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Im Gespräch | Beitrag vom 06.11.2019

SPD-Politikerin Christine Bergmann"Ministerin für Famile und Gedöns bleibt hängen"

Moderation: Katrin Heise

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Porträt der früheren Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. (imago-images/ Jürgen Blume)
Bundesfamilienministerin a.D.: Christine Bergmann (SPD) sieht die Leistungen ostdeutscher Frauen nicht genug gewürdigt. (imago-images/ Jürgen Blume)

Die ehemalige SPD-Familienministerin Christine Bergmann war eine der ersten Frauen aus dem Osten, die nach 1989 einen rasanten Aufstieg in der Bundespolitik hinlegten. Bis heute arbeitet die 80-Jährige an der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Ost und West.

Mit 50 änderte sich für Christine Bergmann fast alles. Klar, 1989 war natürlich die Maueröffnung, aber die gebürtige Dresdnerin promovierte auch und machte ihre ersten Schritte in der Politik.

Im Herbst war sie in die neu gegründete Sozialdemokratische Partei in der DDR eingetreten. Wenige Monate später wurde aus der Pharmazeutin die Präsidentin der Berliner Stadtverordnetenversammlung in Ost-Berlin. "Ich wollte eigentlich nicht aus meinem Beruf raus. Aber ich dachte, du überredest immer die anderen, da musst du selber mitmachen. Ich dachte, wer A sagt, muss auch B sagen. Die Alten haben wir weg, jetzt können wir doch nicht sagen, das was jetzt kommt, das können wir nicht."

Ost-Berliner Verfassung als revolutionärer Akt

Für Christine Bergmann war die neue Aufgabe eine Mischung aus Überforderung und Euphorie. "Wie kommt man aus einer Diktatur in eine Demokratie? Aber das Gefühl, jetzt nicht mehr in einer Ecke zu sitzen, jetzt was machen zu können, das war schon sehr gut."

Bis Dezember 1990 gab es zwei Berliner Parlamente, Abgeordnetenhaus im Westen und Stadtverordnetenversammlung im Osten. In dieser kurzen Zeit musste nicht nur die Einheit vorbereitet werden, die Ostberliner Abgeordneten erarbeiteten sogar eine eigene Verfassung. "Es gab ja den Verfassungsentwurf vom Runden Tisch. Der ist aber leider nie diskutiert worden. Und wir in Berlin haben gesagt, wir Osterberliner und Ostberlinerinnen kommen nicht mit leeren Händen in die vereinigte Stadt. Wir kommen mit unserer eigenen Verfassung. Wir hätten das gar nicht gedurft. Aber es hat uns nicht gestört. Wir haben gesagt, das ist jetzt revolutionäres Recht."

Heute beinhalte die Berliner Verfassung Elemente aus den Konstitutionen beider Teile der Stadt. "Immer noch, wenn ich die Verfassung hineingucke, finde ich so ein paar Artikel, die kommen aus unserer alten Verfassung. Zum Beispiel der Gleichstellungsartikel und das Recht auf Arbeit."

1991 wurde Christine Bergmann Senatorin für Arbeit und Frauen im gemeinsamen Berliner Senat. Eine Zeit, in der vor allem im Ostteil der Stadt über 150.000 Arbeitsplätze verloren gingen. Auch für die Politikerin Christine Bergmann waren das harte Jahre. "Ich bekam über Nacht 30.000 ABM-Stellen auf den Tisch gepackt und hatte überhaupt keine Verwendung dafür. Und wie das so ist in der Politik, am nächsten Tag fragen alle: `Was hast denn du gemacht? Wie weit bist du denn`?"

Gerhard Schröder hat sich halbherzig entschuldigt

1998 dann der Schritt in die Bundespolitik. Unter Gerhard Schröder wurde Christine Bergmann Familienministerin. Von "Familie und Gedöns" sprach der damalige Kanzler. Hat er sich dafür eigentlich entschuldigt? "So indirekt. Er hat schon mal zugegeben, dass das eigentlich nicht so gut war. Aber es bleibt hängen. Aber es hat auch damit etwas zu tun, wie dieser Bereich gewertet wurde. Da hat sich ja, Gott sei Dank, viel geändert", erzählt Christine Bergmann.

Mit 62, nach zwölf Jahren, zog sich Bergmann aus der Politik zurück. Bis heute engagiert sich die 80-Jährige aber in vielen Ämtern. So wurde sie 2010 die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. "Innerhalb von gut einem Jahr waren das fast 20.000 Betroffene, die sich da gemeldet haben. Die das erste Mal darüber geredet haben, die das ein Leben lang mit sich herumgeschleppt haben."

Als SPD-Mitglied beschäftigt Christine Bergmann derzeit vor allem die Lage ihrer Partei. Trotz einstelliger Wahlergebnisse, wie zuletzt in Thüringen, bleibt sie optimistisch. "Ich bin nicht für aufgeben. Ich denke, wir kommen da wieder raus."

(ful)

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