwissenschaftler am Peter Szondi-Institut der Freien Universität Berlin und ein Tennisfan. Er spricht vom dramatischen und literarischen Charakter des Tennis: "Das Abwarten, das Vorbereiten, das Antizipieren."
    Er glaubt, "der Tennisplatz ist der Ort, an dem dieses 'Nicht-Passieren' ausgehandelt wird, das Hin und Her, das Fehler-Machen, das Bereuen dieser Fehler und den Moment verpasst zu haben. Ich glaube, das ist das bestimmende Motiv für die Tennisromane des 20. Jahrhunderts."

    Tennis und Rassismus

    Den Zusammenhang von Tennis mit Klasse, Geschlecht und Rassismus hat niemand so präzise behandelt wie die amerikanische Schriftstellerin Claudia Rankine in ihrem Essay zu Serena Williams, der besten Tennisspielerin aller Zeiten. Rankine richtet Ihren Blick weniger auf das sportliche Duell, sondern mehr auf seine Rahmenbedingungen: die Regeln, das Umfeld, die Berichterstattung. 
    Claudia Rankine spricht auf einem Podium in ein Mikrofon
    Die US-Autorin Claudia Rankine befasste sich mit der Tennisspielerin Serena Williams.© Imago/ZUMA Wire/Patrick Fallon
    Hottner erläutert: "Es gibt in diesem Rankine-Aufsatz einen tollen Satz: 'Serena geht nicht ein into the white light of victory.' Das ist der Grund für Rankines Interesse an Serena: dass ihr diese Widerständigkeit als Aggressivität oder als 'this is a crazy person' ausgelegt wurde."

    Tennis ist wie Schreiben

    Andreas Merkel, Autor des Romans "Mein Leben als Tennisroman", hat selbst viel Tennis gespielt und während des Studiums als Trainer gearbeitet. Er sagt über den Zusammenhang von Tennis und seiner Arbeit als Autor:
    "Du kannst nicht alleine spielen. Du brauchst gewissermaßen einen Gegner und als Autor brauchst Du einen Leser."
    Andreas Merkel sitzt auf einem Sessel ,spricht in ein Mikrofon und hält dabei ein Buch in Händen.
    Der Schriftsteller Andreas Merkel: Ob beim Schreiben oder beim Tennisspielen - ist der Flow einmal dahin, kommt er kaum mehr zurück.© Imago/Pacific Press Agency/Michael Debets
    Und die Parallelen gehen weiter: "Ich glaube, die Gefahr ist ziemlich groß, dass Du beim Schreiben, ähnlich wie beim Tennisspielen, wahnsinnig viel falsch machen kannst, dass der Sound nicht mehr stimmt. Da ist der Flow weg."
    Merkel spricht von der "Aufschlagkrankheit, diese Yips: Wo du einmal etwas falsch machst und nie wieder reinkommst, weil du den Schwung verloren hast. Das ist tragisch." 
    (DW)

    Sprecherinnen und Sprecher: Lisa Hrdina, Timo Weisschnur und Tonio Arango
    Regie: Beatrix Ackers
    Ton: Christoph Richter
    Redaktion: Dorothea Westphal

    Literaturangaben
    • Andrea Petkovic: "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht"
    • Robert Musil: "Als Papa Tennis lernte"
    • Thomas Mann: "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"
    • Heimito von Doderer: "Die Strudelhofstiege"
    • Lars Gustaffson: "Die Tennisspieler"
    • Dana Grigorcea: "Die nicht sterben"
    • David Foster Wallace: "Unendlicher Spaß"
    • David Foster Wallace: "String Theory"
    • David Foster Wallace: "Der Spaß an der Sache. Alle Essays"
    • Giorgio Bassani: "Die Gärten der Finzi-Contini"
    • Claudia Rankine: "Citizen. An American Lyric."
    • Andreas Merkel: "Mein Leben als Tennisroman"
    Mehr zum Thema