Stefan Matuschek: "Der gedichtete Himmel"

    Romantik jenseits deutscher Seelenpein

    06:31 Minuten
    Buchcover Der Gedichtete Himmel - Eine Geschichte der Romantik.
    Nach Rüdiger Safranski ist Stefan Matuschek der zweite deutsche Biograf der Epoche der Romanik aus Sicht des 21. Jahrhunderts. © Deutschlandradio / C. H. Beck
    Von Katharina Teutsch · 08.04.2021
    Audio herunterladen
    Stefan Matuschek deutet die Romantik neu. Der Literaturwissenschaftler nimmt sie nicht als deutschen Nationalstil in den Blick, sondern als Antwort einer Epoche auf die geistigen Baustellen der Aufklärung.
    "Meine Erklärung des Wortes Romantisch", schrieb Friedrich Schlegel 1797 an seinen Bruder, "kann ich Dir nicht gut schicken, weil sie – 125 Bogen lang ist." Nach Rüdiger Safranski ist Stefan Matuschek der zweite deutsche Biograf der Epoche der Romanik aus Sicht des 21. Jahrhunderts. Und er klärt darüber auf, dass 125 Schlegelsche Bögen etwa 2000 Druckseiten ergeben hätten. Eine maßlose Übertreibung also: romantische Ironie.

    Kinderleicht und kompliziert zugleich

    Dort wo Safranski zu Beginn seines Buchs mit großem inszenatorischen Geschick Herder als Portalfigur der deutschen Romanik in See stechen ließ, kommt bei Matuschek akademische Ausnüchterung:
    "Romantik ist kinderleicht, wenn man darunter alltagssprachlich die Stimmung versteht, in der uns die Fantasie angenehm verzaubert und über die Wirklichkeit erhebt. Romantik ist überkomplex, umstritten und voller Widersprüche, wenn man sie kulturgeschichtlich als das Großphänomen erfassen will, das Literatur und Künste, Wissenschaft, Philosophie und Politik in Europa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hervorbringen."
    Safranski hatte die Romantik zu einer "deutschen Affäre" erklärt und den Fokus auf ihre Verdunkelungstendenz gesetzt: vom deutschen Tiefsinn der Kunstreligion hin zu deutschem Irrsinn der Nazi-Ideologie. Matuschek will hier in angemessener Akribie differenzieren. Angemessen meint: Sein Buch ist leserfreundlich geschrieben. Doch es verzichtet auf eine völkerpsychologische Großthese.

    Metaphysische Luftschlösser

    Matuschek kommt eher kontraintuitiv in die Gänge. So wird die Romantik nicht als das große Andere zum Geist der Aufklärung verstanden, sondern als ihr "zweiter Impuls". Sie ist die stilistische Antwort auf die intellektuellen Großbaustellen, die das Aufklärungszeitalter hinterlassen hat.
    Um 1800 blühen die Lebenswissenschaften auf. Die Theologie tritt als Sinnstiftungsinstanz in den Hintergrund. Die Biologie übernimmt ihre Konkursmasse. Doch ist sie zu spezialisiert, um das große Ganze zu erklären. So wandern die Fragen nach der Unsterblichkeit der Seele, nach dem Schicksal, nach kulturellen Identitäten und dem Ziel der Geschichte ab in den Bereich der spekulativen Künste.
    In der romantischen Literatur wird ein "gedichteter Himmel" beschworen, der das transzendentale Vakuum der Aufklärung mit Seele füllt. "Romantik ist die Kunst, metaphysische Luftschlösser zu bauen", schreibt Matuschek. Und zwar, trotz mittelalterlicher Leitmotive, auf innovative Weise. Die Brüder Schlegel werden hier mit ihrer Universalpoesie noch einmal zum Dreh- und Angelpunkt einer Literaturtheorie, die jede Regelpoetik hinter sich lässt und die Matuschek sehr einleuchtend als den Beginn der literarischen Moderne markiert.

    Romantik als Revolution mit anderen Mitteln

    Matuschek weitet sein Thema, indem er Wissenschaftsgeschichte in den Blick nimmt, aber auch politische Befreiungsereignisse wie die Französische Revolution oder Medienereignisse wie die "Leserevolution" um 1800, das heißt: die Emanzipation des Lesens von Kirche und Schule. Romantik erscheint hier nicht mehr als Nationalstil, sondern als Epochenphänomen.
    In Frankreich zum Beispiel steht sie bis heute für das Progressive, das sich vom Retro-Chic der Bourbonen-Restauration emanzipiert. Romantik in Frankreich hat den Glamour der fortgesetzten Revolution mit anderen Mitteln.
    Man erfährt in diesem Buch vieles über das kulturelle Setting verschiedener Romantikernationen und geht, so romantisch aufgeklärt, zu Safranskis spannender, aber auch etwas hollywoodesker Lesart einer düster-deutschen Seelenpein zurück.

    Stefan Matuschek: "Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik"
    C.H. Beck Verlag, München 2021
    400 Seiten, 28 Euro

    Mehr zum Thema