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Lesart | Beitrag vom 07.09.2018

Syrische Poesie von Aref Hamza auf DeutschFlucht, Schmerz und Sehnsucht in Versen

Von Sigrid Brinkmann

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Dichter Aref Hamza sitzt vor einem Mikrofon bei einer Lesung im Haus der Poesie in Buchholz im Januar 2017 (imago stock&people/gezett)
"Nicht mehr schreiben zu können, macht mir keine Angst. Nicht mehr lesen zu können, das wäre furchtbar," sagt Aref Hamza. (imago stock&people/gezett)

Wie viele Flüchtlinge würde auch der syrische Lyriker Aref Hamza, wenn es die Verhältnisse zuließen, sofort in seine Heimat zurückkehren. Der in der arabischen Welt bekannte und ausgezeichnete Dichter veröffentlicht nun ein neues Werk auch auf Deutsch.

Zu einem Kurzurlaub in Berlin muss Aref Hamza weder seine Frau noch die Kinder überreden. Auf ausgedehnten Spaziergängen erkundet das Paar mit den acht und elf Jahre alten Söhnen die Stadt und beobachtet zufrieden, wie gierig die Kinder das urbane Leben aufsaugen. Zu unserem Treffen kommt Aref Hamza allein. Gut gelaunt nähert sich der kräftige Mann dem vereinbarten Eckcafé. Aref Hamza ist Poet. Im Deutschen fühlt er sich noch nicht sicher genug, weshalb er es vorzieht, auf Arabisch zu antworten:

"Ich liebe mein Land wirklich und ich kann nicht sagen, warum. Syrien haben wir verlassen, weil unser Leben gefährdet war. Ich habe dort 39 Jahre verbracht und erinnere mich auch an Gutes. Meine Kinder hingegen denken nur an die Bomben, den Stromausfall und daran, dass es für sie keinen Platz zum Spielen gab. Wenn ich sie frage, ob sie eines Tages nach Syrien zurückkehren wollen, antworten sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern: Nein! Das macht mich traurig."

In der Türkei blieb das Fremdheitsgefühl noch aus

Als Aref Hamza am 1. September 2013 mit seiner Familie in die Türkei floh, blieb das Gefühl der Fremdheit aus, denn in Mersin gab es syrische Kurden und Kurdisch ist Hamzas Muttersprache.

"Im Exil fühlte ich mich erst nach meiner Ankunft in Deutschland, weil ich kein Wort verstand und mir jede Ortskenntnis fehlte", erklärt der Autor.

Aref Hamza wurde vom Auffanglager Friedland in das kleine Städtchen Buchholz in der Nordheide geschickt. Ein Jahr später gelang es ihm, die Familie nachzuholen, und Hamza bekam endlich den Kopf frei für Begegnungen mit anderen Autoren und Lesungen vor Publikum. Aref Hamza ist ein Vielleser. Ein Mann mit einnehmend freundlicher Ausstrahlung.

Tägliches Deutsch-Training für Lippen, Ohren und Augen

Eine Buchhandlung bot ihm eine Teilzeitstelle an. Aref Hamza:

"Ich habe einen guten Draht zu meinen Kollegen und Kunden. Lippen, Ohren und Augen müssen jeden Tag trainiert werden, damit sie verstehen, wie die deutsche Sprache funktioniert und wie sich soziale Codes stimmlich ausdrücken. Mein Deutsch reicht noch nicht, um die Fülle aktueller Bücher zu überblicken. Also empfehle ich meist klassische Literatur, aber ich bin wirklich stolz, dass ich letzten Oktober einer Kundin geraten habe, Kazuo Ishiguro zu lesen. Und zehn Tage später bekam er den Literaturnobelpreis, und sie war so glücklich, Ishiguro bereits zu kennen."

Buchholz, hatte man Aref Hamza im Auffanglager gesagt, sei ein kleines Paradies. Er muss lachen und rückt die Brille zurecht. Die Leute dort seien wirklich sehr nett und Nachbarn sind inzwischen gute Freunde geworden, aber die gesichtslose Architektur des Ortes verstärkt die gezähmte Sehnsucht nach seinem Geburtsort. Aref Hamza:

Per Google Earth in visueller Verbindung mit der Heimat

"In Al-Hasaka lebten Muslime, Jesiden, Armenier und Christen miteinander. Ich vermisse die einfachen Menschen, die Händler und Handwerker und ihre Art, über Dinge zu sprechen. Selbst den Staub vermisse ich. Manchmal schaue ich mir auf Google Earth die Stelle an, wo mein Haus stand. Es wurde bei Kämpfen komplett zerstört. Man sieht nur noch ein großes Loch, aber diese Grube hat eine enorme Bedeutung für mich. Mein Haus existiert weiter, wenn auch nur als Erdloch."

In seinem Gedichtband "Du bist nicht allein" beschreibt Aref Hamza, wie er mithilfe des Satelliten seine Mutter jeden Donnerstag auf ihrem Weg zum Friedhof von Al-Hasaka begleitet. Die Poeme haben knappe, einprägsame Titel: "Halber Mond", "Äxte", "Grelle Straßenbeleuchtung" oder "Ein Muttermal zwischen den Augen". Die Augen: In Hamzas Versen sind sie wund geweint, ausgeschlagen und zerflossen, sie rollen dahin auf sandigen Wegen. Aref Hamza:

"Blindsein ist schlimmer als der Tod, denn die Erblindung ist wie ein anhaltendes Sterben. Nicht mehr schreiben zu können, macht mir keine Angst. Nicht mehr lesen zu können, das wäre furchtbar."

Verbotenes Buch über Folter in syrischen Gefängnisse

2006 verlor Aref Hamza vorübergehend das Sehvermögen. Drei Monate, bis zur Augenoperation, tappte er im Dunkeln und arbeitete dennoch an einem Buch, das bis heute verboten ist, denn es handelt von der Folter in syrischen Gefängnissen. Über seine Tätigkeit als Menschenrechtsanwalt spricht er wenig:

"In dem 2006 erschienenen Langgedicht 'Der abgehackte Fuß' sah ich den Tag kommen, an dem Menschen alles verkaufen werden, um an den Grenzen oder auf offenem Meer umzukommen und dass sie, mit ein wenig Glück in Wäldern sterben."

Buchveröffentlichung als Häutung

Im Brustton der Überzeugung erklärt er, er sei ein fauler Autor. Was für ein Glück also, dass Aref Hamza als Poet die Worte abwägen muss und manchmal vier Zeilen reichen, um eine Wahrnehmung auf ergreifende Weise zu verdichten. Aref Hamza:

"In mir sind immer Gegensätze am Wirken. Bewege ich mich völlig frei, schreibe ich über das Gefangensein, feiere ich mit Freunden, kommt mir der Mangel in den Sinn. Mit jeder Buchveröffentlichung häute ich mich. Es ist so als würde ich jedes Mal aus zwei, drei Persönlichkeitsprofilen herauswachsen. Fragt sich nur, was für eine Persönlichkeit am Ende übrig bleibt? Ich fürchte fast, es wird kein Schriftsteller sein."

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