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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.07.2015

Streit um Breivik-AusstellungMahnmal oder "Kultstätte für Rechtsextreme"?

Von Carsten Schmiester

Die Ausstellung zeigt unter anderem die Überreste des Autos, in dem Breivik die Bombe versteckt hatte, die am 22. Juli 2011 acht Menschen in Oslos Regierungsviertel tötete. (dpa/ epa/Fredril Varfjell)
Die Überreste des zerstörten Autos sind in der Ausstellung in Oslo zu sehen. (dpa/ epa/Fredril Varfjell)

Eine Heldenstätte für Anders Breivik? Die Norweger streiten derzeit über eine Ausstellung zu den Anschlägen in Oslo und Utøya am vierten Jahrestag des Schreckens. Ein Anwalt der Hinterbliebenen twitterte: Nein Danke!

Gezeigt werden unter anderem die Überreste des Autos, in dem Breivik die Bombe versteckt hatte, die vor vier Jahren acht Menschen in Oslos Regierungsviertel tötete, dazu Teile seiner Bekleidung und Teile der Ausrüstung, die der Attentäter bei sich hatte, als er später auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer des Sommercamps der Arbeiterjugend brutal erschoss, auch sein gefälschter Polizeiausweis.

Für viele Norweger ist das zuviel. Sie sehen die auf fünf Jahre angelegte Ausstellung als "Ehrung" eines Verbrechers, den man lieber vergessen sollte, fürchten eine "Kultstätte" für Rechtsextremisten. Während Befürworter die Ausstellung als Mittel zur offenen Auseinandersetzung mit der schmerzhaften Geschichte verteidigen.

Die Ausstellung im neuen Informationszentrum wird am Vormittag eröffnet, mittags wird in einem Gottesdienst im Osloer Dom aller 77 Opfer gedacht, bevor es am Nachmittag eine weitere Gedenkfeier auf der Insel Utøya gibt mit Einweihung des Mahnmales. Es ist ein zwischen Bäumen aufgehängter Ring aus Stahl, eine halbe Tonne schwer, mit den eingravierten Namen der Ermordeten. Anfang August dann ein weiterer Schritt in Richtung Vergangenheitsbewältigung: Zum ersten Mal seit den Attentaten gibt es auf Utøya wieder ein Sommercamp der Arbeiterjugend.

Premierminister Solberg legt einen Kranz für die Terroropfer nieder. (dpa/picture-alliance/Heiko Junge)Premierminister Solberg legt einen Kranz für die Terroropfer nieder. (dpa/picture-alliance/Heiko Junge)


Das vollständige Manuskript zum Beitrag:

Tor Östbö hat vor vier Jahren seine Frau verloren. Mit sieben anderen Menschen kam sie ums Leben, als Anders Breiviks Autobombe im Regierungsviertel von Oslo explodierte. Und jetzt sollen sich die Leute das anschauen, was von dem Auto übriggeblieben ist? Und Teile der Bekleidung, die Breivik trug, als er später auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer des Sommercamps der Arbeiterjugend brutal erschoss, seinen gefälschten Polizeiausweis? Nein, Tor Östbö hält nichts von der Idee, am vierten Jahrestag des Schreckens, diese Ausstellung zu eröffnen:

"Ich habe die Ausstellung natürlich noch nicht gesehen. Aber ich habe schon das Gefühl, dass Breivik damit seine eigene Heldenstätte bekommt, so eine Art 'Hall Of Fame'. Dabei wünschen sich die meisten, die wie ich vor vier Jahren Angehörige verloren haben, dass er in Vergessenheit gerät."

"Informationszentrum" zur aktiven Vergangenheitsbewältigung

Genau das darf in den Augen der Ausstellungsbefürworter aber nicht passieren. Nicht vergessen, daraus lernen – das ist für sie die Alternative und der Zweck des "Informationszentrums", das fünf Jahre lang schmerzhafte, aber eben aktive Vergangenheitsbewältigung möglich machen soll, sagt Tor Einar Fagerland:

"Es war das grausamste Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg. Das darf man nicht vergessen und auch nicht verschweigen."

So wie die Tat das damals vollkommen schockierte Land geeint hatte, ist es jetzt gespalten, was das Informationszentrum und die dort gezeigten Exponate angeht. Am deutlichsten dagegen sind die meisten Hinterbliebenen der Opfer, für die einer der Anwälte kurz und knapp "Nein Danke" twitterte und die Frage stellte, was die Amerikaner wohl gesagt hätten, hätte jemand persönliche Gegenstände Osama bin Ladens in der Gedenkstätte der Anschläge des 11. Septembers 2001 in New York zeigen wollen. Undenkbar gewesen, meinte er.

Befürchtung: "Kultstätte" für Rechtsextreme

Und nicht nur die norwegischen Grünen fürchten, dass die Osloer Ausstellung zur "Kultstätte" für Rechtsextreme werden könnte. Es ist wirklich schwer, außerhalb "offizieller" Kreise Befürworter zu finden. Für die ist diese Ausstellung der einzige Weg, vor allem jungen Leuten die schrecklichen Folgen des Terrors zu zeigen. Wissen als wirksamste Waffe gegen Hass, argumentiert die – ultrakonservative – Regierung. Aber auf der Straße hört sich das anders an:

"Dieser Breivik? Ich finde nicht, dass sie das tun sollten, er sollte nicht so geehrt werden."

Und selbst diese Frau ist sich nicht sicher, bei allem Verständnis für das Bedürfnis nach offener Auseinandersetzung mit der Vergangenheit:

"Ich bin unglaublich gespalten. Einerseits ist das gut für die jungen Leute, auch dass man diese Dinge zeigt. Ja, es kann sehr lehrreich sein, sich an die Geschehnisse von vor vier Jahren zu erinnern. Aber dann gibt es so viele Verbrechen, deren Spuren man vernichtet hat, als eine Art 'Reinigung'. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll."

Gedenkstätte auf der Insel Utøya

Weit weniger umstritten ist die Gedenkstätte auf der Insel Utøya. Es ist ein zwischen Bäumen aufgehängter Ring aus Stahl, eine halbe Tonne schwer, mit den eingravierten Namen der Ermordeten. 

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