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Tonart | Beitrag vom 23.10.2019

Streitfall "Conceptronica"Elektromusik auf dem Weg ins Museum

Simon Reynolds im Gespräch mit Andreas Müller

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Das Foto zeigt die Musikerin Holly Herndon bei einem Konzert im März 2018 in Berlin. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)
Holly Herndon bei einem Konzert im März 2018 in Berlin: Konzept statt Ekstase. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)

Der einflussreiche Poptheoretiker Simon Reynolds sieht es kritisch, dass elektronische Musik zunehmend die Clubs verlässt, sich neue Räume sucht und Kunst sein will. Ein entsprechender Aufsatz wurde viel beachtet und kritisiert. Wir haben nachgefragt.

Andreas Müller: Simon Reynolds, bei dem, was Sie als "Conceptronica" bezeichnen, handelt es sich nicht unbedingt um ein Genre. Vielmehr geht es Ihnen um elektronische Musik, die weniger mit ihrem ureigenen Raum zu tun hat, also dem Club, als mit einem Museum. Das müssen Sie uns mal anhand eines Beispiels erklären.

Simon Reynolds: In den Zehnerjahren wurde viel Musik produziert, die von erklärenden Texten begleitet wurde. Oft war beziehungsweise ist sie stark politisch aufgeladen. Die Konzepte, die dieser Musik zugrunde liegen, sind integral für das Verstehen dieser Werke. Da gibt es keinen Raum für die Fantasie des Hörers, keinen Interpretationsspielraum.

Die Leute, die diese Musik produzieren, haben oft einen akademischen Hintergrund, oder sie kommen aus den bildenden Künsten. Oneohtrix Point Never ist einer, den ich dazu zählen würde, Holly Herndon eine andere. Dann gibt es noch die Gruppe Amnesia Scanner, die in Berlin ansässig ist.

Hinter der Arbeit all dieser Künstler steckt viel Theorie. Ihre Musik wird oft in Kontexten präsentiert, die eher etwas von einer Ausstellung oder einem Kunstfestival haben, weniger von einem Club. Es geht dabei also nicht in erster Linie ums Tanzen, denke ich. Worum es geht, ist, die Idee hinter dem Stück zu verstehen.

Kunst-Techno ist weit weg von der Rave-Kultur

Müller: Aber was stört Sie daran? Sie kritisieren den theoretischen Überbau avantgardistischer elektronischer Musik. Das ist schon interessant. Denn Sie selbst haben sich ja nicht zuletzt mit dem Buch "Retromania" einen Namen als Poptheoretiker gemacht. Wo genau ist nun also das Problem, wenn elektronische Musik auch konzeptionelle Kunst sein möchte?

Reynolds: Ich glaube nicht, dass das problematisch ist. Aber es ist ein Phänomen, das man sich anschauen sollte. Ich will diese Entwicklung gar nicht verurteilen. Ich möchte nur die Besonderheiten aufzeigen.

Conceptronica ist auch insofern neuartig, als sie keine Massenkultur darstellt, aber auch kein Underground-Phänomen ist. Dafür hat Conceptronica eine besondere Nähe zu Kunst-Institutionen.

Das unterscheidet sie sehr stark von der Rave-Kultur. Das war anfangs eine klare Underground-Angelegenheit. Die Musik, die ich als Conceptronica bezeichne, spielt oft auf Festivals eine Rolle, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, etwa von der EU.

Ich nenne das offizielle Kultur. Und das macht einen großen Unterschied. In der Musik geht es nicht mehr um Hedonismus, es handelt sich viel mehr um … ich will nicht sagen: um einen Vortrag. Aber es hat schon etwas davon. Die Politik der Rave-Kultur lag irgendwo zwischen den Zeilen. Jetzt werden politische Positionen ganz klar artikuliert. Das führt zu einer anderen Atmosphäre.

"Mir persönlich war immer die Ekstase wichtig"

Müller: Ihr Artikel über Conceptronica wurde viel gelesen – und viel kritisiert. Auch in Deutschland. Da wird Ihnen zum Beispiel auf "Zeit Online" vorgeworfen, dass Sie Ihre eigene Sprechposition als Baby Boomer nicht ausreichend hinterfragen. Denn die Musikerinnen und Musiker, um die es Ihnen gehe, würden aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts immer wieder marginalisiert oder exotisiert. Gerade in der Abwendung von der Tanzfläche und in der Hinwendung zu eigenen Welten läge bei Ihnen ein Akt der Befreiung. Eine Befreiung, für die Ihnen vielleicht das Verständnis fehlt, Simon Reynolds?

Reynolds: Das kann schon sein. Meine eigene Perspektive führt natürlich zu einer gewissen Voreingenommenheit. Vielleicht wollen die Besucher, die zu solchen Elektroveranstaltungen mit Kunstcharakter gehen, gar nicht tanzen. Vielleicht geht es ihnen eher darum, etwas dazuzulernen.

Mir persönlich war immer die Ekstase der Tanzmusik wichtig, die nonverbale Erfahrung von Musik. In den Tracks selbst gab es ja auch kaum gesungenen Text. Das, was zu hören war, war in der Regel ziemlich einfach: "House Is A Feeling" zum Beispiel. Das war vage, aber kraftvoll.

Wenn Musik aber so eng verknüpft ist mit sehr präzisen Erklärungen und Texten, dann wird der Musik etwas genommen. Der Text steht auf einmal über der Musik, er bestimmt das Potenzial der Musik. Das ist meine Meinung. Aber meinen Text als solchen finde ich durchaus ausgewogen. Ich habe ja auch mit vielen Künstlern gesprochen, die genau diese Musik machen, Holly Herndon etwa. Die haben schon gute Ideen und gute Gründe, warum sie das machen, was sie tun.

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