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Frühkritik | Beitrag vom 18.09.2020

Steph Cha: "Brandsätze"Die Stadt der Unruhen

Von Sonja Hartl

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Zu sehen ist der Titel des Kriminalromans "Brandsätze" von Steph Cha.  (Ars Vivendi / Deutschlandradio)
Steph Cha zeichnet ein hoch spannendes Porträt des Lebens schwarzer und koreanischer Familien in den USA. (Ars Vivendi / Deutschlandradio)

Eine koreanische und eine schwarze Familie geraten in Los Angeles in einen Strudel aus Rassismus und Gewalt. "Brandsätze" von Steph Cha ist vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste ein brisanter und hochaktueller Kriminalroman aus den USA.

Der Name Rodney King ist bekannt. Als die vier Polizisten, die den jungen Schwarzen verprügelt hatten, vor 30 Jahren von einem Gericht freigesprochen wurden, war das der Auftakt für tagelange Unruhen in Los Angeles.

Weitaus weniger bekannt ist Latasha Harlins. Sie war 15 Jahre alt, als ihr eine aus Korea stammende Ladenbesitzerin in Los Angeles in den Hinterkopf schoss, weil sie sie für eine Ladendiebin hielt. Sie wurde zu Bewährung, 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit und einer Zahlung von 500 US-Dollar verurteilt. Ein höheres Gericht bestätigte das Urteil – eine Woche vor den Unruhen von 1992.

Milde Strafe

Der Fall Latasha Harlins ist der Hintergrund zu Steph Chas packendem Kriminalroman "Brandsätze". An einem Juniabend im Jahr 2019 verlässt die Kalifornierin Grace Park die elterliche Apotheke und geht mit ihrer Mutter zum Auto. Plötzlich taucht ein vermummter Mann vor ihnen auf und schießt auf die Mutter. Kurz darauf erfährt Grace, dass ihre Mutter vor Jahren eine schwarze Jugendliche namens Ava getötet hat und damals mit einer milden Strafe davongekommen ist.

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Steph Cha erzählt von den Auswirkungen der Gewalt auf zwei Familien. Im Los Angeles des Jahres 2019 finden wieder einmal Proteste gegen rassistische Polizeigewalt statt.

Während Grace Park damit leben muss, dass ihre aus Korea eingewanderte Mutter als Mörderin und Rassistin gilt, musste Shawn Matthews 1991 mitansehen, wie seine Schwester Ava erschossen wurde. Als sein gerade aus der Haft entlassener Cousin nun für die Schüsse auf Grace' Mutter verhaftet wird, weiß er, dass die Polizei nicht weiter ermitteln wird, haben sie doch einen plausiblen und politisch angenehmen Täter. Also beschließt er, selbst die Unschuld seines Cousins zu beweisen.

Rassismus und Gewalt

Mit bemerkenswertem Gespür für die Atmosphäre in Los Angeles, die komplexen Beziehungen innerhalb beider Familien und die vielfältigen Diskriminierungsebenen zeichnet Cha ein hoch spannendes Porträt des Lebens schwarzer sowie koreanischer Familien in den USA. Die Gewalt findet in einem Kontext statt, der von Furcht, Wut, Hass und Rassismus geprägt ist.

Angesichts der Black-Lives-Matter-Proteste ist "Brandsätze" ein hochaktueller Roman, der zu verstehen hilft, wie die Wut und Frustration vieler US-Amerikaner entstanden sind. Cha vermeidet einfache Schuldzuweisungen und Kausalitäten und bleibt inmitten der großen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen perspektivisch und erzählerisch nah bei den Familien. Dadurch erinnert "Brandsätze" in den besten Passagen an Walter Mosleys großen Kriminalroman "Little Scarlet" über die Watts Riots 1965. Die Geschichte von Los Angeles ist immer auch eine Geschichte der Unruhen in dieser Stadt.

Steph Cha: "Brandsätze"
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
Ars Vivendi, Cadolzburg 2020
336 Seiten, 22 Euro

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