Emily Anthes: „Drinnen“

Der Mensch als Indoor-Spezies

06:20 Minuten
Cover des Buches "Drinnen" von Emily Anthes
© HarperCollins

Emily Anthes

Übersetzt von Johanna Wais

DrinnenHarperCollins, Hamburg 2021

320 Seiten

20 Euro

Von Susanne Billig · 07.12.2021
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Menschen in den USA und Europa verbringen inzwischen 90 Prozent ihrer Zeit in geschlossenen Räumen. Was die Gestaltung dieser Räume mit Menschen macht, zeigt Emily Anthes am Beispiel von Mietskasernen, Krankenhäusern und Großraumbüros.
Großraumbüros sind eine Zumutung für die Belegschaft – und erweisen dem Arbeitgeber einen Bärendienst: Ohne ein Minimum an Privatsphäre ziehen sich die meisten Menschen instinktiv in einen Kokon zurück, setzen Kopfhörer auf und interagieren nicht mehr miteinander. Fatal, wenn Unternehmen auf  kooperative Binnenstrukturen und den lebendigen Austausch von Ideen angewiesen sind.

 Menschen sind fast nur noch in geschlossenen Räumen

Der moderne Mensch ist zur Indoor-Spezies geworden, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Emily Anthes in ihrem Buch „Drinnen“. Kurzweilig und informativ fächert sie darin auf, was es an Interessantem über das Leben in Innenräumen zu erzählen gibt, schließlich verbringen Menschen in den USA und Europa inzwischen 90 Prozent ihrer Zeit in geschlossenen Räumen. 

Gefangene leiden in Edelstahl-Boxen

Abwechslungsreich nähert sich die Autorin den heimischen Wohnräumen ebenso wie den Großraumbüros oder dem Inneren von Krankenhäusern. Sie kraxelt durch Mietskasernen, beschreibt neue Architekturen für hochsensible, autistische, alte oder vergessliche Menschen, befasst sich mit Bauweisen, die Gebäude besser ausstatten gegen Klimawandel und katastrophische Wetterereignisse und schreibt in einem beklemmenden Kapitel auch über das Innere von Gefängnissen.
Insbesondere in den USA werden Häftlinge häufig wie Tiere in isolierten Edelstahl-Boxen gehalten. Die Zellen lassen sich mit dem Wasserschlauch abspritzen und so problemlos sauber halten. Doch die Verurteilten treibt die reizarme Umgebung buchstäblich in den Wahnsinn.

Optimierte Operationssäle

Ganz gleich, welchen Aspekt sich die Autorin vornimmt, als versierte Journalistin geht sie an die Orte des Geschehens. In einem Kapitel, das vor dem Hintergrund der Coronakrise besonders aktuell wirkt, begleitet sie eine Designexpertin von der Clemson Universität dabei, wie sie Krankenhäusern auf wissenschaftlicher Grundlage hilft, Operationssäle umzugestalten.
Denn die meisten heutigen OP-Säle, so erklärt die Autorin, sind nicht nur laut und übervoll an Maschinen und Personal. Die Arbeit steht auch unter extremem Zeitdruck und umfasst gleichzeitig eine riesige Menge an Aufgaben. Das macht es für das Operationsteam stressig und für Patientinnen und Patienten sehr gefährlich, weil Komplikationen lauern, die eigentlich vermeidbar wären.

Flucht auf den Mars?

Wie viel leichter und sicherer könnte die Arbeit im OP werden, wenn niemand mehr Umwege laufen und andere bei der Arbeit unterbrechen müsste, um einen Blick auf Instrumente zu erhaschen? Wenn wichtige Gerätschaften sich einfach genau da befänden, wo die Hände der operierenden Ärztin oder des Technikers sie instinktiv suchen?
Wie sich Krankenhauspersonal und Designerin gemeinsam zu einer optimierten Architektur vorarbeiten, gehört sicher zu den Höhepunkten dieses Buches – das man nicht aus der Hand legen möchte, bevor auch die letzte Seite verschlungen ist.

 Am Schluss geht es dann um Indoor-Ideen für das Leben auf fernen Planeten. Doch Emily Anthes lässt keinen Zweifel daran: Wünschenswerter wäre es, diesen Planeten so zu erhalten, dass niemand die Flucht auf den Mars antreten muss, weil es auch hier lebenswert bleibt – drinnen und draußen.
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