Kommentar: Sprecht doch miteinander!

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Illustration von Eltern, die mit ihrem Kind auf dem Sofa sitzen. Alle blicken auf ihre Smartphones.
Von einer „Post-Sprach-Welt“ ist bereits die Rede, einer wortlosen Zukunft, in der nur noch Daten übermittelt werden © imago / Zoonar / Elada Vasilyeva
Von Adrian Lobe |
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Die Notwendigkeit für echte Gespräche nimmt ab. KI-Assistenten, Messengerdienste und SB-Kassen tragen zur neuen Sprachlosigkeit bei. Dabei ist verbale Verständigung enorm wichtig. Schon eine Konversation am Tag steigert das Wohlbefinden.
Wer mit offenen Ohren durch den öffentlichen Raum läuft, dem wird aufgefallen sein, dass es um die Menschen herum seltsam still geworden ist: Paare schweigen sich beim Essen an und starren auf ihre Handys. Pendler schalten mit Noise-Cancelling-Kopfhörern ihre Umwelt stumm. Und Paketboten stellen kontakt- und kommentarlos Pakete ab.
Funkstille, wohin man hört. Im Supermarkt wird man von mürrischen Mitarbeitern an der Kasse bedient, sofern man als Kunde nicht gleich mit einer Selbstbedienungskasse konfrontiert ist. Im Restaurant serviert der Roboter das Schnitzel.
Und in der Kundenhotline kann man froh sein, wenn man überhaupt noch einen Menschen an die Strippe bekommt und sein Problem nicht einer begriffsstutzigen KI schildern muss – am besten noch per Chat. Der Mensch geht sich aus dem Weg, weil er sich selbst aus dem System programmiert. 

Menschen sprechen tatsächlich weniger

So konnten Gäste in einem Hotel der Kette Aloft in New York schon vor einigen Jahren Zahnpasta oder Ladekabel per Emoji aufs Zimmer bestellen – der Zimmerservice legte das Zubehör dann vor die Türe. Der mundfaule Hotelgast musste sich also noch nicht einmal die Mühe machen, zum Hörer zu greifen und an der Rezeption anzurufen, sondern bloß ein paar Piktogramme verschicken. Das Motto: „Text it, get it.“
Dass diese Beobachtungen nicht nur anekdotische Evidenz besitzen, zeigt eine Langzeitstudie aus den USA: Demnach ist die Zahl der gesprochenen Wörter im Zeitraum zwischen 2005 und 2019 um 28 Prozent gesunken – von rund 16.000 Wörtern auf nur noch 12.700 täglich.
Menschen sprechen also weniger. Vor allem bei Jüngeren ist der Sprachgebrauch rückläufig. Die Gründe: kontaktloses Bezahlen, Online-Bestellungen, Messengerdienste. Wenn künftig autonome KI-Agenten auf Shopping-Tour gehen, muss man noch nicht einmal seinen Produktwunsch verbalisieren – die KI weiß, was wir wollen.
Tech-Milliardär Elon Musk prophezeit, dass die menschliche Sprache überflüssig werde, weil man Gedanken dereinst per Gehirnchips auslesen könne. Sprache, so Musk, werde allenfalls noch „aus sentimentalen Gründen“ gebraucht. Von einer „Post-Sprach-Welt“ ist bereits die Rede, einer wortlosen Zukunft, in der nur noch Daten übermittelt werden.

Wer miteinander redet, lernt zuzuhören

Mit dem Verlust der Sprache geht aber nicht nur ein Stück Alltagskultur verloren, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen. Studien zeigen: Schon eine Konversation am Tag reicht, um das Wohlbefinden zu steigern und Stress abzubauen. Wer miteinander redet, lernt zuzuhören und den anderen zu verstehen – und baut Vorurteile ab. Vor allem aber ist Sprache ein Medium, das unser Denken strukturiert. Erst das Sprechen und Schreiben präzisiert unsere Gedanken.

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Den Tech-Konzernen ist das egal: Sie bevorzugen einen gedankenlosen Nutzer, der sich erst von der Autocomplete-Funktion Wörter und Sätze vervollständigen und inzwischen ganze Texte von großen Sprachmodellen schreiben lässt. Die zunehmende Sprachlosigkeit ist also kein Zufall. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Kontrolle über unsere Sprache zurückzugewinnen – und sich nicht zum Befehlsempfänger oder gar Mündel von Maschinen degradieren zu lassen. 
Wie das gehen kann, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden: Dort hat die Supermarktkette Jumbo in ihren Filialen eine „Plauderkasse“ eingerichtet, wo bewusst langsam abkassiert wird und Zeit für ein Schwätzchen bleibt. Damit soll der Einsamkeit älterer Kunden begegnet werden. Es ist auch ein Statement gegen die soziale Kälte der Maschinen. Wo analoge Gesprächsräume entstehen, braucht es am Ende auch keine digitalen Seelenklempner.

Adrian Lobe, Jahrgang 1988, hat in Tübingen, Heidelberg und Paris Politik- und Rechtswissenschaft studiert. Seit 2014 arbeitet er als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum, u. a. „Die Zeit“, „NZZ“, „Süddeutsche Zeitung“. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks „Surveillance Studies“ ausgezeichnet. Er ist zudem Träger des Georg von Holtzbrinck Preises für Wissenschaftsjournalismus. 2022 erschien bei C.H. Beck sein neues Buch „Mach das Internet aus, ich muss telefonieren“.

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