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Lesart | Beitrag vom 23.02.2021

Stefano Mancuso: "Die Pflanzen und ihre Rechte" Das hierarchiefreie Miteinander der grünen Welt

Von Michael Lange

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Cover von Stefano Mancuso "Die Pflanzen und ihre Rechte" vor orangenem Aquarell-Hintergrund (Deutschlandradio / Klett-Cotta)
Stefano Mancuso geht es um einen neuen, alternativen Blick auf die Natur. (Deutschlandradio / Klett-Cotta)

Nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen haben Rechte, sagt Stefano Mancuso. Das neue Buch des bekanntesten Botanik-Professor Europas ist ein flammendes Plädoyer, dies den Pflanzen endlich zuzugestehen.

Ohne Pflanzen gäbe es weder Tiere noch Menschen auf der Erde. Durch die Fotosynthese produzieren sie Sauerstoff und schaffen so die Grundlange für alle anderen Formen des Lebens. Dennoch gelten Pflanzen juristisch als Sachen ohne eigene Rechte. Stefano Mancuso will das ändern. In seinem Buch betrachtet er unseren Planeten aus pflanzlicher Perspektive.

Ein engagiertes Plädoyer

Eine wirkliche Verfassung, die Überlebensrechte oder Freiheitsrechte für Pflanzen auflistet und juristisch formuliert, hat Mancuso nicht verfasst. Sein Buch klingt eher wie ein engagiertes Plädoyer.

Als Anwalt der Pflanzen beschreibt er kundig und lebendig die besonderen Leistungen und Fähigkeiten seiner Mandanten. Dabei fällt auf, dass es den Pflanzen nicht nur um ihr eigenes Überleben geht. Im Gegensatz zu uns Menschen gefährden sie nicht das Gesamtsystem, in dem sie leben.

Von Pflanzen lernen

Vielmehr sichern sie das System für sich und alle anderen Lebensformen. Was die nachhaltige Nutzung von Ressourcen angeht, können wir viel von ihnen lernen.

In der Pflanzenwelt dominiert das Miteinander. So gelingt es Pflanzen, die unterschiedlichsten Lebensräume zu besiedeln. Verschiedene Arten tun sich zu Symbiosen zusammen, wenn sie einzeln nicht überleben können. Ein gutes Beispiel sind Flechten, eine Symbiose aus Pilzen und Algen, die in heißen Wüsten ebenso überlebt wie im Eis, und vorübergehend sogar im Weltraum.

In der Pflanzenwelt dominiert das Miteinader

Das Miteinander in vernetzten Systemen sieht Mancuso als Grundprinzip der pflanzlichen Lebensweise. Selbst in ihrem Innern kommen sie ohne Hierarchien aus.

Statt wie Tiere einzelne spezialisierte Organe auszubilden, sind ihre Zellen Alleskönner. Sie können unterschiedliche Aufgaben übernehmen und sich bei Bedarf den Umweltbedingungen anpassen. Selbst, wenn die Hälfte seiner Blätter zerstört wird, kann ein Baum weiterleben.

Auch die Evolution der Pflanzen beschreibt der Autor nicht als Daseinskampf, in dem jeder gegen jeden kämpft. Evolution als Wettbewerb sei eine typisch tierische und somit menschliche Sichtweise.

Kämpfe sind keine Alternative

Aus Pflanzenperspektive geht es um Abhängigkeiten, Gemeinsamkeit, gegenseitige Hilfe und Anpassung an die jeweiligen Lebensbedingungen. Denn Kämpfen oder Flüchten sind für Pflanzen keine Alternativen.  

Wie schon in seinen früheren Büchern erweist sich Stefano Mancuso nicht nur als Pflanzenkenner. Er ist von der Botanik regelrecht begeistert, und seine Begeisterung ist ansteckend.

Eine neue Philosophie

Der Italiener beschreibt nicht nur, er ergreift Partei. Juristische Fragen um mögliche Pflanzenrechte interessieren ihn dabei nicht. Ihm geht es um einen neuen, alternativen Blick auf die Natur, eine Art pflanzliche Philosophie.

Stefano Mancuso: "Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur"
Aus dem Italienischen von Andreas Thomsen
Klett-Cotta, Stuttgart 2021
160 Seiten, 18 Euro

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