Strukturelle Diskriminierung

    Wie Rassismus und Klassismus zusammenhängen

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    Illustration dreier Mädchen, die von einem Dach aus über die Stadt blicken und eine Faust in die Höhe recken.
    Struktureller Rassismus oder soziale Deklassierung - welche Mechanismen schließen Menschen von Bildung und Wohlstand aus? © imago / fStop Images
    Philipp Hübl und Daniel James im Gespräch mit Simone Miller · 04.04.2021
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    Der Begriff „struktureller Rassismus“ sei diffus und lenke von den Ursachen für Diskriminierung ab, kritisiert der Philosoph Philipp Hübl. Sein Kollege Daniel James verteidigt den Begriff: Er mache manche Formen von Ungerechtigkeit erst sichtbar.
    Es klingt paradox: Obwohl rassistische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung in den letzten Jahren zurückgingen, spitze sich das Problem Rassismus in den Augen vieler Menschen zu, sagt der Philosoph Philipp Hübl. Aus dieser Beobachtung leitet er eine grundsätzliche Kritik am Konzept des "strukturellen Rassismus" ab. Diese Verwendung des Begriffs dehne seine Bedeutung so sehr aus, dass er "diffus" und "unbrauchbar" werde, erklärte Hübl in einem Kommentar auf Deutschlandfunk Kultur.

    Ungleiche Verteilung öffentlicher Güter

    Daniel James, ebenfalls Philosoph, hält das Konzept des strukturellen Rassismus dagegen für unverzichtbar: Bestimmte Formen der Benachteiligung einzelner Bevölkerungsgruppen könnten nur mit seiner Hilfe erkannt und analysiert werden, so James. In seiner Entgegnung auf Hübls Kommentar nannte er als Beispiel dafür die ungleiche Verteilung öffentlicher Güter. So hätten schwarze Bürgerinnen und Bürger in den USA häufig einen schlechteren Zugang zu Bildung, Wohnraum und einem gesunden Lebensumfeld als weiße Amerikanerinnen und Amerikaner.
    Auch mit Blick auf die Verhältnisse in Deutschland seien Unterschiede im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit der Betroffenen zu beobachten, sagt James. So hätten Untersuchungen ergeben, dass ein "leistungsfremder sozialer Filter" Postmigrantinnen und -migranten den Zugang zu Bildung erschwere: Man habe festgestellt, dass sie höhere Leistungen erbringen müssten als Schülerinnen und Schüler ohne Migrationsgeschichte, um an weiterführenden Schulen akzeptiert zu werden.

    Bewusste und unbewusste Vorurteile

    In diesem Fall erscheine es ihm allerdings fraglich, ob der Begriff "struktureller Rassismus" wirklich hilfreich sei, um die Ursachen der Ungleichbehandlung aufzuklären, sagt Hübl. Seiner Ansicht nach gibt es drei Begriffe von Rassismus, die klar definiert und empirisch überprüfbar seien: Von Rassismus könne die Rede sein, wenn Menschen entweder bewusst oder unbewusst von einer abwertenden Einstellung in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit geleitet seien und andere deshalb ungleich behandelten.
    Philipp Hübl, Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart (9.5.2015).
    "Mehr Ursachenforschung": Philipp Hübl, Publizist und Philosoph© Philipp Hübl
    Dies liege vermutlich auch der unterschiedlichen Bewertung schulischer Leistungen zugrunde, so Hübl: "Es waren am Ende Lehrer und Lehrerinnen, die diese Zeugnisse geschrieben haben und dadurch den Schülerinnen und Schülern auch bestimmte Lebenswege verweigert haben."
    Eine dritte Form von Rassismus sei der "institutionelle Rassismus", erklärt Hübl. Er zeige sich in der Ungleichbehandlung aufgrund staatlicher Gesetze oder Praktiken, ohne dass die daran Beteiligten unbedingt rassistische Einstellungen haben müssten – etwa, wenn die Polizei "Racial Profiling" betreibe und Personen nicht wegen konkreter Verdachtsmomente kontrolliere, sondern allein aufgrund ihres Erscheinungsbildes.

    Eine Frage informeller Praktiken

    James hält dem entgegen, dass Rassismus auch durch informelle soziale Praktiken hervorgebracht und stabilisiert werde, die durch diese drei Definitionen nicht abgedeckt seien. So könne die Benachteiligung von Menschen aufgrund ethnischer Zugehörigkeit auch im Ethos oder der Kultur einer Behörde begründet liegen. Es handele sich um Grundhaltungen, die weder in Gesetzen oder Regeln festgeschrieben seien, noch allein rassistische Einstellungen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voraussetzten. Sie könnten aber das Handeln einer Institution trotzdem für lange Zeit prägen. Gerade gegen solche Formen der Diskriminierung engagierten sich soziale Bewegungen wie etwa die Kampagne #MeTwo, sagt James.
    Porträt von Daniel James.
    "Nüchtern diskutieren": Daniel James, Philosoph und Autor© Kirill Semkow
    James möchte strukturellen Rassismus "als eine Spielart ungerechter sozialer Schichtung" verstanden wissen. Ihre Folgen hätten sich zuletzt etwa auch in Großbritannien an den Auswirkungen der Coronapandemie auf ethnische Minderheiten gezeigt: Diese Bevölkerungsgruppe sei von der Ausbreitung des Virus ungleich härter getroffen worden, wie eine Untersuchung im Auftrag der Labour-Partei ergeben habe, sagt James.
    Dabei sei allerdings auch das Phänomen des "Klassismus" mit zu bedenken, wirft Hübl ein. Die Faktoren, welche die Wucht der Pandemie verstärken – Berufe mit hohem Ansteckungsrisiko, eine schlechte Gesundheitsversorgung, Wohnverhältnisse mit großer Bevölkerungsdichte und schlechter Luftqualität – seien auf sozioökonomische Umstände zurückzuführen, die auch Personen ohne Migrationsgeschichte beträfen. Allerdings seien Menschen mit Migrationsgeschichte in der betroffenen Gruppe statistisch besonders stark vertreten.

    Zusammenwirken von Rassismus und Klassismus

    Wie Klassismus und Rassismus bei der Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen ineinandergreifen, das sollte unbedingt genauer untersucht werden, in diesem Punkt stimmen Hübl und James überein. "Beides hängt offensichtlich sehr eng miteinander zusammen", sagt James. Gerade in Deutschland fehlten derzeit noch demographische Daten, um diesen Zusammenhang besser zu verstehen.
    Beide Autoren plädieren für eine differenziertere und weniger aufgeregte Diskussion über Rassismus und die Strategien, mit denen er effektiv bekämpft werden kann. Wenn danach gefragt werde, inwiefern Institutionen und soziale Praktiken rassistisch sein können, fühlten sich viele Menschen sofort persönlich angegriffen, sagt James. Dabei sollte es doch eigentlich darum gehen, solche Fragen "einigermaßen nüchtern" zu diskutieren, um besser zu verstehen, "was eigentlich ganz genau schiefläuft in diesen Fällen."
    Auch Hübl beobachtet, "dass die moralischen Vorwürfe stärker geworden sind". Vor allem in den sozialen Medien führe das manchmal dazu, dass "für sehr kleine Normverletzungen eine extrem starke Resonanz entsteht, so dass man teilweise große Ungerechtigkeiten, auf die man sich eigentlich stürzen sollte, eher aus dem Blick verliert." Hübls Plädoyer lautet daher: "Wenn wir in der Rede und in der Begrifflichkeit mehr differenzieren und uns mehr die Ursachenforschung anschauen, dann haben wir auch die Möglichkeit, viel bessere politische Maßnahmen zu ergreifen."
    (fka)
    Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

    Philosophie des guten Lebens: Warum wir das Unglück brauchen
    Am Ostersonntag beginnt im Christentum die Zeit der Freude, obwohl Jesus nur zwei Tage zuvor gekreuzigt wurde. Ganz schön schnell. Arnd Pollmann geht der Frage nach, was dieser Gefühlsumschlag über den Zusammenhang von Freud und Leid verrät.

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