Stolpersteine für NS-Sympathisanten

Das Auswärtige Amt braucht Nachhilfe

09:00 Minuten
Die 56 Stolpersteine mit den Namen deutscher Diplomaten, die in der Berliner Wilhelmstrasse, wo das ehemalige Auswärtige Amt stand, verlegt worden sind.
Am 7. November verlegte der Künstler Gunter Demnig auf Initiative einer Beschäftigtengruppe des Auswärtigen Amts 56 Stolpersteine am früheren Sitz des Auswärtigen Amts in der Berliner Wilhelmstraße – und Staatssekretär Miguel Berger hielt eine Rede. © imago / pemax
Annette Weinke im Gespräch mit Sigrid Brinkmann · 30.07.2022
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Seit 1996 erinnern in den Boden verlegte kleine Gedenktafeln an Opfer des Nationalsozialismus. Vor dem früheren Sitz des Auswärtigen Amts in Berlin befinden sich seit November 2021 nun Stolpersteine mit den Namen ehemaliger NS-Funktionseliten.
„Ausgangspunkt der Stolperstein-Idee ist, dass das NS-Regime Millionen von namenlosen Opfern hinterlassen hat. Es ging dem Regime nicht nur um die Zerstörung von Existenzen bis hin zur physischen Ermordung, sondern tatsächlich auch um die Auslöschung der Erinnerung an diese Personen“, erklärt die Historikerin Annette Weinke, die bis 2010 in einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes mitgearbeitet hat.
Insofern sollten die Stolpersteine dazu dienen, die Opfer aus dieser Anonymität herauszuholen und das Gedenken im Alltag an sie wach zu halten. Wenn nun aber, wie im November vergangenen Jahres geschehen, in der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte – dort, wo das Auswärtige Amt von 1870 bis 1945 seinen Sitz hatte – auf einen Schlag 56 solcher Gedenksteine verlegt werden, dann bekommt diese Form der Erinnerung einen ganz anderen Charakter, so Weinke: Vor allem, „wenn man es mit dem Personal einer früheren NS-Behörde wie dem Reichsaußenministerium zu tun hat.“

NS-Funktionseliten sind sehr gut erforscht

Eine Recherche des „Spiegel“ ergab, dass unter den Geehrten auch Nazisympathisanten seien, zum Beispiel Georg von Broich-Oppert, der ab 1939 im IG-Farben-Konzern Abteilungsleiter war, oder Alfred Lütgens. Er war persönlicher Referent des Militärbefehlshabers in Posen.
„Wir haben es hier mit Funktionseliten zu tun, die eine bestimmte Rolle gespielt haben: einerseits im Zuge der Machtergreifung, dann im Nationalsozialismus selbst und, sofern sie wieder beschäftigt wurden, auch in der Bundesrepublik“, erklärt Weinke.
Das Besondere hieran ist, dass „die Tätigkeiten dieser Funktionseliten sehr gut und in vielfacher Form dokumentiert sind. Es macht vor diesem Hintergrund einen sehr großen Unterschied, ob man als Hausgemeinschaft Stolpersteine für ehemalige jüdische Hausbewohner verlegt und putzt, oder ob man diese Aktion als Mitarbeiter einer deutschen Bundesbehörde betreibt.“

Ein mühsames Puzzlespiel

Weinke vermutet, dass „die Aufarbeiter im Auswärtigen Amt diesen entscheidenden Unterschied vielleicht nicht richtig verstanden haben. Was dafür spricht, ist auch die Tatsache, dass dort tatsächlich 56 Steine auf einen Schlag verlegt worden sind.“ Bei einer so großen Zahl, könnten sich schnell Fehler einschleichen, sagt Weinke.
Dazu muss man auch wissen, dass es sich hier um eine ehrenamtliche Initiative von Mitarbeitern des Auswärtigen Amts handelt. Die Steine wurden aber im Beisein des Staatssekretärs Miguel Berger verlegt, der auch eine Rede hielt.
Weinke verweist darauf, dass es „Material in Hülle und Fülle“ zu den NS-Funktionseliten gibt, man dieses aber „richtig lesen können muss“. Aus eigener Erfahrung wisse sie, „dass es zum Teil ein mühsames Puzzlespiel ist“: Die Biografien seien alles andere als glatt, oft gebe es auch Überlieferungslücken.

NS-Funktionseliten halfen sich gegenseitig

„Auch eine Rolle spielt, dass die sogenannten Ehemaligen versucht haben, nach 1945 ihre Lebensläufe zu glätten und zu schönen. Da haben sie auch tatkräftige Mithilfe von den anderen Ehemaligen bekommen.“ Der Fall Broich-Oppert sei ein prägnantes Beispiel dafür, erklärt Weinke:
„Aus den Akten des alten Amtes geht sehr klar hervor, dass er Anfang der 30er-Jahre in seiner Rolle als Legationssekretär in Wien ein enger Verbindungsmann zur illegalen österreichischen SA-Führung war. Deswegen haben sich auch hochrangige SA-Führer für ihn stark gemacht, als er nicht in der Lage war, den sogenannten Ariernachweis zu erbringen. Er machte nach 1949 eine steile Karriere im neuen Auswärtigen Amt. In den Akten des neuen Amtes findet sich aber wiederum über diese Geschichte nichts.“

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