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Lesart | Beitrag vom 05.11.2019

Suhrkamps "Clarification"Klarheit im Fall Handke?

Wiebke Porombka im Gespräch mit Joachim Scholl

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Peter Handke sitzt auf einem roten Sofa, hinter ihm steht eine Tischlampe. (picture alliance/dpa/APA/picturedesk.com)
Geehrt wie umstritten: Autor Peter Handke. (picture alliance/dpa/APA/picturedesk.com)

Nach der internationalen Kritik an der Nobelpreisvergabe für Peter Handke hat sich der Suhrkamp-Verlag mit einer Klarstellung an die schwedischen Medien gewandt. Darin sollen falsche Behauptungen richtiggestellt werden. Doch das überzeugt nicht.

Die Kritik an Peter Handke als Literaturnobelpreisträger geht weiter, auch international. Ihm wird vorgeworfen, den Genozid in den Jugoslawienkriegen geleugnet zu haben, eine serbische Position ergriffen und die Opfer nicht ernst genommen oder gar verhöhnt zu haben.

Der Suhrkamp-Verlag hat jetzt eine "Clarification", ein 25-seitiges Papier auf Englisch verfasst, in dem er die Vorwürfe gegen den Autor richtigstellen will. Aufgelistet sind die Hauptvorwürfe gegen Handke, ergänzt werden sie durch Erklärungen und Handke-Zitate aus Interviews oder aus seinen Büchern, die die Vorwürfe entkräften sollen. 

Kein Anspruch auf Vollständigkeit

"Das ganze nennt sich 'Work in progress', also stellt die eigene Unvollständigkeit schon mit dar", sagt die Lesart-Redakteurin Wiebke Porombka. "Zugleich ist es auch auf bestürzende Weise unbedarft oder vertraut auf unsere Unbedarftheit, denn natürlich kann man nicht durch ein Zitat kontextlos etwas beweisen oder widerlegen, was an anderer Stelle ganz anders stehen kann."

Offiziell veröffentlicht ist das Suhrkamp-Papier nicht. Offenbar hat es der Verlag nur an schwedische Medien adressiert. Auch dort ist eine Diskussion um die Nobelpreis-Entscheidung entstanden. Die Schwedische Akademie rechtfertigte sich damit, dass ihr bestimmte Handke-Schriften nicht vorgelegen hätten. 

"Jetzt könnte man sagen: Das ist jetzt eine Materialdarreichung, mit dem Ziel, ein paar Wissenslücken zu schließen", sagt Porombka. "Aber ich glaube, man sieht an der Ausrichtung des Papiers natürlich ganz klar, dass es keine objektive Analyse ist oder ein Reader, sondern dass es einer klaren Absicht folgt."

Verkaufsinteresse statt Verantwortung

Die Journalistin weist darauf hin, dass das Dokument Lücken aufweise. So tauche das Handke-Zitat aus den "Ketzerbriefen" über die "Mütter von Srebrenica" ("Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab") darin nicht auf. Außerdem werde mit diesem Text das Argument der Verteidiger entkräftet, Handke sei kein politischer Autor.

Porombka stellt fest, dass die Neuausgabe der Jugoslawien-Texte ohne editorische Notiz, ein Nachwort oder eine Kontextualisierung erschienen sei:

"Ich würde gerne in diesem Punkt die Frage nach der Verantwortung von Verlagen ins Spiel bringen. Nicht nur, was die Äußerungen eines ihrer wichtigsten Autoren betrifft, sondern auch die Frage, wie geht man verantwortungsvoll publizistisch damit um. Diese Verantwortung scheint bei Suhrkamp im Moment keine Rolle zu spielen."

(leg)

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