Dienstag, 27.10.2020
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.09.2017

Sy Montgomery: "Rendezvous mit einem Oktopus"Wie der Kuss eines Unbekannten

Von Volkart Wildermuth

Podcast abonnieren
Buchcover: "Rendezvous mit einem Oktopus" (Verlag mare/picture alliance/dpa/Foto: Fleetham)
Buchcover: "Rendezvous mit einem Oktopus" und Unterwasser-Aufnahme eines Riffkraken (Verlag mare/picture alliance/dpa/Foto: Fleetham)

Kraken lösen Rätsel und spritzen Menschen nass, die sie nicht leiden können: In "Rendezvous mit einem Oktopus" von Sy Montgomery und "Other Minds" von Peter Godfrey-Smith lernen wir die Meerestiere viel besser kennen – und auch uns selbst.

Zwei Bücher, ein Thema: Kraken! Während Sy Montgomery von ihrem "Rendezvous mit einem Oktopus" berichtet, denkt sich Peter Godfrey-Smith in "Other Minds" hinein. Und obwohl sich beide diesem ungewöhnlichen Meerestier unterschiedlich nähern, die amerikanische Sachbuchautorin beschreibt das Tier sehr persönlich und der australische Philosoph nutzt es, um an ihm die Evolution von Intelligenz verstehen zu lernen, bleibt beiden der Kopffüßer Alien-artig fremd.

Kraken haben nicht nur einen Verstand. Jeder ihrer acht Arme ist teil-autonom, entscheidet selbst, wohin er sich ringelt und was er untersucht. Auch die Saugnäpfe können nicht nur kräftig zupacken, sie schmecken auch, was sie greifen. Und die Haut der Tiere kann Farbe und Struktur dem Untergrund wie auch der eigenen Gefühlslage anpassen. Vielleicht sprechen Kopffüßer nicht in Tönen, sondern in Mustern.

Genügsame Wesen, die sich nur zur Paarung treffen

Und sie sind das Gegenteil sozialer Wesen, leben selbstgenügsam und treffen sich nur zur Paarung. Die Theorie vieler Forscher, dass gerade das Sozialleben Motor von Intelligenz sei, widerlegen Kraken grundlegend: Intelligent sind sie zweifellos. Sie lösen Rätsel, entkommen fast jedem Aquarium und spritzen gezielt Menschen nass, die sie nicht leiden können.

Buchcover: "Other Minds" (picture alliance/dpa/Foto: Roland Weihrauch)Buchcover: "Other Minds" und Der junge Krake Paul II. im Sealife-Aquarium in Oberhausen. (picture alliance/dpa/Foto: Roland Weihrauch)
Am Bostoner Aquarium lernt Sy Montgomery einen Pazifischen Riesenkraken kennen. Kaum hat sie ihre Hände ins Wasser getaucht, da umfasst Athena sie mit mehreren Armen und unzähligen Saugnäpfen: "Es fühlt sich an wie der Kuss eines Unbekannten." Von Anfang an spürt die Amerikanerin eine enge Bindung zu diesem Tier, sie wird freiwillige Helferin im Aquarium, lernt tauchen, um die schwerelose Welt der Kraken aus erster Hand zu erleben, reist auf Expeditionen und spricht mit Forschern. "Rendezvous mit einem Oktopus" liest sich wie ein Reisebericht in ein exotisches Land – getragen von den Gefühlen der Autorin; ihre Freude, wenn Athena sie wiedererkennt, ihre Trauer, als das Tier stirbt und ihr Glücksgefühl, als sie weiteren Kraken begegnet – jedes mit eigener Persönlichkeit. 

Ein zentrales Gehirn und Arme, die improvisieren

Peter Godfrey-Smith nähert sich dem Tier objektiver und ist überzeugt: Bei Kraken war entscheidend, dass sie die sicheren Schalen ihrer Vorfahren hinter sich ließen. Allein für die Koordination ihres weichen, vielgliedrigen Körpers mussten sie eine komplexe Nervenarchitektur entwickeln. Es gibt zwar ein zentrales Gehirn, aber die Arme vergleicht Godfrey Smith mit Jazz-Musikern, die auf den Dirigenten achten, aber vor allem improvisieren.

Das klingt nach sehr fremden Wesen, andererseits aber haben Kraken ähnliche Gedächtnisstrukturen wie Menschen. "Kopffüßler und kluge Säugetieren sind unabhängige Experimente in der Evolution des Geistes", lautet Godfrey-Smith Fazit. Wer sich auf Kraken einlässt, kann deshalb auch viel über den eigenen Verstand, das eigene Bewusstsein lernen, so der Philosoph, dessen Buch bisher nur auf Englisch erschienen ist. In diesem Punkt sind sich Sy Montgomerey und Peter Godfrey-Smith dann sehr einig. So wie man sich darüber einig sein kann, dass beide Bücher echte Sterne am Sachbuchhimmel sind. Klug, pointiert und überaus bereichernd. 

Sy Montgomery: "Rendezvous mit einem Oktopus. Extrem schlau und unglaublich empfindsam: Das erstaunliche Seelenleben der Kranken"
Übersetzung Heide Sommer
mare/Hamburg 2017
336 Seiten, 28,00 Euro

Peter Godfrey-Smith: "Other Minds. The Octopus and the Evolution of Intelligent Life"
William Collins/London 2016
272 Seiten, ca. 15,00 Euro

Mehr zum Thema

Neues aus der Meeresforschung - Faszinierende Unterwasserwelt
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 10.08.2017)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur